Winfried Dulisch fragt Abi Wallenstein: Wozu ist die Straße da?

„Auf keinen Fall zum Marschieren“, weiß der Hamburger Blues-Sänger Abi Wallenstein aus langjähriger Berufserfahrung. „Die Straße ist zum Musizieren da.“

Er ist der einzige deutsche Musiker, der sich niemals über mangelnde Auftrittsmöglichkeiten beklagt. „2024 absolvierte ich mehr als 100 Gigs in Jazz- und Blues-Clubs, auf Kleinkunstbühnen und bei größeren Festivals.“ Nicht mitgezählt hat er die Darbietungen auf den Straßen seiner Heimatstadt Hamburg.

Außerdem wird Abi Wallenstein oft eingeladen zu Plattenproduktionen seiner Kollegen – zuletzt von dem Münchner Boogie-Woogie-Pianisten Ludwig Seuss für dessen Album „Boogiemen Vol. II“ (CD: Solid Pack / Galileo). Die Reibeisenstimme des Hamburgers sorgte bei dieser entspannt klingenden Recording-Session für den bluesigen Tiefgang.

Als Gitarrist  arbeitet Abi Wallenstein betont schnörkellos, deftig zupackend und beinahe schon ruppig vorwartstreibend. „Mit filigraneren Mitteln kannst Du auf der Straße nicht erfolgreich arbeiten“, empfiehlt er allen Nachahmern, die sich als Blues- oder Jazz-Musiker in einer belebten Fußgängerzone der kulturellen Laufkundschaft präsentieren wollen.

„Ich kam zur Straßenmusik, weil ich eine Zeit lang keinen Proberaum hatte“, erinnert sich Abi Wallenstein. „Ein Musiker-Kollege empfahl mir damals: komm doch einfach mal mit auf die Straße! Dort konnte ich sehr gut meine Stimme und Finger trainieren, anstatt für mich allein stupide Läufe zu üben. Ich konnte damit sogar Menschen unterhalten.“

Heute noch betreibt er seine Tätigkeit als Straßenmusikant weniger zum Nebenerwerb, sondern als Experimentierstube. „Außerdem freut es mich, wenn ich die Menschen dort sogar unterhalten kann. Das ist für mich immer noch ein wichtiges Motiv, auf die Straße zu gehen.“

Ein weiterer Nutzen ist für Abi Wallenstein: „Bevor ich einen Song in mein Bühnenprogramm aufnehme, teste ich erst einmal seine Straßentauglichkeit. Wenn die zufällig in der Stadt herumschlendernden Leute mindestens 60 Sekunden lang stehen bleiben und sich nicht mehr um ihre schweren Einkaufstüten kümmern, dann weiß ich, dass diese Nummer auch in einem Club oder auf einer Festivalwiese gut ankommen wird.“

Nicht nur bei der Auswahl des Repertoires kann die Arbeit auf der Straße nützlich sein. – „Hier lernte ich die kleinen, aber so wichtigen ‘Tricks‘, mit denen ich das Publikum zum Stehen bringen und ‘bei der Stange‘ halten kann – also jene Mittel, die ich auch in den Clubs und auf Festivals sehr gut einsetzen konnte“.

Deswegen empfiehlt Abi Wallenstein jedem Jazz- und Blues-Musiker eine Rückbesinnung auf die Wurzeln ihrer Musik: „Du musst das Publikum zu Aktivitäten motivieren! Zum rhythmischen Klatschen, zum Mitsingen. Schließlich ist ‘Call and Response‘ ein wesentliches Merkmal der afroamerikanischen Musik. Der Vorarbeiter auf den Baumwollfeldern oder den Lastkähnen singt eine Zeile, und die Mannschaft antwortet ihm. Das ist auch ein wesentliches Element der Gospelmusik.“

Die Experimentier- und Spielfreude des 1945 in Jerusalem geborenen Blues-Barden ist ungebrochen. Nur die Arbeitsbedingungen für Straßenkünstler haben sich geändert – zum Guten wie zum Schlechten.

