JazzBaltica 2019

JazzBaltica 2019 - Thomas Quasthoff & Trio – 20.06.2019

Thomas Quasthoff & Trio
Thomas Quasthoff & Trio, Foto: Stephan Doleschal

Thomas Quasthoff - Vocal, Dieter Ilg - Bass, Frank Chastenier - Piano und Wolfgang Haffner - Drums

Auf der Hauptbühne war dies das Auftaktkonzert. Swingende Standards mit einer großen Stimme als führende Farbe. Wer Standards mag, eine Vorliebe für Gesang, für voluminöse Stimmen mit klassischer Jazzintonation hat, der war hier genau richtig und der sollte voll auf seine (Genuss-)Kosten kommen. Die Standards entpuppten sich überwiegend als Balladen, die mal ruhig verhalten oder mal etwas rhythmisch bewegter vorgetragen wurden. Die Balladen behielten stets ihre swingende Basis, erzeugt von den „Mitmusikanten und Freunden“ von Thomas Quasthoff. So seine Formulierung. Kurze Einsprengsel von Latin angehauchten Motiven oder Funky-Titeln änderten am Gesamteindruck des Konzertes nur wenig.

Zu den Balladen
Klassisch sind all diese Standards, die mit der Jazzintonation einer großen Stimme gekrönt werden. Mal dezent mit den Stöcken, mal fein mit den Besen des Schlagzeugs unterlegt, unterstützt vom souveränen Piano nebst dem swingenden Bass, singt sich diese Stimme nicht in den Vordergrund, sie ist der Fokus. Und diese Stimme ist gewaltig: sie verfügt über ein ungeheures Volumen, pendelt tieflagig zwischen Bass und Bariton, kippt kurz in den Tenor, um wieder die tieferen Tönen zu favorisieren. Stimmen dieser Art beglücken in der Regel die Freunde der Oper. Im Jazz sind solche Stimmen selten zu finden, jedenfalls auf dieser Seite des Atlantiks. Nicht nur die Stimme beindruckt, sondern es ist - neben den vertrauten Standards - die klassische Jazzphrasierung, die das Publikum in den Bann schlägt. Zu hören bei den Balladen: “Moon Glow“, Cry me a River“, „Can We be Friends“, „My Secret Love“, „Summertime“.

Als Entertainer verfügt Thomas Quasthoff über langjährige Erfahrung bei seiner Tätigkeit beim NDR als Sprecher und Moderator. So erläutert er unterhaltsam seine Titel und reflektiert darüber hinaus über so verschiedene gesellschaftliche Themen wie: Schwarz oder Afro-Amerikanisch versus „Maximal Pigmentiert“, die „politisch korrekte“ Ansprache der Weiblichkeit (Anmache und/oder Anbiederung) Seine Erläuterungen können als Parodie verstanden werden und führen zu durchaus amüsanten Geschichten, bei denen er die Lacher auf seiner Seite hat. Die Klatscher hat er sowieso. Er äußert sich auch explizit politisch über die AfD, für die er sich im Ausland schämt, und die er nicht mehr im Parlament sehen möchte.

Zurück zur Musik. Hier sind einige „repräsentative“ Titel im Detail.
„Moon Glow“, „My Secret Love und „For Once in My Live“ stehen für die Dominanz des Gesangs. Alles ist um die Stimme arrangiert, die Soli der „Mitmusikanten“ richten sich danach aus. Neben der tradierten Phrasierung der Songs gibt es auch Kostproben seines Scattings. Jetzt klingt es nach Perkussion jeglicher Art. Von den Geräuschen des Schlagzeuges, den verschiedensten Trommeln, über die brasilianischen Samba-Instrumente Quica und Agogo, bis hin zu Fantasielauten. Auch für das Gelalle von Betrunkenen mit gehöriger Portion Geblödel ist sich Thomas Quasthoff nicht zu schade. Wer Tierstimmen und gejodelte Töne liebt, der kann sich jetzt schadlos halten. Wer lieber den klassischen Jazzgesang einer großen Stimme bevorzugt, für den sind diese Scattings glücklicherweise nur recht kurzfristig.

