Ute Lemper - Time Traveler

Ute Lemper - Time Traveler

Ute Lemper
Time Traveler

Erscheinungstermin: 26.05.2023
Label: Jazzhaus, 2022

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Das Leben ist ein Lied. Es will gesungen werden. Die in New York lebende deutsche Sängerin und Tänzerin Ute Lemper ist bekannt für ihre Interpretationen von Brecht-Weill-Liedern, sie schlüpfte in die Haut von Marlene Dietrich und hat sich weltweit als Musical-Darstellerin und Spezialistin für das Repertoire der 1920er Jahre einen Namen gemacht. Je reicher die Palette der vielseitigen Künstlerin wurde, desto sehnsüchtiger wurde ihr bewusst, was darüber hinaus noch alles in ihr steckt und darauf wartet, mit der Welt geteilt zu werden. Mehr als alles andere drückte sie das Verlangen, aus sich selbst heraus über sich selbst zu singen. „Time Traveler“ ist nicht das erste Album, auf dem Ute Lemper eigene Lieder singt, und doch ist es eine Zäsur in ihrer Selbstwahrnehmung, denn die Geschichte dieser Songsammlung nahm bereits vor 23 Jahren ihren Anfang.

Das Jahr 2000 war für Ute Lemper gewissermaßen ein Neubeginn, weil sie sich aus dem Kokon des historischen Repertoires befreite und mit ihren Liedern bei sich selbst ankam. Das Album „Punishing Kiss“ aus demselben Jahr bestand noch aus Liedern, die ihr andere Künstler auf den Leib geschneidert hatten. „Ich dachte mir, jetzt gibt es überhaupt keinen Grund mehr, mich nicht selbst ans Klavier zu setzen und zu schreiben“, rekapituliert sie jenen Wendepunkt. Bei den Arbeiten zu „Punishing Kiss“ lernte sie ihren späteren Mann Todd Turkisher kennen, der im New Yorker Stadtteil Chelsea ein eigenes Studio hatte. Dort entstanden Ute Lempers erste eigene Lieder, die auf einer analogen Bandmaschine aufgenommen wurden. Aus verschiedenen Gründen wurden diese Lieder damals aber nicht veröffentlicht, verschwanden im Keller und gerieten vorerst in Vergessenheit. 2008 erschien endlich unter dem Titel „Between Yesterday And Tomorrow“ ein Album mit Liedern, die Ute Lemper selbst geschrieben hatte. Aber das waren nicht jene Songs, die acht Jahre zuvor entstanden waren. Nach dieser Erfahrung vertonte sie auf drei sehr unterschiedlichen Alben Texte von Charles Bukowski, Pablo Neruda und Paulo Coelho, zu der sie die Musik schrieb. Andere Projekte folgten. Durch einen Zufall tauchten 2021 im Keller ihrer Schwiegereltern wieder die Kartons mit den Bändern auf, die zwei Jahrzehnte zuvor verschwunden waren. Die konnten aber nicht mehr abgespielt werden, weil besagte Bandmaschine längst nicht mehr existierte. Zum Glück fand sich aber noch eine Kassette mit einer Sicherheitskopie an. Als Ute Lemper und Todd Turkisher dann diese Songs hörten, begann ihre Zeitreise. Sie waren begeistert und veranlassten die Digitalisierung der originalen Bänder. „Wir hörten uns die Songs an und sagten uns, wir wollen mal versuchen, sie wiederzubeleben“, erzählt die Sängerin heute mit einer Euphorie, als hätte sie diesen Schatz erst gestern gehoben.

„Das war nicht bei allen Songs möglich, denn einige waren einfach zu antiquiert. Andere hatten aber noch einen zeitgenössischen Puls, der mich interessierte. An einige dieser Stücke legten wir produktionstechnisch noch ein wenig Hand an. Ich dachte mir aber, nur aus diesen alten Sachen kann man kein Album machen. Eines Morgens spürte ich dann den Impuls, wieder neue Lieder zu schreiben. Ich fühlte diesen Funken der Intuition, aber inspiriert durch das Alter. Der erste Song war ‚Time Traveler’, denn ich dachte mir, es ist tatsächlich eine Zeitreise, diese alte Zeitfalte von vor 23 Jahren wieder aufzufalten.“

