Nach-Hall oder die Kunst der Improvisation - Solo-Konzert Nicole Johänntgen – Berliner Petruskirche 23.09.2019

von Cosmo Scharmer

Nicole Johänntgen solo

Nicole Johänntgen - Solo
Nicole Johänntgen, Foto: Jacek Brun

Jedes Jazz-Konzert ist anders. Wie anders, das ist von vielen Faktoren abhängig. Besonders wichtig ist, wie das Ambiente, die Räumlichkeiten, in denen das Konzert stattfindet, die Frequenzen reflektieren. In der Berliner Petruskirche findet sich das, was beim Konzert von Nicole Johänntgen auf dem JazzBaltica-Festival fehlte und was in der Regel von Jazz-Gruppen weniger gewünscht wird: Hall, jede Menge Hall. Und diesen Hall benötigt die Altsaxofonisten für die Konzeption ihres Solo-Konzertes, für ihre Themen und Improvisationen.

Kurze Ansage der Veranstalter. Es ist still, so andächtig still, wie dies in einer Kirche zu erwarten ist. Die Altistin ist für das Publikum noch nicht sichtbar. Aber da, die ersten Töne: zart gehaucht, zerbrechlich. Es sind wenige, lang gehaltene Töne, die sich allein vortasten. Keine Sequenzen, keine Melodielinien.

Da mogeln sich ein paar Obertöne in die langen Grundtöne. Die Obertöne verpuffen, die langgezogenen Grundtöne bleiben, dominieren das Geschehen, bestimmen den Klangcharakter mit Assoziationen an weite Landschaften. Der Sound ist voluminös, ganz nah am Klang des Tenorsax oder von Alphörnern: tief, warm, raumergreifend.

Die Musikerin zeigt sich jetzt dem Publikum, beginnt gehend zu spielen, spielend zu gehen Die Tonfolgen nehmen zu, zunächst noch spärlich, dann blitzen einzelne Motive auf. Danach ist Stille zu hören, zu spüren. Andächtige Stille. Ja, diese Musik eignet sich hervorragend, um – in welche Welt auch immer –einzutauchen. Wer will und kann, der geht mit diesen Tönen auf eine meditative Reise oder versenkt sich auf eigene Art.

Nicole Johänntgen ist jetzt im hinteren Teil der Kirche angelangt. Die Motive wollen hörbar werden, verdichten sich zu Schleifen. Themen stellen sich diskret vor. Ha, da perlen sogar klassische Jazz-Läufe aus dem Alt. Bevor die angeblasenen Themen sich im Ohr festmachen können, sind sie schon verflogen. Weiterhin bestimmen die sparsamen intensiven Grundtöne das musikalische Geschehen. Und natürlich der Hall, der Nach-Hall.

Erste perkussive "Plobs" entspringen dem Sax; das Altsaxofon als Perkussionsinstrument. Jetzt wird das Instrument samt den Klängen kräftig hin- und hergeschwenkt. Kurzlebige Melodiefetzen sind zu hören, um bald von dunklen, tiefen Tönen einer Landschaftsmalerei abgelöst zu werden. Erzählt das Alt nicht eine Geschichte? Ja, aber was für eine? Dies kann jeder Besucher nur selbst empfinden. Die Musik von Nicole Johänntgen bietet das Medium, die Gebrauchsanweisung, zum „Reisen“, zum Träumen. Die Töne werden jetzt intensiver, verdichten sich zu harmonischen Klängen, die zuweilen Melodien ausbilden. Aber stets nur kurz, um dann in andere musikalische Muster überzugehen. Ein etwas länger gespieltes Ostinato-Motiv sorgt für Überraschung. Ja, sogar einige dreckige Jazz-Sequenzen verschaffen sich Luft und Gehör, um gleich darauf wieder in sanfte Grundtöne zu gleiten, die einen Hauch von herbstlicher Schwere verströmen. Das Publikum ist ergriffen, still ergriffen, versunken in den - von der Musik ausgelösten – persönlichen Erlebniswelten.

Was ist das für eine Musik? Jazz? Ja, durchaus. Was Tonbildung, Phrasierung und Harmonien betritt, so ist dies europäischer Jazz, dem die klassische Tradition bewusst ist. Ganz sicher ist die Musik das: individueller Ausdruck der Kunst von Nicole Johänntgen mit dem Altsaxofon zu spielen, zu improvisieren, mit Nach-Hall.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Jacek Brun

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