JazzBaltica 2019

JazzBaltica 2019 - Orchestra Baobab & Arne Jansen Trio – Afro-Salsa Night - 23.06.2019

Orchestra Baobab & Arne Jansen Trio
Orchestra Baobab & Arne Jansen Trio, Foto: Stephanie Nikolaidis

Die Vorgeschichte
Arne Jansen mit seinem Trio hat einen guten Anteil an der Einladung des Orchesters Baobab zu JazzBaltica. Kennengelernt auf einer Afrikatournee ergab sich dieser „spielerische“ Kontakt zwischen dem Jazz-Trio und den westafrikanischen Musikern. Vermutlich war es dann ein längerer Weg von der Idee eines gemeinsamen Konzertes bis zur Realisierung des Abschlusskonzerts auf der Hauptbühne. Das Trio um den Gitarristen macht den Anfang. De facto sind die Musiker die Vorgruppe, de jure sind sie die „Paten“.

Die Vorgruppe
Arne Jansen hält es mit seiner Musik anders als viele Gruppen, die sich dem Genre eines durchlaufenden geraden Beats verschrieben haben, gleich wie die vielen Varianten betitelt werden: Rockjazz, Jazz-Rock, Latin-Jazz, Crossover, Fusion. Viele dieser Bands entwickeln die musikalische Spannung aus dem Gegensatz von einem rhythmisch geraden wie einfachen Beat von Bass & Drums und den solistischen Improvisationen – oft Gitarre & Sax -, die mitunter recht frei tönen. Anders klingt bei Arne Jansen so: Auf jazzigen Rhythmen - komplex und nuancenreich durch die Rhythmusgruppe vorgelegt – entwickeln sich rockige Motive der Gitarre. Oft akzentuiert angelegt, steigert sich die musikalische Aussage des Spiels zunehmend. Es wird lauter, der Anschlag der Akkorde härter, die Gitarrenläufe erhöhen die Dramatik bis zum emotionalen Höhepunkt. Dies ist raffiniert konstruiert, verschafft der Musik des Trios eine spannende Lebendigkeit. So auch heute Nacht. Das Trio wärmt schon mal vor, heizt jazzig wie rockig ein. All dies weckt Erwartungen auf einen noch dichteren Sound inklusive der Überraschungen beim gemeinsamen Konzert mit Baobab.

Dass Orchestra Baobab
Schon füllt ein bunt gekleidetes Orchestra die Bühne. Viele knallige Farben und Kostüme implizieren eine farbenreiche Musik, die auch zum Tanzen animieren soll. Soweit zu den Erwartungshaltungen. Die Stühle sind aus dem randvollen Saal verbannt. Es gibt nur Stehplätze, es darf, es soll getanzt werden. Na dann!

Klar, traditionell ist die Rhythmus-Sektion stark vertreten: Zu den Drums gesellen sich zwei Perkussionisten. Der Gast-Drummer Robert Lucaciu sowie sein Kollege Moritz Baumgärtner am Bass verstärken diesen ohnehin schon sehr perkussiv geprägten Sound. Dann sind da noch die beiden Stammgitarristen, verstärkt durch den Gast Arne Jansen. Der Gesang kann sich hören und sehen lassen: Die zwei Vokalisten, die gelegentlich durch einen singenden Perkussionisten verstärkt werden, signalisieren die hohe Bedeutung von gesungenen Wörtern und Lauten in der afrikanischen Musik. Die Bläser sind eher sparsam besetzt. Zwei Saxofone wären es in der Originalübersetzung. Heute vertritt die Posaune das fehlende Sax.

Die Musik
Baobab spielen die - von ihren CDs – bekannten Titel. Das sind schöne harmonische Melodien, die gefallen, direkt ins Blut gehen. Die Titel basieren auf einfachen Rhythmen, die sogleich Wirkung zeigen. Das ist das Bedürfnis sich zur Musik zu bewegen, zu wippen, wenn nicht zu tanzen. Alle Elemente zusammen könnten als Geheimnis der westafrikanischen Musik gelten. Vielleicht, aber es ist sicher das Geheimnis von Baobab. Es ist ihr Wissen, wie emotionale Rhythmen und Melodien zu spielen sind, die das Publikum „mir nichts dir nichts“ in den „Sack“ ihrer Musik packen.

