Filmemacher Marc Boettcher im Gespräch mit Cosmo Scharmer von jazz-fun.de – Teil 1

Anlässlich des Erscheinens des Doppel-Vinyl-Albums Belina – Music for Peace – weist jazz-fun.de auf den gleichnamigen Film hin, der seine Weltpremiere im Herbst 2021 haben wird. Das Album ist Anlass für ein Gespräch mit dem Filmemacher.

Jazz-Fun.de
Starke Freuen in der Musik und deren Kampf mit der Musik-Industrie interessieren und faszinieren den dokumentarischen Filmemacher Marc Boettcher sehr stark. Das zeigen die Portraits der tragischen Jazzsängerin Inge Brandenburg und aktuell von Belina.
Was interessiert Dich an diesen Frauen?

Marc Boettcher:
Starke Frauen. Ja, starke Frauen interessieren mich nicht nur privat, sondern auch künstlerisch. Und das Schicksal einer Künstlerin muss mich natürlich berühren, damit ich mich überhaupt diesem Thema annehme. Alexandra, Inge Brandenburg wie auch jetzt Belina, das sind so Propheten, die in ihrem eigenen Lande nicht den Ruhm erlangten, der ihnen eigentlich geschuldet war.

Ähnlich wie Inge Brandenburg war Belina eine sehr starke Frau, die sich ohne einen männlichen Partner durchsetzen musste, im Beruf, im Geschäft. Ebenso Alexandra. Das sind für mich diese starken Frauen, die nicht nur keine Förderer und Männer an ihrer Seite hatten, sondern es doppelt so schwer hatten, in dieser männerdominierten Musikbranche zu überleben.

jazz-fun.de:
Warum Belina? Was ist das Besondere an dieser Sängerin, die überwiegend in den Genres Chansons und Folklore tätig war? Was zeichnet sie musikalisch aus?

Marc Boettcher:
Das Besondere ist: Belina ließ sich - ebenso wenig wie Inge Brandenburg oder Alexandra - nicht in Schubladen pressen. Diese Frauen haben nicht nur ein Genre wie Schlager oder so bedient. Belina sang Chansons, Ghetto-Lieder, Weltmusik bis hin zur Klassik. Auch Inge Brandenburg hatte diese enorme Bandbreite, die vom Schlager über Jazz, bis hin zum Free Jazz und zur Zwölftonmusik reichte.

Das ist das Interessante, dass sich Belina - wie Gitte Haenning, die ich auch porträtierte -, als starke Frau immer wieder neu selbst fand. Sie hat in der Schweiz angefangen, französische Chansons zu singen. In Paris wurde sie dann fürs jüdische Kabarett entdeckt und hat lustige Songs gesungen: auf Jiddisch, auf Hebräisch, auf Russisch. Gleichzeitig nahm sie ihre ersten Platten auf – Ghetto-Lieder. Das sind Lieder, die wirklich in den Ghettos geschrieben wurden. Sie selbst sagte dazu: Ihr dürft Ghetto-Lieder nicht falsch verstehen als deprimierende, ja ergreifende Songs, sondern die konnten genauso froh und heiter sein.

Und klar, die deutsche Schlager-Industrie wollte natürlich eher Schlager, weil es in ihren Augen kommerzieller war. Ähnlich wie Inge Brandenburg mit ihrem Jazz war Belina wirklich diejenige, die jüdische Kultur nach dem Krieg aufrechterhielt und wieder zum Leben erweckte. Und Inge Brandenburg machte die verpönte „Negermusik des Jazz“ in Deutschland wieder hoffähig, weil beide Musik-Genres im Nazireich verboten waren oder „missbraucht“ wurden.

jazz-fun.de:
Gibt's es auch Plattenaufnahmen auf Jiddisch aus dieser Zeit, aus Deutschland?

Marc Boettcher:
Ja, sie hat mehrere Platten aufgenommen. „Es brennt“ heißt eine LP. Das sind Ghetto-Lieder, jiddische Lieder. Es gibt zirka 30 LPs. Davon sind vielleicht 20 Compilations und ein Dutzend richtige Studioalben. Jeweils eine LP hat sie Polen gewidmet, Russland, jiddischen Liedern. Sie besaß auch den spezifischen jüdischen Humor. Es gibt sogar eine Humoreske zusammen mit dem Komiker Jens Brenke: Wenn die Jidden lachen.