„In den 1970ern riefen viele Ladenbesitzer noch die Polizei, wenn ich mit der Gitarre vor ihren Schaufenstern stand. Aber das Publikum stimmte mit den Füßen für meine Musik ab. Wenn ich den Gitarrenkoffer auf dem Bürgersteig auspackte, bildete sich sofort ein Kreis von Zuhörern um mich herum. Und schon kamen die ersten Plattenwünsche: ‘Hey, spiel mal was von Muddy Waters!‘ oder so ähnlich. Hamburg ist nun mal eine blues-affine Stadt.“

Und heute? – „Die Straßenmusik hat sich von einer Lärmbelästigung, die den Geschäftsbetrieb störte, zur willkommenen Belebung der Innenstädte gemausert. Ab und zu bringt mir sogar eine Verkäuferin einen Becher Kaffee, obwohl ich ihr ansehen kann, dass sie garantiert kein Blues-Fan ist.“

Aber ebenso wichtig ist für Abi Wallenstein außerhalb von Clubs und Konzertsälen „die spontane Kommunikation mit zufällig vorbeikommenden Musikern. Ein Plausch im Café. Der Austausch von Erfahrungen, Informationen oder Adressen und andere gute Gespräche, die nur auf der Straße zustande kommen.“

Um sicher zu gehen, telefoniert Abi Wallenstein vor jeder Street-Performance mit dem Ordnungsamt. „Aber die wollen heute nur noch den Ort und die Zeit meines Auftritts wissen. Manchmal schlagen sie mir sogar einen guten Platz vor, an dem schon viel zu lange kein Straßenkünstler mehr gastierte,“

Bedauerlich findet Abi Wallenstein diese Entwicklung: „Handgemachte Musik ist zurzeit nicht in Mode – zumindest nicht auf der Straße. Meine Club-Konzerte sind ständig ausverkauft. Und diese Clubs sind immer noch voll mit Menschen. Diese Zuhörer wissen unsere ‘Nischenmusik‘ zu schätzen. Und weiterhin sitzen Kulturvereine, Privatpersonen, Veranstalter und Clubbesitzer mit uns Musikerin einem Boot und sorgen dafür, dass die Ergebnisse unserer Arbeit auch tatsächlich gehört werden.“

Auf der Straße muss ein Künstler ohne all diese Unterstützer arbeiten. „Außerdem bleibt das Publikum draußen oft nur noch stehen, wenn ein Straßenmusikant ein paar große Lautsprecherboxen aufbaut und seine Show mit computergenerierten Techno-Grooves untermalt.“

Trotzdem – oder gerade deswegen – empfiehlt Abi Wallenstein allen Musikern die Straße als Betätigungsfeld; „Auf dieser Bühne gibt es keine Vorankündigung. Keine Mikros. Keine elektrische Verstärkung. Keine Scheinwerfer. Und genau hier öffnet sich eine Tür zu richtiger Freiheit, Ungebundenheit, Unabhängigkeit.“

Haben heutige Jazz-Musiker in diesem Umfeld überhaupt eine Chance? – „Ich bewundere meine Jazz-Kollegen, die für ein konzentriert lauschendes Publikum mit introvertiertem Gestus ihre Musik präsentieren. Auf der Straße musst du aber ständig auf deine Zuhörer achten und extrovertiert arbeiten.“

Zum Glück galt für sämtliche Blues-Musiker – obwohl sie für einige Hörer doch nur die altbekannten zwölf Takte variieren – immer schon diese Regel: Eine stehende Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit. „Nur schade, dass die Uhr selbst nicht weiß, wann diese Zeit mal wieder gekommen ist.“

Doch der nächste Blues-Boom steht in den Startlöchern. Dafür testet Abi Wallenstein bereits neues Repertoire. „Und zwar auf der Straße. Denn sie darf auf keinen Fall wieder zum Marschieren missbraucht werden.“

Abi Wallenstein
Abi Wallenstein, Foto: Ellen Coenders

Text: Winfried Dulisch
Fotos: Ellen Coenders, Friedrun Reinhold, Kay Winter

Weitere Artikel von Winfried Dulisch

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 7 und 2.