Filmemacher Marc Boettcher im Gespräch mit Cosmo Scharmer von jazz-fun.de – Teil 2

Anlässlich des Erscheinens des Doppel-Vinyl-Albums Belina – Music for Peace – weist jazz-fun.de auf den gleichnamigen Film hin, der in Berlin im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals am 17.08 uraufgeführt wird.
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Teil 1 des Interviews lesen Sie hier

Jazz-Fun.de
Wie kam es zur musikalischen Trennung von Siegfried Behrend? Wie ging Belina damit um?

Marc Boettcher:
Sie sind fünf, sechs Jahre auf Weltreise gegangen, vermittelt über das Goethe-Institut und durch das Auswärtige Amt. Besonders Siegfried Behrend war sehr rührig, er hatte viele Kontakte, da er schon vor der gemeinsamen Karriere mit Belina die Welt bereiste. Und auch in Ländern, die der abendländischen Kultur wenig abgewinnen konnten, hat er ihre Musik nähergebracht. Umgekehrt hat er deren Musik entdeckt und mitgebracht, sei es aus Afrika oder aus Sibirien, woher auch immer. Er lernte 1965 - während eines Konzertes mit Belina - eine Frau kennen, die dann seine Geliebte, später seine Ehefrau wurde. Zu dritt zogen sie dann um die Welt.

Siegfried Behrend wollte mit seiner Frau zusammenarbeiten und künftig eher avantgardistische Musik machen. Sie - Claudia Brodzinska-Behrend - las, rezitierte als Schauspielerin, und er hat dazu gespielt. Da war dann für Belina kein Platz mehr. Und ihre Zeit, ihre Ära war vorbei. Wie oft soll man die Welt bereisen mit diesem Repertoire der Weltmusik? Andere Musiker folgten, wie die Ofarims. Esther Ofarim sagt noch heute, Belina war ein großes Vorbild. Die Ofarims waren kommerzieller, machten die bessere Karriere. Sie sahen auch anders aus, waren poppiger und geschmeidiger. Belinas Präsentation, ihr Outfit gehörte eher zu den Existenzialisten à la Juliette Gréco und Sartre anfangs der 60er Jahre. Ende der 60er Jahre war plötzlich alles, sogar der Schlager wurde als Folklore abgestempelt. Also die wirkliche wahre Folklore gab es immer weniger. Das war letztendlich auch der Trennungsgrund von Siegfried Behrend, unter dem Belina sehr litt.

jazz-fun.de:
Nochmals zu Inge Brandenburg.
Was unterschied die beiden Persönlichkeiten?

Marc Boettcher:
Der Unterschied zwischen Inge Brandenburg und Belina war der: Belina war nicht so aufbrausend, nicht so undiplomatisch wie Inge Brandenburg. Aber auch Belina wollte nicht das singen, was man ihr vorsetzte. Man versuchte - nach dem Ende ihrer Karriere mit Siegfried Behrend – sie wieder auf Schlager zu trimmen. Und das ging nicht gut. Sie wurde zur Groteske ihrer selbst. Und dann hat sie keine Verträge mehr abgeschlossen und ist auch nicht mehr aufgetreten. Sie hat mal eine Platte mit Lady Geissler aufgenommen, mit dem Jazz-Bassisten von Bert Kaempfert. Der hat mit ihr 1980 eine Langspielplatte produziert, die aber kaum wahrgenommen wurde, also floppte.

jazz-fun.de:
War die Trennung von Behrend das musikalische Ende von Belina, da es mit den Schlagern nicht klappte?

Marc Boettcher:
Naja, sie hat es noch versucht, es gab noch ein paar Singles Ende der Sechzigerjahre Jahre, unter anderem mit Songs aus dem Musical Anatevka. „Wenn ich einmal reich wär“. Es gab eine Single von Que Seas Feliz nur in Spanien und den Versuch, Belina mit vier verschiedenen Sprach-Fassungen von „Those Were The Days“ - in Französisch, Spanisch, Englisch und Deutsch - zu featuren, die in Japan, Spanien, Kanada und hierzulande erschienen, aber es hat ihr letztendlich nicht mehr geholfen. Sie war auch gesundheitlich sehr angeschlagen. Sie hatte viel geraucht, hatte aufgrund des Krieges eine chronische Bronchitis, auch durch ihr Leben im Versteck. Die Bronchitis hatte sie Zeit ihres Lebens. Sie war nicht gesund, und das war mit ein Grund, warum sie einfach nicht mehr die Kraft hatte, weiter zu machen.

Was Belina gar nicht gefiel, war, dass plötzlich jeder Schlager unter die Rubrik Folklore fiel: Heino mit Karamba Karacho, ein Whisky oder eine Hanna Aroni mit Viva España und plötzlich sang die ganze Welt Schlager unter dem Deckmantel der Folklore. Letztendlich war Belina eine Wegbereiterin der Folklore, der Weltmusik. So ähnlich wie Harry Belafonte in Amerika oder später Miriam Makeba in Südafrika.

Belina war eigentlich, nein nicht eigentlich, Belina war die europäische John Baez.

Interessant ist auch, dass Belina in Hamburg beerdigt sein wollte, weder in Paris noch in Israel oder in Polen. Sie hatte sich mit Deutschland ausgesöhnt, hatte hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Ihr Sohn lebt heute noch hier.

jazz-fun.de:
Was bringt uns Musik und Persönlichkeit von Belina aktuell?

Marc Boettcher:
Was hat sie als Botschaft hinterlassen? Sie sagte in einem Interview: Ich hab nicht vergessen, aber ich hab verziehen. Und ein Satz von ihr hat mich entzündet und besonders berührt: „Was ich mir wünsche, was ich uns allen wünsche, das ist Frieden.“ Gerade in der heutigen Zeit mit den globalen Themen Flüchtlinge, Corona-Pandemie, Rassismus bis zu den stattfindenden Kriegen ist dieser Wunsch so aktuell. Darum gibt es diesen Film. Belina gab ein starkes Zeichen, wie wichtig es ist, aufeinander zuzugehen, miteinander zu reden und Wege zueinander zu finden.

Wie wichtig dieser Film heute ist, zeigt Folgendes: Fünf junge Sängerinnen haben sich dem Erbe Belinas angenommen, lassen es in ihr Repertoire mit einfließen. Und das zeigt, wie wichtig es ist, Belina zu würdigen und ihr Erbe für die Generationen zugänglich zu machen und weiterzugeben, die nach ihr kommen, um neue Künstler zu finden, die das fortführen.

Belina sagte damals, dass sie als Ghetto-Sängerin versuchte, das Judentum nach dem Holocaust vor dem Vergessen zu bewahren. Heute haben Sängerinnen wie Sharon Brauner, Katharine Mehrling, Djatou Touré von der Elfenbeinküste oder Jocelyn B. Smith Lieder von Belina in ihrem Repertoire. Sie engagieren sie sich in einer neueren, aktuelleren Form, aber letztendlich führen Sie das Erbe Belinas zum Wohl von uns Menschen fort.

jazz-fun.de:
Ein Perfektes Schlusswort.
Marc Boettcher, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

Marc Boettcher:
Bitte, gern geschehen.

Text: Cosmo Scharmer.

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Aktuelles Album:

Belina - Filmmusik: Belina - Music For Peace

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Belina - Filmmusik: Belina - Music For Peace

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