Belina hat thematisch alles bedient, was es eigentlich gar nicht gab. Deswegen hat sie auch mit jiddischen Songs versucht, der Jugend zu erklären, dass Jiddisch eine uralte Kultur ist, die nicht in 12 Jahren Nazi-Regime platt gemacht werden konnte. Sie betonte: Mein Gott, das sind die Wurzeln von uns allen.

jazz-fun.de:
Zur Biografie.
Warum blieb Belina - nach den leidvollen Erfahrungen der Zwangsarbeit und dem Holocaust-Schicksal ihrer Familie in Deutschland?

Marc Boettcher:
Belina hatte ihre gesamte Familie beim Holocaust in Polen verloren, kam als Zwangsarbeiterin nach Hamburg. Dort wurde sie von eigenen Landsleuten denunziert. Daraufhin war sie zur Deportation vorgesehen. Sie schnitt sich den Finger ab und bekam eine schwere Blutvergiftung. Sie wurde dann von einem katholischen Priester gerettet, der ihr zur Flucht nach Lübeck verhalf, wo sie sich versteckte.

Das Kriegsende erlebte sie in Lübeck. Kurz darauf lernte sie einen jüdischen Mann aus Bergen-Belsen kennen. Ihn heiratete sie nach jüdischem Glauben, nicht standesamtlich. Und sie bekam ein Kind. Für wenige Jahre waren sie eine Familie. Nach der Trennung von ihrem Mann, ging sie mit ihrem Sohn nach Frankreich zu ihrer Tante und Cousine. Als Staatenlose erhielt sie die französische Staatsangehörigkeit und machte eine Ausbildung zur Kosmetikerin.

Und währenddessen, ohne dass es jemand erfuhr, hat sie eine Gesangsausbildung gemacht. Sie wurde entdeckt, nahm ihre ersten Schallplatten auf, hatte Bühnenauftritte in Paris. Auch in Deutschland wurde man hellhörig und bat sie zu Aufnahmen nach Köln, wo sie auch auf der Theaterbühne die Polly in Brechts Dreigroschenoper spielte.

Aber von ihr wollte man deutsche Schlager hören. Kurzer Exkurs. Die Deutschen dachten: Ah, da kommt jetzt eine Französin, hat einen netten östlichen Akzent, kommt aber trotzdem aus Frankreich.

Ende der Fünfzigerjahre kam Belina aus Paris nach Deutschland, wo sie zuerst Schlager sang, aber mit wenig Erfolg. Und es machte ihr auch keine Freude, weil sie sich nicht mit diesen Schlagern identifizierte und sie sich auch nicht als Schlagersängerin sah. Sie bewegte sich nicht so wie eine Sängerin. Sie war kein Püppchen, genauso wenig wie Inge Brandenburg. Beide fühlten sich im Schlager unwohl. Der Produzent und spätere Hitparaden-Macher Truck Branss engagierte Belina für seinen ersten Film. Truck Branss ließ sie das singen, was sie gerne wollte und heimste internationale Preise ein.

jazz-fun.de:
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Siegfried Behrend? Gab es ein spezielles Geheimnis ihres Erfolges als Duo?

Marc Boettcher:
1962 lernte sie in Saarbrücken - während der Dreharbeiten von Truck Branss Porträt über Belina – den weltberühmten Gitarristen Siegfried Behrend kennen. Und sie fanden sofort zueinander. Er hatte als Weltmusik-Fan einer der umfangreichsten Sammlungen von weltweiter Folklore. Belinas polnische, russische und jüdische Geschichte fehlte noch in seinem Repertoire, und sie kamen kongenial zusammen, brachten gegenseitig ihre Lieder ein. Und das war das spezielle Geheimnis ihres Erfolges.

Beide haben in unendlich vielen Sprachen Musik gemacht. Belina hat in 17 Sprachen und weiteren Dialekte gesungen. Damals hat Siegfried Behrend das alles nur vom Hören transkribiert. Belina ist in die Botschaften gegangen, hat sich die Texte übersetzen lassen, wollte einfach verstehen, was sie da singt. Und sehr schnell war klar, dass diese Musik überall auf dieser Welt einen ähnlichen Konsens hat - nur in anderen Sprachen. Es ging um Liebe, Wiegenlieder, Kinderlieder. Es ging um Gemeinsamkeit, um Freude und Leid. All das waren die existentiellen Grundelemente der Musik.

Text: Cosmo Scharmer.

Teil 2 des Interviews lesen Sie hier

Aktuelles Album:

Belina - Filmmusik: Belina - Music For Peace

Die aktuelle Rezension lesen:

Belina - Filmmusik: Belina - Music For Peace

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