Franco Ambrosetti Quintet - Long Waves

Franco Ambrosetti Quintet - Long Waves

Franco Ambrosetti Quintet
Long Waves

Erscheinungstermin: 05.07.2019
Label: Unit Records, 2019

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Franco Ambrosetti - Flügelhorn, Trompete
John Scofield - Gitarre
Uri Caine - Klavier
Jack DeJohnette - Schlagzeug
Scott Colley - Bass

Das Vergnügen der großen Erfahrung - „Long Waves“ - das neue Album des Schweizer Trompeters Franco Ambrosetti. Eine Aufnahme in einer edlen Quintett-Besetzung aus lauter Weltstars.

„Er kann alles spielen. Ich mag ihn“. Das sagte nicht irgendwer, sondern einer, der eher für seine lästernden als seine lobenden Bemerkungen berühmt war: der Trompeter Miles Davis, lange Zeit weltweit die Galionsfigur des modernen Jazz. Und er sagte es 1987 über einen Kollegen an seinem eigenen Instrument: den Schweizer Trompeter Franco Ambrosetti. Miles Davis weiter: „Wenn ich einen Trompeter für meine Band brauchte, würde ich ihn holen.“ Davis hatte Ambrosetti beim Jazzfest Berlin in der Band von George Gruntz gehört und stellte ihn mit seinen demaligen Aussagen über andere Spitzentrompeter wie Freddie Hubbard und Wynton Marsalis. Schon viele Jahre früher, nämlich 1966, hatte der damals 25jährige Franco Amrosetti bei einem von dem Pianisten Friedrich Gulda organisierten Wettbewerb in Wien zwei später weltberühmte Trompeter hinter sich gelassen: Randy Brecker und Claudio Roditi. Jetzt ist der Musiker und einstige Firmen-Manager, eine elegante Erscheinung mit italienischem Kleidungs-Stil und vielsprachiger Kommunikationsfähigkeit, 77 Jahre alt, und noch immer ist er ungebrochen musikalisch aktiv.

Für seine jüngste CD „Long Waves“ hat er vier musikalische Partner aus den USA gewonnen, die seit Jahrzehnetn zur internationalen Spitzenklasse zählen: Gitarrist John Scofield, Pianist Uri Caine, Schlagzeuger Jack DeJohnette und Bassist Scott Colley. Es ist Amrosettis 28 Album als Leader und sein zweite bei dem von Gitarrist Harald Haerter gegründeten Label „Unit Records“.

Eine Traum-Besetzung mit weitem Horizont: Diese Band besteht aus weltweit äußerst gefragten Musikern, die unterschiedlichen Generationen angehören. Jack DeJohnette wurde 1942 geboren und arbeitete mit Ambrosetti erst unlängst auf seinem Album Cheers von 2017 zusammen; John Scofield, Jahrgang 1951, war bereits in den 1980er Jahren mit Ambrosetti im Studio (Movies) und 2017 wieder, das Trio des 1956 geborenen Pianisten Uri Caine stand 2007 für das Album The Wind zur Verfügung. Neu in Ambrosettis Tonträger-Oeuvre: der 1963 geborene Scott Colley. Seit den 1990er Jahren ein Fels in der Brandung in Bands von John Scofield, Joe Henderson, Phil Woods, Ravi Coltrane und anderen, passt Colley ideal in diese Kombination aus starken Jazz- Persönlichkeiten. Er ist selbst eine.

Über die Studio-Sessions im Januar 2019 in New York sagt Ambrosetti: „Es fühlte sich an, als würde ich mit dieser Band schon fünf Jahre lang spielen.“ John Scofield postete nach dem Aufnahmen auf seinem Facebookaccount, was für ein „big fun“ es gewesein sei, mit dem „great Swiss trumpet player“ eine neue CD aufzunehmen.

Vier Eigenkompositionen, ein Stück seines Freundes und Wegbegleiters George Gruntz und zwei Evergreens spielt Ambrosetti hier mit dieser Band. Er selbst verwendet in diesen Aufnahmen ausschließlich das weicher klingende Flügelhorn statt der Trompete. Das besondere Kennzeichen dieses Quintetts ist nicht nur, dass es aus durweg hervorragenden Solisten besteht, sondern auch sein groovender, kompakter Sound. Schnell wird man Lieblingsstücke ausmachen – vielleicht ist es gleich die argentinisch inspirierte „Milonga“ zu Anfang der CD. Vielleicht auch eines der beiden Stücken die Franco Ambrosetti seiner Frau Sili gewidmet hat: „Sili´s Long Wave“ und „Sili´s Waltz“. Das eine davon beginnt ruhig und meditativ und formt dann einen fließenden Rhythmus, über dem sich die Stimmen von Flügelhorn und Gitarre zeitweilig zu umarmen scheinen. Das andre ist eine swingende Walzertakt-Liebeserklärung mit lyrischer Kantilene. Vielleicht springt manche Hörer auch „Try again“ am meisten an, mit markanten zweistimmigen Passagen von Gitarre und Flügelhorn im Thema. Oder es ist das von George Gruntz geliehene Stück „One for the kids“ mit Jack Dejohnettes vorwärtstreibenden Groove, einem funky losgehenden Thema und einem Uri-Caine-Solo von zupackender Kantigkeit, dem sogleich einer der vielen meisterhaften Scofield-Beiträge zu dieser CD folgt – und darauf wiederum eines jener flitzend-virtuosen Soli, die Franco Ambrosetti selbst seit Jahrzehnten berühmt ist.

Die beiden Jazz-Evergreens auf dieser CD sind Stücke, die viele Jazzfans mit Miles Davis verbinden. Der eine ist der 1938 komponierte Standard „Old folks“, auf dem Franco Ambrosetti demonstriert, wie gefühlvoll und zugleich bluesig er lyrische Stücke spielen kann. Langen Atem und schlanke Form haben seine Linien hier, und wieder ergänzt er sich besonders innig mit John Scofield´s warmem Gitarrensound, mit dem er sich hier in den Soli abwechselt. „On green dolphin street“ schließlich, ein Stück, das sich in den 1950er Jahren im Jazz durchsetzte, leuchtet hier in einer entspannten Schönheit auf, die voller unterschwelliger Energie steckt. Dies nicht zuletzt durch Jack Dejohnettes und Scott Colleys kompakte rhythmische Energieschübe. Die Aufnahme lässt das Vergnügen, den Band laut John Scofield bei der Session hatte, ganz besonders spüren: Ein Solo nach dem anderen ist hier Highlight – und nicht versäumen sollte man etwa dreieinhalb Minuten Uri Caines Solo, das den Pianisten auf einem Höhepunkt seiner explosiven Mehrstimmigkeit - Kunst zeigt.

Ein Jahr nach dem Erscheinen von Franco Ambrosettis Buch „Zwei Karrieren ein Klang“ (Verlag Dohr, Köln, 192 Seiten, 20 Euro), der Autobiographie dieser zentralen Figur einer großen Schweizer Jazzer-Familie (Vater Flavio Ambrosetti war ein berühmter Saxophonist und Sohn Gianluca Ambrosetti führt ebenfalls als Saxophonist die Tradition fort), demonstriert der Trompeter hier, dass seine musikalische Geschichte noch längst nicht ausgeschrieben ist – immer auf ganz hohem Niveau und voller Eleganz weiter swingen nach all den Jahren – das könnte seine Maxime sein.

Text: Roland Spiegel

  1. Milonga
  2. Try Again
  3. Silli's Long Wave
  4. One For The Kids
  5. Old Folks
  6. Silli's Waltz
  7. On Green Dolphin Street

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