Ein Wanderer in allen Welten und Genres - Michael Wollny 40 - lesen Sie weiter: Teil 4 - Duo, Trio, Quartett und Quintett – mehr geht nicht

von Cosmo Scharmer

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

Das Geburtstagskonzert in der Berliner Philharmonie – 29.05.2018
Teil 4

Duo, Trio, Quartett und Quintett – mehr geht nicht

Michael Wollny & Musiker Wartburg
Michael Wollny & Musiker Wartburg, Foto: ACT / © Siggi Loch

Der 2. Teil startet mit einem weiteren Duo. Zu den Questions in a World of Blue gesellt sich ein Partner aus jüngsten Tagen: Vincent Peirani, ein Virtuose des Akkordeons aus Frankreich, der bezüglich Intonation und Klangfülle „Unglaubliches“, so Michael Wollny, hervorrufen kann. Dies schlägt sich in dieser leicht schwermütigen, tiefgründigen Ballade nieder. Mit feinen, zerbrechlichen Klängen, die wie ein Cembalo anmuten, ergänzt Michael Wollny diesen Titel und beide erzeugen einen höchst ungewöhnlichen Piano-Akkordeon-Sound. Jetzt wird es quirlig, das Piano spielt frei auf, das Akkordeon schmachtet sehnsuchtsvoll. Die Musiker tasten sich weiter vor, suchen sich. Wenn sie sich finden, verdichtet sich ihr Sound und mündet in einem eigenwilligen Spektakel.

Hunter kommt anders daher. Dass Akkordeon liefert Vorlagen, Muster, Strukturen und sorgt für Dramatik. Michael Wollny sattelt darauf oder haut dazwischen, wie es ihm beliebt. Die Rhythmen treffen sich, schaukeln sich zu einem wilden Stakkato hoch, um dann in ein sanftes Frühlingserwachen voller Harmonie zu gleiten. Wieder zurück auf den klanglichen Boden des stimmgebenden Akkordeons gilt es neuen Mut und Kraft aufzunehmen, neue Lust zum spontanen Spielen freilassen.

Als wäre dies nicht schon genug an Schönheit, so gibt es noch eine Geburtstagsüberraschung, zumindest für das erstaunte Publikum. In die traute Zweisamkeit mischt sich eine zusätzliche Klangfarbe. Wie von weit her schallt ein warmtönendes Blech in den Raum der Philharmonie. Durch das Publikum schreitend bringt Weggefährte Nils Lundgreen dem Jubilar seinen Tribut. Solch ein Farbtupfer hat zum musikalischen Glücksgefühl noch gefehlt. Alle drei Stimmen schwelgen nun in einer Ballade; die Posaune von Nils Landgren verleiht ihre lyrische Stimme. Das zum Trio mutierte Duo schwingt sich auf und fliegt im Berliner Sommerwind davon.

Zurück zum Duo
White Blues lautet die Komposition, die den Auftakt zu einem weiteren Duo bildet. Der Name verrät es: Emile Parisien kommt aus Frankreich, das Sopransaxofon ist sein Instrument. Nach diesem Auftakter, der noch eine gewisse Fremdheit im Zusammenspiel spüren lässt, verstärken Bass und Drums dieses Duo und bilden so ein klassisches Jazz-Quartett mit dem Sopran als Gaststimme. Mit diesen rhythmischen Vorlagen, die Raum und Orientierung für Piano und Saxofon schaffen, können sich Michael Wollny und Emile Parisien solistisch austoben, was sie auch ausgiebig tun.

Ob ein Vergleich mit dem exzellenten Zusammenspiel von Michael Wollny und Heinz Sauer „zulässig“ ist, will ich nicht anstellen. Aber positiv formuliert heißt dies, dass eine lange Vertrautheit und ein langjähriges Zusammenspiel wie mit dem Tenoristen eben doch spür- und hör ist. Von dieser Vertrautheit scheint das Spiel des Sopransaxofonisten noch entfernt zu sein. Aber möglicherweise war dieser verhaltene Auftakt nur der Bühne der aufregenden Philharmonie geschuldet, nur dem Warmmachen, dem erforderlichen Warmspielen. Denn schon in der nächsten Passage, als es wieder zum Duo kommt, wirkt die Musik enger, intimer. Beide Musiker wechseln sich in der „Melodieführung“ ab, variieren ständig das Thema. Jetzt mutiert die Formation wieder zum Quartett. Dies ist auch gut, denn diese Verstärkung schafft Raum für die Soli von Emile Parisien, der sich jetzt freispielen und entfalten kann. Sein Spiel „schraubt“ sich hoch, steigert sich ekstatisch und verwandelt sich zum Schlangenbeschwörer, der die Kobra (Jazz)Musik zum Tanzen anstachelt, ja aufpeitscht. Dann ist wieder ein emotionales Runterkommen angesagt, runterkühlen, den Übergang für den folgenden Titel anbahnen.

Doch, es geht noch mehr. Vincent Peirani erhöht zum Quintett. Little Person lautet die sanfte Ballade, die jetzt zum Wohlhören, ja zum Wohlfühlen einlädt. Das ganze tönt nach harmonischer Filmmusik, was sie auch ist.

„Aber wir können auch anders“ könnte das letzte Stück vor dem Finale von Michael Wollny lauten. Denn mit When the Sleeper Wakes wird es rauer, bissiger. Dies ist ein richtiger „Rausschmeißer-Song“, der auf Basis eines ruppigen durchlaufenden Beats die schroffen Ecken und Kanten einer wilden freien Improvisation huldigt. Dies ist schriller Power-Sound mit einem Schlag Schmackes obendrauf. Nur was für Kenner und Liebhaber.

Immer noch kein Ende, denn zum Finale kann das Wind Orchester nochmal voll auftrumpfen. Unglaublich, aber real. Dieses Aufeinandertreffen eines klassisch ausgerichteten Klangkörpers mit der Jazzformation des Trios bildet den nicht zu übertreffenden Höhepunkt dieses Konzertes. All dies erfolgt nur mit sehr vage vorgegebenen Themen auf der Grundlage von improvisierter Musik. Auch die Zugabe bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Bei diesem großen Erfolg, bei diesem begeisternden Zuspruch durch das Publikum ist es nicht nur wünschenswert, dass weitere Konzerte oder Aufnahmen stattfinden mögen, es ist relativ wahrscheinlich. Dem Geburtstagskind Michael Wollny gilt der große Dank für dieses fantastische Konzerterlebnis!

Jazzfest Bonn 2016: Universität, Michael Wollny Trio, Nachtfahrten, "questions in a world of blue"
Michael Wollny – Klavier, Christian Weber – Bass , Eric Schaefer – Schlagzeug

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

Text: Cosmo Scharmer

Einen Kommentar schreiben

Zurück