Soli des Trios
Meist verbleiben den Musikern des Trios nur kurze Statements ihres Könnens während der einzelnen Titel. Das Piano stellt die Ausnahme dar. Seine solistischen Passagen sind öfter und länger als die der anderen. Diese Freiheit nimmt sich Frank Chastenier heraus und prägt – wenn kein Gesang erfolgt – stark den Trio-Sound. Der Pianist ist der quirligste des Trios. Er verursacht die meisten Ausflüge in unruhige, etwas nervöse oder gar frei aufblitzende Gefilde. Der Mann ist kaum zu bändigen; sein Spiel zwingt den Piano-Mann vom Sitz, um stehend zu improvisieren. Frank Chanstenier sitzt einfach der Schalk im Nacken.

Aber die Gelegenheit, sich etwas länger solistisch auszudrücken, nehmen sich Bass und Drums dennoch. So fängt das Solo von Wolfgang Haffner ganz behutsam an. Manuell mit den nackten Händen beginnend, trommeln dann die Stöcke Rhythmen und Noten in durchaus klassischer Jazz-Manier. Das Solo von Wolfgang Haffner steigert sich kontinuierlich, um dann in einem schlagkräftigen Finale zum Höhepunkt zu kommen: Mainstream Power Playing.

Bassist Dieter Ilg versteht es, sein so fulminantes wie kurzes Solo so geschickt unterzubringen, dass es das Publikum kaum bemerkt. Jedenfalls klatscht es nicht. Raffiniert Akkorde schlagend integriert er seine Töne perfekt in das Thema. Aber dann bei „Summertime“ schlägt seine „Stunde“, die zwar lange Minuten dauert, aber dennoch viel zu kurz ist.

„Summertime“
Ein Bass-Solo von Dieter Ilg leitet diesen Song ein. In seinem Spiel ist alles drin, was technisch (nur der Bogen fehlt) und musikalisch auf einem Kontrabass im Jazz möglich sind. Die einzelnen Töne sowie die Akkorde werden gezupft und geschlagen, beidhändig und in allen nur möglichen Lagen. Mehr geht nicht. Die Stimme von Thomas Quasthoff fällt ein, der Song wird zunächst ruhig intoniert. Zwischen der Stimme und dem Bass entwickelt sich ein fesselnder Dialog, der die verhaltene Sommerstimmung immer mehr verlässt, mehr Bewegung aufnimmt, um sich in einem packenden Finale dramatisch zuzuspitzen. Dieses Summertime tönt als originelle Interpretation des Songs. Es ist der Höhepunkt des Konzertes, zumindest für den Autor. Nach dem Applaus zu urteilen, ist er mit seiner Meinung nicht allein.

„I Can See the Rain“ und der „Rausschmeißer-Song ohne Titel“ springen den Hörer mit Funky-Beat zum Mitklatschen an, was auch getan wird. Nils Landgren, der Tausendsassa von JazzBaltica, erklimmt die Bühne, keine Gelegenheit auslassend, seine agile Funky-Posaune dem Thema und dem Publikum kräftig um die Ohren zu blasen.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Stephan Doleschal

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage

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19.000 Besucher feierten vom 20. bis zum 23. Juni die 29. Ausgabe von JazzBaltica in Timmendorfer Strand. Sämtliche Konzerte auf der MainStage im Festsaal des Maritim  Seehotel Timmendorfer Strand waren ausverkauft. Hier waren unter anderem Mathias Eick, Nils Wülker, Jakob Bro und Palle Mikkelborg, Katja Riemann, Marilyn Mazur, Bugge Wesseltoft, Dan Berglund und Magnus Öström sowie das senegalesische Orchestra Baobab zu erleben.
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