Kristupo Festivalis – Christopher Summer Vilnius

Kristupo Festivalis – Christopher Summer Vilnius
Kristupo Festivalis – Christopher Summer Vilnius

Vilnius, Litauen

Wie er sich überhaupt auf den Beinen halten kann! Denn die Absatz der Damenschuhe, die Božo Vrećo bei seinem Auftritt in Vilnius trägt, sind nicht nur sehr schmal, sondern auch noch ziemlich hoch. Aber der Bosnier wirbelt damit über die Bühne, tanzt oder dreht sich wie ein Derwisch, als würde er Turnschuhe tragen. Respekt! Ein echter Paradiesvogel gibt da mit seiner Band ein Konzert beim Kristupo Festivalis. Ein rotes, ärmelloses Kleid trägt Vréco, dazu einen dunklen Vollbart, man wird optisch gleich an Tom Wirth alias Conchita Wurst erinnert, der als Mann in Frauenkleidern 2014 für Österreich den European Song Contest gewann. Auch der zudem noch fast am ganzen Körper tätowierte Božo Vrećo möchte sich nicht so wirklich festlegen ob er Mann oder Frau ist. In Vilnius liefert er jedenfalls eine echte Show ab. Musikalisch hat der bunte Paradiesvogel seine Wurzeln in der Sevdah-Musik, bosnischen Liebes- und Sehnsuchtsliedern. Mit engelhafter Stimme singt Vréco diese Lieder leidenschaftlich und emotional, dreht sie mit seiner dreiköpfigen Band dann aber vielleicht ein wenig zu oft in Richtung tanzbaren Balkan-Pop.

Ende Juni ist es gestartet und läuft noch bis Anfang September. Das Kristupo Festivalis (Christopher Summer Festival) in Litauens wunderschöner Hauptstadt Vilnius ist nicht nur das größte musikalische Sommerevent der Stadt, es bietet auch ein vielfältiges Programm. Nicht jeden Abend, insgesamt sind es in diesem Jahr 24 Konzerte zwischen Klassik, Operngala, sakraler Musik, Weltmusik und auch mal Jazz. Letzteres etwa bei den sogenannten Picknick-Konzerten bei freiem Eintritt im hübschen Bernadine-Park, direkt neben der Altstadt. Da kann man es sich dann mit Decke auf dem Boden richtig bequem machen und französischem Jazz oder den bekannten litauischen Popsängerinnen Petunija und Liucė lauschen. In der bereits im 17. Jahrhundert erbauten St. Kasimir-Kirche zeigt der junge polnische Organist Marcin Kucharczyk an der mächtigen Kirchenorgel, der besten im ganzen Baltikum, wie Festivaldirektorin Jurgita Murauskienė nicht ohne Stolz erzählt, in einem Programm mit Stücken von Bach, Samuel Scheidt oder Matthias Weckmann, wie großartig er Virtuosität mit gefühlvollem Spiel zu paaren weiß.

Die Kirche ist ein beliebter Spielort des Festivals, aber auch der Innenhof einer Bibliothek mitten in der pittoresken Altstadt von Vilnius. Dort spielten unter freiem Himmel auch mehrere klangvolle Namen der Pop- und Weltmusik. Etwa die Portugiesin Luísa Sobral, Sängerin, Songschreiberin, Musikerin und Komponistin des Welterfolgs „Amar pelos Dois“, mit dem ihr jüngerer Bruder Salvador Sobral 2017 den Eurovision Song Contest gewann. Ihre kunstvollen, zumeist auf Portugiesisch gesungenen Popsongs sind überwiegend glückliche Lieder an das Leben und das Lebensglück. Aber auch der Ukraine-Krieg dient als Inspirationsquelle. Es sind spezielle Lieder, nicht zwingend immer supereingängig, aber charismatisch und von einer Frau gesungen die was zu erzählen hat und das auf poetische Art und Weise tut. Dass sie sich am Ende ihres Auftritts auf Litauisch an einem Lied des bekannten, schon verstorbenen litauischen Liedermachers Vytautas Kernagis versucht – das Publikum im ausverkauften Innenhof dankt es ihr mit stürmischem Applaus.

Und dann war da noch Gaby Moreno mit ihrer Band. Die Singer/Songwriterin aus Guatemala, die aber schon fast zwei Dekaden in Los Angeles lebt, bietet in Vilnius Musik aus ihren beiden Welten an. Die langen Jahre in Amerika haben abgefärbt in bluesrockigen Liedern und Songs zwischen Folk und Country. Dann ist es laut, dann drängelt die E-Gitarre. Aber Moreno hat auch sanfte Lieder mit lateinamerikanischer Färbung im Programm, spielt dann sogar ein kleines Set innerhalb ihres Konzertes ganz allein nur mit ihrer Gitarre um den Hals. Und mit dem alten kubanischen Ohrwurm „Quizás, quizás, quizás“ unterstreicht sie dann noch einmal dass sie in  Lateinamerika ihre Wurzeln hat.

Mehr über Kristupo Festivalis finden Sie hier:
https://kristupofestivalis.lt/en/main/

Text: Christoph Giese
Fotos: Antanas Minkevičius, Mantas Bartaševičius & Modestas Endriuška

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