Ute Lemper setzt sich keine Maske auf, sondern dringt ins Panoptikum ihres eigenen Lebens mit all seinen Höhe- und Tiefpunkten ein, übersetzt Freuden und Schmerzen, Sehnsüchte und deren Erfüllung in Worte und Musik. Die Lieder ermöglichen ihr viele Begegnungen mit sich selbst in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens. „Ich habe in diesen 23 Jahren viel gelebt und unentwegt um die eigene Achse gedreht, aber all das sollte aus der Perspektive der Gegenwart reflektiert werden.“

Mit „Time Traveler“ gelingt Ute Lemper das ungewöhnliche Kunststück, dass man als Hörer die 23 Jahre, die zwischen einzelnen Liedern liegen, gar nicht wahrnimmt. Die Gegenwart in der Vergangenheit und die Vergangenheit in der Gegenwart gehen eine Osmose ein. Bei den drei alten Liedern hat Ute Lemper teilweise die Tiefenschärfe textlich und musikalisch verändert, die neuen sieben Lieder hingegen lassen sich auf gelebte Erfahrungen ein, ohne sie zu korrumpieren. Sie lässt dem Zuhörer die Freiheit, die Scharniere zwischen den Zeitebenen selbst herauszuhören. „Wenn man älter wird“, so Ute Lemper über den Prozess dieser gegenseitigen Durchdringung zweier Lebens- und Persönlichkeitsstufen ihrer selbst, „entdeckt man ständig neue Geheimnisse. Diese Geheimnisse kann man immer besser in Text und Musik aufleuchten lassen. Die Ute von damals lernt von der neuen Ute, dass weniger immer mehr ist. Die Stille ist stets faszinierender als die Lautstärke. Die Texte müssen Geheimnisse enthalten, in denen sich der Hörer mit seinen eigenen Geheimnissen wiederfinden kann. Die junge Ute trage ich immer noch in mir, habe aber heute die Möglichkeit, ihr viel mehr Raum zu geben.“

Musikalisch befreit sich Ute Lemper mit ihrem neuen Album von allen Kategorien. Man kann diese Lieder je nach Sozialisation und persönlichen Vorlieben als Pop, Rock, Jazz, Soul oder Chanson hören, all das auf einmal oder einfach nur als Ute Lemper. Sie will keine Erwartungen mehr bedienen, sondern lässt sich von Songs inspirieren, die sie selbst gern hört. Dazu gehören Referenzen an Künstler und Bands wie Hiatus Kaiyote, John Legend, Joni Mitchell, Sarah McLachlan, Annie Lennox, Erykah Badu oder Robert Glasper, ohne jemand von ihnen kopieren zu wollen. Alle Songs sind zu hundert Prozent Ute Lemper. In manchen Stücken geht sie klanglich weit ins Risiko, lockt den Hörer zunächst auf eine völlig falsche Spur wie im Titeltrack, in anderen versteckt sie in der Produktion kleine überraschende Details, mit denen sie die Lieder, sich selbst und nicht zuletzt die Sinneswahrnehmung des Ohres immer wieder auf die Probe stellt.
„Time Traveler“ ist ein sehr persönliches Album, dessen Botschaft aber weit über Ute Lempers eigene Lebenserfahrung hinausreicht. In der Verknappung unserer Wahrnehmung auf einen immer kürzer erscheinenden Augenblick vergisst die Gesellschaft zunehmend, die Vergangenheit mit ins Boot zu nehmen und aus ihr zu lernen. „Der Fortschritt nimmt immer mehr Tempo auf, und es wird uns nicht ans Herz gelegt, auch mal in den Rückspiegel zu schauen“, postuliert Ute Lemper.

„Sobald wir unser Leben ein bisschen mehr in die Vergangenheit einbetten, kommen wir zu sehr interessanten Studien. Wenn ich mich auf die junge Ute Lemper einlasse, erzählt mir das sehr viel über die Frage, warum ich all das überhaupt mache.“ Mit „Time Traveler“ hat Ute Lemper sich selbst ein Geschenkt gemacht. Und doch ist es zuallererst ein Album für die Menschen, das wie ein Wegweiser funktioniert. In der schonungslosen Selbstehrlichkeit, mit der Ute Lemper hier auf sehr zugängliche Weise über ihr Leben reflektiert, kann sich nahezu jeder Hörer und jede Hörerin wiederfinden.

Text: Jazzhaus

jazz-fun.de meint:
Ein weiteres hervorragendes Album von Ute Lemper, das ihre große Klasse mit jeder Note bestätigt!

  1. Time Traveler
  2. In My Flame
  3. Moving On
  4. Magical Stone
  5. At The Reservoir
  6. Little Face - The Sequel
  7. Man With No Face
  8. Envie d`amour
  9. Cry In The Dark
  10. The Gift

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