Song Hachul Quartet - JazzKorea Festival 2018 – Do. 22.11.2018

Song Hachul Quartet
Song Hachul Quartet

Unexpected Sounds from Korea:
Tradition, Avantgarde, Electronic, Swing Reassembled

Das Kesselhaus ist nicht dafür bekannt, besonders viel Jazz anzubieten. Umso spannender ist es, welches Publikum sich für den Jazz aus Korea interessiert und sich die Ehre der Anwesenheit gibt. Das Ambiente versprüht den robusten Charme eines nur grob hergerichteten Industriegebäudes (Brauerei) aus der ziegelroten Backstein-Ära. Innen überwiegen Grau- und Anthrazittöne. Ein gotisch anmutendes Ambiente, das der Jazz sich erst erobern muss.

Song Hachul Quartet ist:
Song Hachul - Saxofon
Yim Chaesun - Piano
Seo Juyoung - Drums
Lee Dongmin - Bass

Zur Musik: Rhythmusgruppe und Saxofon machen die Besetzung des Quartetts klassisch und weisen auf Mainstream-Spielweisen hin. Und so klingt es dann auch. Sehr verhalten, geradezu vorsichtig tastet sich die Band in den Kesselsaal des Maschinenhauses vor. Die Musik ist auf den Mann am Tenorsax zugeschnitten, der diese Unterstützung nutzt, um Variationen eines Tenorsounds darzubieten. Alles klingt ausgewogen mit spürbarer Vorliebe zu musikalischen Details, aber ohne das emotionale Feuer von Bebop oder Hardbop. Mitunter überwiegt sogar eine coole Intonation samt dessen Spielhaltung. Alles ist harmonisch ganz exakt austariert, bloß kein Risiko eingehen. Piano und Drums trauen sich jetzt ein wenig bewegter aufzuspielen. Es klingt solide, ist ganz nah dran am klassischen Sound dieses Genres. Eigene stilistische Interpretationen dies Stils sind schwer auszumachen. Auch wenn dies eine Komposition von Song Hachul ist, es klingt nach bekannten und vertrauten Standards.

Die Ballade Sad Song – so erklärt es der Man am Tenor – sei biografisch gefärbt. Er habe den Schmerz über den Verlust seiner Beziehung in dieses Stück gepackt. Ja, so könnte die Musik wahrgenommen werden, wobei der Schmerz sich in schöne Melodielinien verwandelt. Ein gefälliges Solo des Sopransaxofons unterstreicht diesen Aspekt, eine einfache, aber eindringliche Akzentuierung verfehlt die Wirkung dieser traurig-schönen Ballade nicht. Bass und Drums halten sich weiterhin versteckt im Hintergrund und überlassen dem Sopran mit seinen stringenten Improvisationen die musikalische Bühne. Nur Yim Chaesun am Flügel traut sich jetzt was, spielt engagiert auf und kann sein Solo in emotionale Klangwelten steigern, die das Publikum auch packt. Der Rest des Quartetts hält sich vornehm zurück.

Wir bleiben bei der musikalischen Aufarbeitung der Beziehung zu seiner Ex. Auch dieses Thema sei von ihr ausgelöst worden, würde aber mehr seine aggressive Wut zeigen. Soweit Song Hachul zur Entstehungsgeschichte diese Titels. Mutig und informativ sind diese Erläuterungen, die vom Publikum ein wenig erheitert aber eindeutig positiv aufgenommen werden. In der Tat, diese Verarbeitung des eigenen (problembehafteten) Lebens in Kunst und (Jazz)Musik wird hier glaubhaft erläutert.

Jetzt wundert sich niemand, wenn dieses Thema dynamisch auftrumpft, schneller wird und sich lautstärker Raum verschafft. Dazu trägt wesentlich das Spiel des Drummers bei, der jetzt auf die „Pauke hauen kann und dies auch tut. Die Band betont weiter vertraute Harmonien, nur der Pianist macht sich langsam davon frei. Sein swingendes Solo löst sich von den harmonischen Fesseln des Themas. Da will der Drummer nicht nachstehen und steckt alle rhythmische und emotionale Kraft in ein packendes Solo. Also doch!

Ganz anders der nächste Titel: klar strukturiert durch das Spiel des Pianos erweist sich das Thema als spanungsgeladen und abwechslungsreich. Lyrische Momente - wie das Bass-Solo -, die zum Schwelgen und Sich-Verlieren in die Musikalität einladen, wechseln mit kraftstrotzenden Aussagen voller Dynamik. Da sind jetzt alle mit von der Partie, treiben die Musik voran, intensivieren ihr Spiel, schaffen auf- und abschwellende Klangkaskaden, kommen zum Höhepunkt. Das Beste zum Schluss! Absolut, das wäre es gewesen, aber es kommt noch ein Rausschmeißer-Song, der sich als Funk erweist, der der Gruppe weniger liegt als ihre swingende Themen. So einer zum Mitklatschen, auch wenn dies beim Jazz keiner tut. Dieser Rausschmeißer beendet nicht das Konzert, aber den 1. Set. Vom ersten Titel abgesehen, der sich im Nachhinein wohl als Stück zum Aufwärmen und Einspielen erwies, konnte sich das Quartett kontinuierlich steigen, um dann richtig abzuräumen. Respekt und Gratulation zum Konzertauftakt von Korea Jazz 2018.

Text: Cosmo Scharmer

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