Zwischen Herkunft und Zukunft – Camilla George über Musik, Hoffnung und neue Wege

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Camilla George

Von Jacek Brun

Mit Ibio-Ibio legte die britisch-nigerianische Saxophonistin Camilla George im Jahr 2022 ein Album vor, das musikalische Virtuosität mit einer eindrucksvollen Auseinandersetzung mit Geschichte, Identität und kulturellem Erbe verband. Seither hat sie ihre Musik auf zahlreiche internationale Bühnen getragen und ihren unverwechselbaren Stil weiterentwickelt – eine Verbindung aus modernem Jazz, afrikanischen Traditionen, Hip-Hop und zeitgenössischen Klangwelten.

Im Gespräch mit jazz-fun.de blickt Camilla George auf die Entwicklung von Ibio-Ibio zurück, spricht über die inspirierende Kraft der Londoner Jazzszene, ihre Leidenschaft für Komposition und die Bedeutung von Live-Konzerten. Gleichzeitig gewährt sie erste Einblicke in ihr kommendes Album und verrät, warum sie glaubt, dass Musik für alle Menschen da sein sollte – und weshalb Hoffnung und Liebe heute wichtiger sind denn je.

jazz-fun.de:
Camilla, seit der Veröffentlichung von Ibio-Ibio sind einige Jahre vergangen. Wenn du heute auf das Album zurückblickst – welche Bedeutung hat es inzwischen für dich? Hat sich deine Beziehung zu dieser Musik im Laufe der Zeit verändert?

Camilla George:
Wie bei jeder Musik, die man regelmäßig spielt, haben sich auch diese Stücke durch die Live-Konzerte weiterentwickelt. Besonders wichtig ist mir dabei, für unsere Auftritte einen natürlichen Spannungsbogen zu schaffen. Deshalb haben wir viele fließende Übergänge zwischen den einzelnen Stücken eingebaut, sodass die Konzerte noch mehr wie eine zusammenhängende musikalische Reise wirken und für das Publikum zu einem intensiveren Hörerlebnis werden.

jazz-fun.de:
In den vergangenen Monaten warst du wieder auf zahlreichen Bühnen zu erleben. Was bedeutet dir das Live-Spielen heute, und gab es Konzerte oder Festivals, die dir zuletzt besonders in Erinnerung geblieben sind?

Camilla George:
Ich liebe es, live zu spielen, und ich fühle mich sehr glücklich, dass ich regelmäßig auf Bühnen in aller Welt auftreten darf. Das verdanke ich den Menschen, die meine Musik unterstützen, meiner großartigen Band und meiner wunderbaren Agentur. Einer meiner absoluten Höhepunkte bleibt nach wie vor das North Sea Jazz Festival. Es war ein unglaubliches Erlebnis, dort zunächst mit meiner Band aufzutreten und anschließend gemeinsam mit dem Metropole Orchestra zu spielen.

jazz-fun.de:
Deine Musik verbindet auf ganz natürliche Weise Jazz, afrikanische Traditionen, Hip-Hop und zeitgenössische Einflüsse, ohne jemals konstruiert zu wirken. Wie hat sich deine musikalische Sprache seit Ibio-Ibio weiterentwickelt?

Camilla George:
Vielen Dank! Ich habe in den vergangenen Jahren intensiv an neuer Musik gearbeitet. Eine meiner größten Inspirationsquellen ist nach wie vor das kompositorische Schaffen von Kenny Garrett. Ich liebe die Art, wie seine Musik auch Menschen anspricht, die bislang kaum Berührung mit Jazz hatten, obwohl sie gleichzeitig harmonisch und rhythmisch anspruchsvoll bleibt.

Genau das ist auch mein Ziel: Musik zu schreiben, die nicht nur für Musikerinnen und Musiker gedacht ist. Ich finde, Musik sollte für alle Menschen da sein.

jazz-fun.de:
Viele deiner Kompositionen erzählen Geschichten über Geschichte, Identität und kulturelles Erbe. Welche Themen inspirieren dich derzeit besonders – und haben sie bereits Eingang in neue Musik gefunden?

