Winfried Dulisch hätte beinahe vergessen zu fragen: Wo war Keith Jarrett am 24.01.1975?

Liebe Leserin, lieber Leser,

wo warst Du, als die Zwillings-Türme des New Yorker World Trade Center einstürzten? Wann hast Du zum ersten Mal so richtig verliebt geküsst? Wo und wann hast Du zum ersten Mal die Doppel-LP mit der Bestellnummer ECM 1064/65 oder ihre seit 1983 verfügbare CD-Version ECM 810067-2 gehört?

Für diesen Mitschnitt eines Solo-Auftritts von Keith Jarrett im Kölner Opernhaus hatte der ECM-Gründer Manfred Eicher den Tontechniker Martin Wieland verpflichtet. Das Konzert wurde von der damals 18-jährigen Vera Brandes organisiert. Es begann um 23:30 Uhr im Anschluss an eine Opernaufführung. Der Jazz-Pianist hatte sich mehrfach geweigert, mit dem zur Verfügung stehenden Instrument zu arbeiten, weil dieser Bösendorfer ein kleiner Stutzflügel und außerdem noch verstimmt war.

Aber 1.400 Zuhörer hatten sich für – heute nicht mehr vorstellbare – vier DM (entspricht zwei Euro) ein Ticket gekauft und freuten sich auf die Solo-Performance des US-Amerikaners. Keith Jarrett galt nach mehreren Ensemble-Einspielungen als ein Hoffnungsträger in jener Epoche, als die elektrifizierten Jazzrocker alle Zwischentöne des akustischen Jazz übertönten.

Trotzdem – oder genau deswegen – wurde das in Köln produzierte Live-Album zur meistverkauften Solo-LP der Jazzgeschichte. Es übertrifft bei den Klaviermusik-Alben sogar die Verkaufszahlen von Artur Rubinsteins Einspielung der “Chopin Walzer”.

Lieber Manfred Eicher, ich muss jedoch einschränken: Mindestens drei der beinahe 4.000.000 Exemplare des Kölner Konzerts wurden von mir gekauft. Denn jeder noch so kleine Kratzer auf der Vinyloberfläche störte beim andächtigen Meditieren oder sanften Hinwegschlummern. Deswegen war ich sehr froh, als Du “The Köln Concert” auf CD veröffentlichtest. Diese digital remasterte Version war endlich frei von Störgeräuschen – was ich bei anderen Jazzplatten nie wahrgenommen hatte, weil auf denen ein Drummer das Knistern oder Knacken mit seiner Hi-Hat unhörbar machte.

Allerdings offenbart die CD auch schonungslos die klanglichen Schwächen dieser Live-Aufnahme. Und ein bereits im Analogzeitalter gravierend störender Faktor offenbart sich beim Digitaltonträger noch schonungsloser: Das Kölner Publikum gönnte sich selbst und vor allem dem Albumhörer nicht einmal fünf Sekunden, um diese Meditationsmusik nachhallen und ausschwingen zu lassen – der Applaus füllt nach dem Schlussakkorden jedesmal sofort das von Keith Jarrett liebevoll kreierte akustische Vakuum.

Zur Verwahrlosung dieses Meisterwerks der Improvisationsmusik trug im Laufe der Jahre auch bei, dass es gerne als Hintergrundgeräusch für TV-Beiträge ver(sch)wendet wurde. Vor allem Sonnenuntergänge und andere Landschaftsaufnahmen wurden viel zu oft mit Zitaten aus dem Köln-Konzert untermalt, anstatt dem Betrachter die Chance zu geben, seinem eigenen Herzschlag zu lauschen.

1992 beklagte sich Keith Jarrett in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel mit Recht darüber, dass “The Köln Concert” zu einem Soundtrack verkommen sei. Und er empfahl: „Wir müssen auch lernen, Musik zu vergessen. Sonst werden wir süchtig nach der Vergangenheit."

Die Vergangenheit holt ihn allerdings auf der Kinoleinwand wieder ein in “Köln 75”. Diese deutsch-belgisch-polnische Spielfilmproduktion feiert ihre Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, 13. bis 23. Februar 2025. Der Film erzählt die Entstehungsgeschichte von Keith Jarretts Bestseller und würdigt dabei weniger die künstlerische Leistung des Pianisten, sondern die Beharrlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit der Promoterin Vera Brandes, dargestellt von Mala Emde.

Und welcher Film spielt sich in Deinem Kopf ab, wenn Du – liebe Leserin, lieber Leser – Dich an Deine allererste Hörsitzung mit ECM 1064/65 oder ECM 810067-2 erinnerst? – Wir freuen uns auf Deine Antwort an Einen Kommentar schreiben.

Liebe Vera Brandes, lieber Keith Jarrett, bleibt ebenfalls in Schwingung!

