Wolfgang Haffner - Kind Of Spain

Wolfgang Haffner - Kind Of Spain

Wolfgang Haffner
Kind Of Spain

Erscheinungstermin: 25.08.2017
Label: ACT, 2017

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Wolfgang Haffner - drums
Jan Lundgren - piano
Sebastian Studnitzky - trumpet
Daniel Stelter - guitar
Christopher Dell - vibraphone
Lars Danielsson - bass

Er hat vorgelegt. Das vorletzte Album „Kind of Cool“ orientierte sich stark an den klassischen Vorgaben des „Kind of Blue“. Ja, trauen wir uns zu sagen: diese wunderbare Musik von Miles Davis und seinen kongenialen Musikern, die als zeitloser Klassiker dauerhaft brennt und begeistert, stand im Fokus dieses erfolgreichem Albums. Folgerichtig trägt es den Titel „Kind of Cool“.

Jetzt hat er nachgezogen. Dieser „Er“ kann nur der trommelnde Wolfgang Haffner sein. Er ist es. Sein neustes Album „Kind of Spain“ lockt mit Feuer und Passion der spanischen Musik. Da ist es naheliegend, dass die großen Themen der spanischen, genauer der andalusischen, Gitarrenmusik dargeboten werden: Concieto de Aranjuez, El vito, Recuerdos de la Alhambra.

„Sketches of Spain“ von Miles Davis/Gil Evans
Dieser Meilenstein der Jazzinterpretation eines spanischen Gitarrenkonzertes aus dem Jahre 1960 basierte auf der engen Kooperation zwischen Miles Davis und den großorchestralen Arrangements von Gil Evan in absolut meisterlicher Manier. Dieses Album setzt bis heute Maßstäbe, an den sich nachfolgende Interpreten zu messen haben. Auch die weiteren Titel beziehen sich auf klassische oder traditionelle spanische (Gitarren)Musik und sind ebenfalls große Klasse.

„Concierto de Aranjuez“ von Wolfgang Haffner
Bei diesem Titel ist die Ausrichtung an Miles Davis genialer Interpretation des Concierto de Aranjuez aus dem Album „Sketches of Spain“ mehr als zu spüren. Kompositorisch sollte sich diese Musik an das Leben im höfischen Spanien (so Komponist Joacin Rodrigo) beziehen, musikalisch eingebettet in die Stimmung der Sommerfrische von Aranjuez vor den Toren des „Realen Madrids“.

Im Gegensatz zu Miles Davis, der aus dem klassischen Gitarrenkonzert - durch Lippen wie Trompete - die Jazzinterpretation schlechthin schuf , konnte oder wollte Wolfgang Haffner nicht auf die Gitarrenstimme von Daniel Stelter verzichten. So entstand eine andere, eher coole Jazz-Version. Geradezu lässig bietet sich der Bass als Instrument der Melodieführung an. Diskret unterstützt durch das Pianos, welches später auch das Thema melodisch aufgreift.

„Concierto de Aranjuez“ von Jim Hall
Wir schreiben das Jahr 1975. Dies ist vermutlich die coolste Version von Musikern, die (fast) alle dem Label „Giganten des Cool Jazz“ zugesprochen werden. Der Gitarrist Jim Hall als „Projektleiter“ versammelte solche Größen wie: Chet Baker, Paul Desmond, Roland Hanna, Ron Carter, Steve Gadd. Was zu hören ist, ist eine Abfolge von introvertieren Soli schönster Art bei einem süchtigmachenden Sound des Sextetts – Cool Jazz at ist best.

Hör-Erlebnis 42 Jahre später…
Behutsam, (über)vorsichtig werden erste zarte Melodielinen von der Gitarre bekundet und von der Trompete Chet Bakers gehaucht. Alle warten, dass es losgeht, die Spannung steigt, immer noch verhalten, ja zurückhaltend übernimmt das Alt von Paul Desmond die Melodie, stimmt sich mit Gitarre und Trompete ab. Diese 3 Solostimmen spielen sich jetzt die harmonischen Bälle zu, die Musik schwebt, steht fast still. Jetzt endlich geht es los mit diskretem Becken und Ron Carters ausgereiftem Bass, das Piano darf mitmachen und Roland Hanna schlägt die fehlenden Akkorde. Und von vorne, alle Melodielinien nochmal, ausgeweitet durch vereinzelte Improvisationen aller Musiker. Nur Steve Gadd hält die „Stange“, hält den durchlaufenden Rhythmus bei Laune. Dieser betörende Sound klingt fast gleich, aber der Hörer kann davon nicht lassen. Noch eine Schleife, noch eine Runde. Schon ist das Stück zu Ende, viel zu früh.