Camilla George:
Ja, mein neues Album basiert auf einem übergeordneten Thema – das ich allerdings noch nicht verraten möchte! Alle Stücke sind eng mit diesem Thema verwoben. So arbeite ich eigentlich schon immer sehr gerne. Es fasziniert mich, Musik mit Geschichten zu verbinden, die mich persönlich interessieren.

jazz-fun.de:
Die Londoner Jazzszene hat in den vergangenen Jahren weltweit große Aufmerksamkeit erlangt. Wie nimmst du ihre Entwicklung heute wahr, und welche Rolle spielt sie noch immer für deinen eigenen künstlerischen Weg?

Camilla George:
London ist ein unglaublich lebendiger Ort voller kreativer Energie. Organisationen wie Tomorrow’s Warriors bringen kontinuierlich fantastische junge Musikerinnen und Musiker hervor. Die Szene entwickelt sich ständig weiter und treibt sich gegenseitig immer wieder nach vorne. Es ist ein aufregender Ort, um Musik zu machen, und ich empfinde die vielen talentierten Nachwuchskünstler als große Inspiration.

jazz-fun.de:
Du arbeitest regelmäßig mit unterschiedlichen Besetzungen und musikalischen Partnern zusammen. Beeinflussen neue Musiker oder wechselnde Konzertorte auch die Art, wie du improvisierst und musikalische Geschichten erzählst?

Camilla George:
Ich habe einen festen musikalischen Kern – eine Art musikalische Familie – und ich bin unglaublich glücklich, seit mehr als zehn Jahren mit denselben Musikerinnen und Musikern zusammenarbeiten zu dürfen. Natürlich sind inzwischen alle sehr gefragt. Umso schöner ist es, dass wir auf einen Kreis wunderbarer und hochbegabter Musiker zurückgreifen können, wenn einmal jemand verhindert ist. Für mich bleibt dieses Projekt immer wie eine Familie. Und ich glaube, genau dieses Gefühl trägt wesentlich dazu bei, dass unsere Live-Konzerte so gut funktionieren.

jazz-fun.de:
Viele Hörer verbinden deine Musik mit Energie, Spiritualität und einer starken emotionalen Botschaft. Wie findest du beim Komponieren die Balance zwischen musikalischer Komplexität und einer unmittelbaren emotionalen Wirkung?

Camilla George:
Auch hier spielt Kenny Garrett für mich eine große Rolle. Ich bewundere seine Kompositionen, weil sie voller Energie sind und gleichzeitig keineswegs leicht zu spielen. Genau das ist für mich das eigentliche Ziel – und nicht, ein Stück zu schreiben, das nur kompliziert klingt, aber niemanden wirklich erreicht. Ich glaube, dass Musik zugleich spirituell, energiegeladen und technisch wie harmonisch anspruchsvoll sein kann, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen.

jazz-fun.de:
Kannst du schon etwas über deine aktuellen Projekte verraten? Arbeitest du an neuer Musik oder vielleicht sogar an einem Nachfolger von Ibio-Ibio?

Camilla George:
Ja! Ich habe mein neues Album gerade fertiggestellt und freue mich jetzt sehr darauf, es aufzunehmen.

jazz-fun.de:
Wenn du heute ein neues Album schreiben würdest – welche Geschichte würde Camilla George im Jahr 2026 erzählen wollen?

Camilla George:
Wahrscheinlich eine Geschichte über Hoffnung und Liebe. Ich glaube, genau daran sollten wir in der heutigen Zeit festhalten

jazz-fun.de:
Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Was wünschst du dir für die kommenden Jahre – als Künstlerin und als Mensch? Und was erhoffst du dir für die Zukunft des Jazz?

Camilla George:
Ich hoffe, weiterhin mit meiner wunderbaren Band auf Tour gehen und das neue Album aufnehmen zu können. Außerdem wünsche ich mir, dass wir die Musik des Jazz – in welcher Form auch immer sie sich entwickelt – weiterhin fördern und lebendig halten. Ich glaube fest daran, dass die Zukunft hell ist.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.

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