Barim - Jazz Korea Festival 2018 – So. 25.11.2018

Barim
Barim

Barim im b-flat Jazz Club
Korean Folk Songs meet Jazz

Barim ist:
Kim Yong Woo – Gesang
Ha Beom Seok – Gitarre
Chon Yong Jun – Piano

Der Titel weckt Erwartungen. Das Ambiente stimmt schon mal: b-flat, ein gut eingeführter Jazz-Club mit dem jugendlichen Schick einer angesagten Bar in Berlin Mitte. Auf der Bühne signalisiert ein Flügel potentiellen Piano-Jazz und der Gitarrenverstärker könnte für fast jede musikalische Richtung stehen. Dann kommen die Musiker auf die Bühne und der Mann mit der Stimme verdeutlicht, warum es hier geht: Vocals, Songs, Lieder in koreanischer Sprache. Diese will sich der Autor näher anhören. Die Aufmachung des Vokalisten Kim Yong Woo im modisch schicken koreanischen Designer-Dress mit westlichem Hut kann sich sehen lassen. Seine Stimmfärbung kann sich hören lassen und klingt nach undefinierbarem Orient: irgendwo zwischen türkisch Nahost und den fernen Weiten Asiens.

Ja, ein Hauch von „Land des Lächelns“ durchdringt den Raum, so klischee- wie opernhaft. Diese Wahrnehmung mag in der Tatsache einer fehlenden Differenzierung von orientalischen und fernöstlichen Sprachen liegen. Auch jazzgeprüfte Ohren können hier nur schwer unterscheiden. Was machen die anderen Musiker? Das Piano von Chon Yong Jun spielt zaghafte melodische Linien, setzt behutsame Akkorde. Ha Beom Seok mit seiner Gitarre steht dem nicht nach. Beide halten sich im Hintergrund, erschöpfen sich in selbstloser Begleitung. Der Gesang verströmt eine elegische Grundhaltung: Liebeskummer, Liebesleid oder eine andere traurige Geschichte?
Der Hörer erfährt nun durch den koreanisch sprechenden einheimischen Moderator, dass dies die Ballade des Wagenknechtes war. So wie es klang, musste dies ein eher leidendes Schicksal gewesen sein. Damit stellt sich das Thema vor: traditionelle Lieder, Volkslieder oder folkloristischer Gesang aus Korea. Diese Thematik ist unüberhörbar und wird durch die Moderation weiter erläutert. Aber wo bleibt das - im Programmheft angekündigte - Treffen mit dem Jazz?

Vielleicht in der nächsten Ballade, die ein Schiff mit Rudern besingt. Dies tönt stärker rhythmisch und übersetzt die körperlichen Anstrengungen der Ruderer in musikalische Form. Der durchlaufende Beat von Piano und Gitarre steigert sich und erhöht neben der Schlagkraft der Ruder-Mannschaft auch die emotionale Aussage des Liedes. Es wird kräftiger gerudert, die windgepeitschten Wellen brechen gewaltig gegen den Bug und die aufwühlende Stimme von Kim Yong Woo brandet gegen das Publikum. Dabei wirkt die Intonation seiner Lieder stets elegisch, eine klagende, trauernde Grundstimmung voller November. Dies muss textlich nicht sein, aber so klingt es für (westliche) Jazz-Ohren. Ist diese Musik eine Art Ethno-Jazz? Dies will weiter geklärt sein.

Noch immer hört der Autor versteckt den (türkischen) Muezzin heraus, auch wenn dieser in den Liedern inhaltlich nicht drinstecken mag. Gibt es kleine phonetische Gemeinsamkeiten zwischen diesen auseinanderliegenden asiatischen Sprachfamilien? Nun, dieses Lied ist - so der Vokalist - vom Wohlwollen gegenüber den Eltern geprägt. Ein nobles – bei uns eher aktuell in den Hintergrund gedrängtes - Anliegen, dessen Inhalt klanglich nicht auszumachen ist. Der nächste Song handelt von einem Reigentanz, der durch das Spiel des Pianos rhythmisch akzentuiert vorgetragen wird, aber in seinen Elementen sparsam bleibt. Die Gitarre steuert melodische Tupfer bei und allmählich meint der Hörer und besonders die zahlreichen jungen koreanischen Hörerinnen auch den Reigentanz herauszuhören. Klatschend machen sie mit. Jetzt darf auch der Gitarrist in höchsten Tönen solistisch schwelgen, in bester eindringlicher Rock-Tradition: Barim spielt zum Tanz auf!

Der 2. Set macht dort weiter, wo die letzte Ballade aufhörte. Tragende Melodielinien erzeugen eine gefühlvolle Stimmung, bei der auch stärker solistische Passagen der Instrumentalisten zu hören sind.

Kim Yong Woo versucht sich nun als Entertainer, der die Stimmung anheizen will und fordert das Publikum auf, bei einzelnen Passagen so was wie „Eu“ zu rufen. Sprachlich übersetzt ist wäre dies „Ey“ oder Hey“. Verständliche und nichtssagende Stimmungsfloskeln, wie sie in der Volksmusik und im Pop so beliebt sind.

Musikalisch gerät die Musik ins Schwingen, um dann in einen gefälligen Latin Tough zu gleiten. Das Piano von Chon Yong Jun swingt, die Gitarre schlägt leichten Funk, der Sänger huldigt enthusiastisch seinen folkloristischen Weisen. Das Publikum und besonders die zahlreichen koreanischen Ladies machen fleißig mit: „Eu“, sie haben ihren Spaß dabei – „Eu“. Die Gruppe hat mittlerweile Hörer und Hörerinnen! emotional gepackt. Ein Sound drängt sich in den Vordergrund, der als Jazz zu verstehen ist. Jetzt hat – nach langer Vorarbeit – die koreanische traditionelle Musik den Jazz getroffen. Zwar spät, aber immerhin! Chon Yong Jun schlägt beseelt in die Tasten, erhöht seinen Anteil am Musikgeschehen und kann sein Können als Jazz-Pianist auch solistisch mal kundtun. Leider nur kurzzeitig, aber lange genug um ihn als souveränen Jazzer zu erkennen.

Noch ein Ballade. Ein in Korea – durch die fantastische Vokalistin Youn Sun Nah – und rund um den Globus bekannte Ballade: Ariang. Diese Ballade klingt so schön sentimental, dass der Autor nicht nach dem Inhalt des Liedes fragen oder recherchieren will. Dabei könnte die zarte Verführung verlorenen gehen, den Ariang auf alle Menschen – auch die europäischen – verströmt. Lieber den Text nicht kennen, um sich emotional verzaubern zu lassen. Ja!

Ha, noch ein swingendes Stück macht sich Luft, um dem Jazzanspruch zu genügen. Hier ist es der Sound der Gitarre von Ha Beom Seok, der prägend gestaltet. Swingend mit viel Verve und mit einem Tick Gipsy-Swing à la Django Reinhardt treibt die Gitarre vorwärts. Ohne Zweifel ist dies alles dem Genre des Jazz geschuldet, nur bleibt in diesen wenigen Titeln die koreanische Seite des Zusammentreffens außen vor. Ein Treffen findet statt, aber es kommt nicht zu einer durchdringenden Berührung beider Musikwelten. Dies mag vielleicht ein zu hoher und nicht einzulösender Anspruch sein. Aber nett ist es schon!

Text: Cosmo Scharmer

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