„El Vito“ – Olé von John Coltrane
Dies ist der andere große Klassiker von 1961, der durch eine Jazz-Adaption zu Weltruhm gelangte. Hier war es das Sopransaxofon von John Coltrane, der die Rhythmik der andalusischen Musik mit jazziger Energie und Improvisation zu einem eigenen Kunstwerk verwob, auch wenn der Titel ein wenig banal anmutet: Olé, von der gleichnamigen Album. Olé basiert auch dem traditionellen andalusischen oder kastilischen Volkslied El Vito, was so viel wie Veits- oder Hexentanz bedeutet. Ältere Texte haben noch die Auseinandersetzung mit den Mauren im damaligen Spanien zum Gegenstand. Es gibt viele Textversionen, die einen weiten Bogen spannen: von ernsthaft wie albern bis zu politischen Ausprägungen.

Nun, die Musik von El Vito hat es in sich: mitreißend, vorwärts peitschend. John Coltrane erreichte dies – neben dem gnadenlosen rhythmischen Spiel von Drummer Elvin Jones - durch die ungewöhnliche Hinzunahme von zwei Bassisten. Art Davis und Reggie Workman zupfen und streichen abwechselnd ihre Kontrabässe, um diesen raumschaffenden Charakter des Stückes auszudrücken und zu steigern. Auch die weiteren Musiker sind erste Wahl und hinterlassen ihre individuellen Spuren: Eric Dolphy, Freddie Hubburd, MyCoy Tyner. Neben Olé sind wunderschöne Balladen zu finden, darunter „Aisha“.

„Flamenco Jazz“ – von Pedro Iturralde

Nach diesen frühen amerikanischen Vorgaben versuchte der katalanische! Tenorsaxofonist Pedro Iturralde 1967 die Ehre Andalusiens, wenn nicht gar Spaniens, zu retten und spielte diverse Jazzversionen von traditionellen Stücken ein. Darunter auch „unser“ legendäres El Vito. Mit von der Partie sind zwei deutsche und ein eidgenössischer Jazzer und ein damals noch nicht allzu bekannter Gitarrist namens Paco de Lucia. Reinhören!

„El Vito“ – „Kind of Spain“ von Wolfgang Haffner
Für Musiker, die sich als auch als Perkussionisten verstehen – neben Wolfgang Haffner auch der Vibrafonist Christopher Dell – ist El Vito eine große Versuchung, eine Herausforderung. Sie nehmen dies an. Melodie und Harmonien werden abwechselnd durch Gitarre und Bass vorgetragen. Auch ihre Version von El Vito will nicht, kann nicht auf die treibende Rhythmik verzichten.

Nach gelassener Anfangsphase nimmt das Thema Fahrt auf und verdichtet sich zunehmend. Jetzt kann auch der Mann am Schlagzeug nach Herzenslust seine Trommeln und Becken attackieren, hauen was das Zeug hält. Diese Drei-Viertel-Takte treiben an, wollen vorwärts, verlangen Raum, packen alle. Wolfgang Haffners Getrommel kriegt sie alle, unterstützt durch das perkussive Spiel des virtuosen Vibrafonisten Christopher Dell.

Weitere Titel und Musiker
Bleiben wir bei den Klassikern. Von Francisco Tárrega stammen die bekannten Themen Recuerdos (Erinnerung) de la Alhambra und Capricho Arabe. Chuck Mangione und Chic Correia steuern zwei Stücke zu. Alle anderen Titel sind Eigenkompostionen von Wolfgang Haffner und den jeweiligen Musikern oder gar kollektive Schöpfungen, die den Geist der Musikalität Spaniens beschwören.

Die Balladen
Überwiegend in ruhiger, gar lässiger Haltung entpuppen sich viele Stücke als sanfte Balladen: Spain von Chick Corea, El Faro, Tres Notas, Salinas.

