Regina Reiter & Danlin Felix Sheng - Bittersweet - Musik im Schatten des Dritten Reiches
Um dieses Album produzieren zu können, legten die Saxophonistin Regina Reiter und der Pianist Danlin Felix Sheng ihre Karten offen auf den Tisch. In ihrem Crowdfunding-Text nannten sie den Grund für ihre Sponsorensuche: “Auf unserer Debut-CD wollen wir fünf Werke verfemter, also von der NS-Diktatur geächteter Komponisten veröffentlichen. Eine CD-Produktion ist ganz schön teuer. Und es kommen viele Dinge zusammen – Tonmeister für Aufnahme und Mastering, Label für Produktion und Vertrieb, Flügelstimmung, Fotos und und und. Das schaffen wir nicht alleine, deshalb brauchen wir eure Unterstützung!”
Der Albumtitel “Bittersweet” betont eher den Unterhaltungswert der zwischen 1919 und 1952 entstandenen Duo-Stücke. Doch die Biographien der vier Komponisten sprechen überwiegend eine bittere und wenig süße Sprache.
Erwin Schulhoff starb 1942 als Nazi-Gefngener. In den 1920ern suchte er zwischen Dadaismus und Zwölftonmusik sowie den damals angesagten Modetänzen Shimmy und Charleston nach neuen Wegen. 1930 schrieb er sein Jazz-Oratorium “H.M.S. Royal Oak”. Regina Reiter und Danlin Felix Sheng spielen auf ihrem Debüt-Album seine „Hot-Sonate für Altsaxophon und Klavier“ – ein Werk, das im Spannungsfeld zwischen Tanzcafé und Jazzkeller beinahe schon Ohrwurm-Qualitäten offenbart.
Weniger einschmeichelnd, eher spröde zurückgenommen klingt eine “Sonate für Saxophon & Klavier” von Paul Hindemith; sie wurde 1943 im US-Exil geschrieben, während in seiner Heimat die Nazi-Bonzen ihn als “atonalen Geräuschemacher”, “Kulturbolschewisten” oder “entarteten Musiker” verunglimpften. Danach kommt ein Interpretation der “3 Lieder ohne Worte” von Paul Ben-Chaim, der 1933 Deutschland verließ und heute zu den Begründern einer israelischen Musiktradition gehört.
Eines seiner bekanntesten Kammermusikwerke ist Scaramouche für zwei Klaviere, das er für viele Besetzungen arrangierte, unter anderem für Saxophon und Bläserquintett. Von allen Komponisten seiner und älterer Generation, die sich in wenigstens einer Komposition zur Aufgabe machten, den damals neu aufkommenden Jazz oder wenigstens dessen Musizierphänomene in ihre Kompositionen zu integrieren (die bekanntesten unter ihnen waren Strawinski, Hindemith, Schostakowitsch, Satie und Schulhoff), war Darius Milhaud derjenige, der sich dieser Musik als klassischer Komponist am weitesten angenähert hatte.
ru von Paul Hindemith;
Das wohl bekannteste Werk auf diesem Album ist jene “Scaramouche”, die von Darius Milhaud ursprünglich für zwei Klaviere geschrieben wurde. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich emigrierte der Komponist in die USA. Dort gehörten der Modern Jazz-Pianist Dave Brubeck, der Minimal-Musician Seve Reich und der Easylistening-Tonsetzer Burt Bacharach zu seinen Meisterschülern.
Jene 10.000 Euro, die als Produktionsetat zur Verfügung standen, wurden von Regina Reiter und Danlin Felix Sheng sinnvoll investiert. Nicht nur die einst verfemte Musik verdient es, (wieder-)entdeckt zu werden. Aus welch “bittersüßen” Quellen das Duo seine Inspirationen schöpfte, lässt das angenehm durchhörbare Album beinahe vergessen. Allein schon für das Honorar des Tonmeisters und Produzenten Jens F. Meier hat sich die Crowdfunding-Aktion also gelohnt.
Erscheinungstermin: 04.04.2024
Label: Kaleidos, 2023
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