Das scheint dem Orchestra Baobab auch zu gelingen. Die unkomplizierten Titel „stellen sich vor“, reihum ergänzen die Musiker ihren Part an der Musik, sei es stärker durch rhythmisches Spiel, sei es stärker durch Singen oder Soli. Der abwechslungsreiche Gesang tönt gelegentlich einstimmig, öfter kommt eine 2. Stimme hinzu. Oder es tönt mehrstimmig durch den Saal. Ein „Rufer“ gibt das Thema vor, die anderen Stimmen antworten als „Chor“. Wie die Personen, so wechseln auch die Stimmlagen: Tenor, Bariton und Counter-Tenor, all dies ist zu hören.

Die Soli der einzelnen Instrumente gehen ebenfalls reihum, sind nur von kurzer Dauer, verlassen das vergebene Thema so gut wie nicht zu eigenen Interpretationen oder gar freien Ausflügen in andere Tonalität. Ein längeres musikalisches Statement eines der Instrumente ist nicht zu finden, weder bei den Gitarren, noch bei den Bläsern. Die Gastmusiker des Trios passen sich ganz der Musik von Baobab an. Alles klingt angenehm vertraut, nett und gefällig, aber mehr auch nicht. Irgendwas fehlt!

Bei einem Live-Auftritt wünschen sich die Hörer ein „Mehr“ als bei den guten CDs. Man/frau schätzt die Gruppe, kennt Musik und Titel, möchte jedoch mehr an den unmittelbaren Erlebnissen, an der Leidenschaft eines Konzertes teilhaben. Davon lebt jede Live-Musik; der Jazz ganz besonders. Mehr Überraschungen, mehr Emotionalität, stärkerer Ausdruck. Bei dem heutigen Konzert ist dieses „Mehr „nicht zu spüren. Und das ist seltsam.

Salsa oder Merenge?
Auch die Gastmusiker liefern keinen erkennbaren Beitrag zu einer Steigerung der Musik. Dabei ist die Musik gut tanzbar. Ein Teil des Publikums versucht sich mehr oder weniger geschickt, auf der Stelle zu bewegen oder sogar an tänzelnden Schritten. Aber so `ne richtige Tanzparty ist dies nicht. Woran dies liegen mag, ist nicht ganz einsichtig. Der weite Saal mit der großen Bühne ist für Konzerte gut geeignet, aber dies ist kein animierendes Ambiente zum Tanzen, kein intimer Club oder die Bühne des offenen Himmels bei Open Air. Möglicherweise ist das Publikum auch nach 3 bis 4 Tagen JazzBaltica am späten Sonntagabend ermüdet, so wie der Autor. Als richtig tanzwütig sind die Anwesenden, die überwiegend dem reifen Mittelalter und den Senioren zuzurechnen sind, auch nicht zu erkennen. Vielleicht wäre am Samstagabend alles anders?

Fazit: Eine gefällige, jazzige und tanzbare Musik bietet das Orchestra Baobab in routinierter Weise. Aber den brennenden Funken, der das Publikum mitreißt und in heiße Leidenschaft versetzt, der kann nicht ausgemacht werden. Ebenso wenig wie eine Salsa-Musik, deren markante Rhythmen heute nicht gespielt werden – 1, 2, 3 … Pause, 5, 6, 7… Pause. Dagegen sind einige Rhythmen a la Merenge zu hören. Die müssen stellvertretend für die angekündigte Salsa-Nacht herhalten. Salsa oder Merenge? Hauptsache karibische Rhythmen, afrikanisch gespielt. Auch ohne den brennenden Impuls für eine heiße Tanznacht ist es angenehm, diese Musik zu hören, JazzBaltica 2019 ausklingen zu lassen. Das Mare Balticum liegt heute Abend nicht in der Karibik.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Stephanie Nikolaidis

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage
JazzBaltica 2019

19.000 Besucher feierten vom 20. bis zum 23. Juni die 29. Ausgabe von JazzBaltica in Timmendorfer Strand. Sämtliche Konzerte auf der MainStage im Festsaal des Maritim  Seehotel Timmendorfer Strand waren ausverkauft. Hier waren unter anderem Mathias Eick, Nils Wülker, Jakob Bro und Palle Mikkelborg, Katja Riemann, Marilyn Mazur, Bugge Wesseltoft, Dan Berglund und Magnus Öström sowie das senegalesische Orchestra Baobab zu erleben.
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