Die getragenen Melodien werden oft durch die Trompete von Sebastian Studnitzky vorgestellt. Hier – wie auch in weiteren Stücken der CD – strahlt diese Musik viel Gelassenheit, Ruhe, wenn nicht Stille aus. Diese coolen Klangfarben werden zum guten Teil durch den lyrischen, bisweilen introvertierten Ton des Horns erzeugt. So besonders in der Liebesballade „Tres Notas para Decir Te Quiero (3 Noten, um Dir zu sagen, dass ich Dich liebe) oder in Chuck Mangione „Childern of Sanchez“ wie auch in „Salinas“. Mittunter mischen sich kleine Tropfen trauriger Untertönen in die schwelgenden (Liebes)Balladen.

Pasodoble
Balladen sind nicht alles. Der Pasodoble von Lars Danielson will es noch mal wissen. Ab geht´s, vorwärts stürmend, immer gegen den Uhrzeigersinn treiben die Takte die verhinderten Schritte von potenziellen Tänzern. Hier wird der Hörer nicht durch den sanften Liebeszauber der wohltönenden Balladen verführt. Hier pocht die Rhythmik auf Ihrem Anspruch, die Hörer durch ihre schlagenden Argumente in den Bann zu ziehen. Paso Double ist eine Steilvorlage für den Drummer Wolfgang Haffner. Der unerbittlich schlagende Rhythmus der Trommeln ist jetzt der alleinige Schrittmacher (Pacemaker) für jedes hörende Herz.

Vibrafon - Melodie wie Perkussion
Zum „relaxten“ Sound des Albums trägt auch stark das Vibrafon bei. Die distanzierten Klänge des Metalls, die durch Klöppel verursachten perlenden Klangwellen verstärken diese Stimmungen.

Piano und Bass
Auch Bass und Piano übernehmen als gleichberechtigte Instrument ebenfalls die Stimmführung und wechseln sich mit Trompete und Gitarre ziemlich ausgewogen ab. Lars Danielson am Bass und Jan Lundgren am Piano sind altbewährte Kollegen.

Diese gestandenen Jazzer von der nordischen Seite der Ostsee tragen ihren Teil dazu bei, dass Kind of Spain diesen Sound von Coolness aufweist. Diese – nennen wir sie altbacken „Ostseebande“ oder neudeutsch „Baltic Gang“ - Musiker bilden zusammen mit den Jungs von der diesseitigen Ostsee eine Art verschworenes Projekt-Team, das Spanien einfach mal so annektiert hat. Andalusien wird in die baltische See verlegt. Und so tönt es auch:
Cool of Spain, aber mit Passion!

Weitere Empfehlungen – „Jazzpañia“
Aus neuer Zeit sind Einspielungen des spanischen Pianisten Chano Dominguez zu empfehlen, die die sinnstiftenden Titel Jazzpania tragen. Hier finden sich Eigenkompositionen, die die spanische Musiktradition zeitgenössisch interpretieren. Der Ära Paco de Lucia nachfolgend ist der Gitarrist Geraldo Nunez zu nennen, dessen Kompositionen und Spiel wesentlich den Sound der Alben prägen. Bei Jazzpañia II sind sogar der legendäre Michael Brecker und der virtuose Bassist Renaud Garcia Fons zu hören.

“Never let it End” von Albert Mangelsdorff
or Spanish waltz for Flamenco Dancer La Singla von 1970

Dieses Motto übernehmend, kommen die Empfehlungen zur Jazz-Adaption spanischer Musik zum Ende. Der Untertitel verrät es. Auch dieser 3-Takter kommt mit elementarer Kraft und Wucht. Die stilistisch wohl prägendste Band der Siebziger zeigt hier, wie ein Spanish Waltz klingen kann, ja muss, wenn die Posaune von Albert Mangelsdorff mit dem Tenorsaxofon eines Heinz Sauer auf der rhythmischen Basis von Drummer Ralf Hübner mit dem Bass von Günter Lenz sich zu einem teutonisch-jazzigen „El Vito“ verschwören.

Text: Cosmo Scharmer

  1. For Vince & Arif
  2. Pasodoble
  3. El faro
  4. Children of Sanchez
  5. Tres notas para decir te quiero
  6. El vito
  7. El chaos
  8. Concierto de Aranjuez
  9. Tàpies
  10. Salinas
  11. Recuerdos de la Alhambra
  12. Spain
  13. Capricho arabe

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