Winfried Dulisch

Mala Emde als Vera Brandes
Mala Emde als Vera Brandes im Film KOELN 75

Text: Winfried Dulisch

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Kommentar von Jan Fritz |

1975 war ich neun Jahre alt. Mein Vater bekam oft so bezeichnete Ehrenkarten von deutschen Radiosendern, so auch für den damaligen Winterabend des 24. Januar. Seinen ältesten Sohn, also mich, nahm er oft zu Konzerten mit. So auch für das Kölner Solo des Pianisten Keith Jarrett. Ein in vieler Hinsicht für mich wegbereitendes Erlebnis. Es war spät, das Konzert war für 22:00 angesetzt, fand aber wie bekannt deutlich später statt. Wir fuhren mit des Vater‘s BMW-Sportwagen rasend schnell von Bremen nach Köln und waren auch rechtzeitig vor Ort. Die ganze Athmosphäre vor und im Opernhaus hat mich damals sehr begeistert, dann endlich stand der Künstler auf der Bühne, sein erster Anschlag entsprach ziemlich genau dem Pausen-Glockenton des Opernhauses. Das war schon mal ein unglaublicher Beginn. Aus Erzählungen meines Vaters saß ich den ganzen Abend (die ganze Nacht) mit offenen Mund da und verfolgte die musikalischen Ideen von Keith Jarrett, seinen langen Ostinato-Improvisationen. Jahre später erfuhr ich, dass Jarrett nur im mittleren Register des Instruments spielen konnte, tiefe und hohe Lagen des Instruments waren nicht bespielbar, hätte das Jarrett gemacht, wäre der Stutzflügel für ein ganzes Konzert nicht zu gebrauchen gewesen. Nach dem Konzert, auf der Rückfahrt durch die Winternacht erzählte ich meinem Vater, dass ich das Klavierspiel erlernen wolle. Im Juli 1975, zu meinem 10ten Geburtstag stand ein Flügel bei uns in unserem Bremer Haus und ich erhielt Klavierstunden, erst bei einer aus Süddeutschland stammenden Lehrerin und später beim Dom-Chor Leiter Helbig in der Kathedrale. Es war der Beginn meiner Lebensreise als Musiker, später dann Musikjournalist, Manager und Produzent in der Jazz, oder besser gesagt Improvisatierten Musik und dessen vielfältigen Genres.

Kommentar von Klaus-Werner Pusch |

Interessant ist fuer mich als Jazzmusiker und Jurist das statement von Keith Jarret "Wir müssen auch lernen, Musik zu vergessen. Sonst werden wir süchtig nach der Vergangenheit."

Andererseits erteilte Jarret (laut WIKIPEDIA) die Anweisung gegenueber zukuenftigen Interpreten, die inzwischen getaetigte Transkription des KOELN KONZERTS zur urheberrechtlich von Jarret akzeptierten Auffuehrung seines Koeln Konzertes verwenden zu duerfen, seine in Koeln eingespielte Improvisation (denn darum handelt es sich fuer das GANZE WERK) als allein massgeblich zu Grunde zu legen....

Die Improvisation, als eine tief aus dem Unterbewusssein, spontan und im jetztigen Augenblick entstehende Schoepfung, hatte und hat es nach wie vor schwer als urheberrechtlich relevant und als selbstaendiges Werk anerkannt zu werden. Was das ganze noch komplizierter macht, ist, dass auch hochrangige improvisierende Musiker, wie Keith Jarret,offenbar zu dieser Auffassung neigen .

Warum sollte man andern Falls eine gelungene IMPROVISATION wie das KOELN KONZERT vergessen, nur weil Jarret sie vielleicht von seinem hohen kuenstlerichen Niveau aus, nachtraeglich und wohl immer noch als "banal" empfinden mag, ungeachtet des "schnoeden Mammon" , den er sich damit einspielte- durch die 4 millionenhafte Veroeffentlichung und nicht etwa aus seiner Gage des life Konzerts (mit 4 Maerka Eintritt.... wahrlich eine 3 Grosschen Oper neuen Formates) ...?.

Keith Jarret ist ein klassisch ausgebildeter Pianist und hat auch Klassik - wie z.B. das wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach- genial einspielt und auf Tontraeger (ECM) veroeffentlich! Ist nicht auch Keith durchaus suechtig und kann, will und wird- wie wir alle Musiker und unser dankbares Publikum- das Genie eines Johann Sebastian Bach nicht einfach vergessen auch wenn dessen WERKE zugegebener Massen suechtig machen..jedoch durchaus ohne schaedliche Nebenwirkungen!

Ich erlebe dieses Phenomen zur Zeit selbst, nachdem mein Verleger mich bat, mein WERK " MY DESTINATION" -KLAUS-WERNER PUSCH QUINTET - KIRK LIGHTSEY ENSEMBLE- bestehend aus meiner Produktion aus dem Jahre 1980 (also 5 Jahre nach dem Koeln Konzert) vom gleichen Tonmeister Martin Wieland in Tonstudio Bauer aufgenommen mit einem zusaetzlichen Pastiche " ROUND MIDNIGHT IN BASEL" eingespielt im duo zwischen Kirk Lightsey (piano) und mir (Klaus-Werner Pusch Trompete) neu auf VINYL zu produzieren und auf den Markt zu bringen. Mir wurde gleichsam bewusst, dass ich diese Aufnahmen, die musikalisch wie in der technischen Aufnahmequalitaet perfekt und einmalig sind, nicht vergessen kann und will. Die Sucht mir diese immer wieder mit grossem Genuss anzuhoeren, nehme ich dabei sehr bereitwillig in Kauf.

Keith Jarret, der leider nicht mehr (zweihaendig) spielen kann, ging und geht es wohl nicht anders; kuerzlich ,als deutlich gealterter und durch seine Krankheit gezeichneter Pianist, mit dem linken Arm in der Schlinge eine seiner erfolgreichen Einspielungen auf video clip ansehend und bescheiden kommentierend ( auf youtube zu sehen) und darauf mit der rechten noch funktionstuechtigen Hand eindrueckliche, musikalische statements zu bekannten standarts interpretierend.

IMPROVISATIONEN sind KOMPOSITIONEN, wenn sie einmal auf Tontraeger gebannt sind, zumindest gleichwertig; IMPROVISATIONEN, wenn die GUNST der STUNDE der Entstehung des WERKES hold war- wie damals 1975 in KOELN- u.U. jedoch weit ueberlegen, beguenstigt durch Spannungen vor und waehrend der Aufnahme und einem voll konzentrierten das Werk kreierenden Kuenstlers und des geistig und seelisch dabei mitwirkenden Publikums.

Klaus-Werner Pusch
26.01.2025
Barrydale, Kleine Karoo Suedafrika

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