Wolfgang Haffners “Kind of Spain” – Konzertbericht vom 26.10.2017 im Berliner A-Trane

von Cosmo Scharmer

Wolfgang Haffner
Wolfgang Haffner, Foto: © Antje Wiech / ACT

Angekündigt war das CD-Release von „Kind of Spain“. Dies wurde es nur bedingt. Waren doch nur zwei Musiker von der CD-Besetzung dabei: der Chef selbst und der Mann am Vibrafon, Christopher Dell. Die Tasten des Pianos schlägt Roberto di Goia anstelle von Jan Lundgren und den für Bass von Lars Danielsson springt Christian Diener in die Saiten. Zwei musikalisch wichtige Stimmen fehlen ganz: die Gitarre von Daniel Stelter und die Trompete von Sebastian Studnitzky.

Nun, dies kann nicht nur anders klingen, dies muss es auch. So überrascht der Konzertabend mit einigen Facetten, die den Sound von Wolfgang Haffners Musik umfassend präsentieren, aber nur zum Teil die Musik wiedergeben, die das Album verspricht.

Some Kind of Cool

Der Reihe nach. Den ersten drei Titel stammen aus dem vorletzten Album „Kind of Cool“. Auch wenn hier Saxofon und Trompete fehlen, der Klangcharakter dieser Edition bleibt erhalten.

„Hippie“ dient zum Aufwärmen von Band wie Publikum und kommt schon gut rüber. Ein ziemlich schnelles „So What“ leitet nach der Auftaktfigur durch den Bass in eine bewegende Bassfigur über. Das Piano ist nun unterstützend mit von der Partie, die Drums werden noch mit den Besen gestreichelt, um dann – der Bass swingt mittlerweile – auch mal kraftvoll geschlagen zu werden. Es entwickelt sich ein Zwiegespräche zwischen den Trommeln und dem Vibrafon. Energiegeladen bearbeiten beide Musiker ihre Instrumente. Besonders der Mann am Vibrafon kennt keine Gnade. Er schlägt, er drischt, er „misshandelt“ das kühle Metall (fast) bis zur Schmelze. Wer nicht weiß, was für ein famoses Perkussionsinstrument so ein Vibrafon sein kann, der weiß es jetzt.

„Shapes“ ist das 3. Stück im Bunde. (E-)Piano und Bass reichen sich Hand in Hand die Themen weiter. Verhaltene Soli, ein wenig „Return to Forever“ aus den Anfangszeiten des rockigen elektrischen Jazz weht durch den Club. Aber nur ein wenig, denn da ist das Vibrafon dessen Betreiber Christopher Dell es „hot“ spielt. Die Stimmung steigt. Musiker wie Publikum haben ihr Vergnügen, ihren Spaß, ihre Befriedigung.

Jetzt kommt uns die Sache Spanisch vor. Eine Pop-Flamenco-Ballade (so Wolfgang Haffner) mit dem rührenden Titel „Tres Notas para Decir Te Quiero“ weist uns die kommende Richtung. Ähnlich „Spain“ . Untermalen durch Besen, lyrische Piano- und Vibrafon-Soli verbreiten eine entspannte Gelassenheit, aber fern jedem Feuer.

Aber zu früh frohlockt. Es kann auch musikalisch heiß gekocht und getanzt werden. Pasodoble ist so ein Brenner. Zu Beginn noch unterkühlt durch den Bass eingeführt, wird Pasodoble zum Objekt der Leidenschaft. Hic Andalucia, hic salta. Wolfgang Haffner kann jetzt seine Passion als bekennender Aficionado - nicht von Andalusien - von Ibiza bekunden. Dies wird trommelnd getan. Richtig vom Leder ziehend poliert er Felle wie Becken seiner Schlagwerkstatt. Aber noch nicht genug. Der Mann am Vibrafon besteht darauf Folgendes zu zeigen: was ein Schlagzeug kann, dies kann sein Instrument schon lange. Nämlich melodisch wie perkussiv zu spielen. Da gibt es kein Halten mehr. Da wird geschlagen und geklopft, da werden die Metallplatten zum Glühen gebracht. Die Metapher des tanzenden Derwisch für den Schlagzeiger ist wohlbekannt, aber nicht angebracht. Jeder Drummer muss - auch bei wildesten Getrommel - sitzen bleiben, während der Bezwinger der Metallplatten stehend, hüpfend, ja tanzend sein Objekt der Begierde zum Klingen bringen kann. Die trägen Augen trügen, gab es da nicht den Kopfstand und den Salto Mortale beim Spielen? Die Bilder können nicht gespeichert werden, aber genauso hat es geklungen, so klingt es immer noch. Was ist noch zu sagen? Wenig, das Publikum tobt.

Nach diesen Veitstänzen der Haffner-Derwische werden zwei Gänge rausgenommen und jetzt ist wieder Coolness angesagt oder einfach nur „Summertime“. Alles tönt wie gewohnt, entspannt, relaxed, unterkühlt. So kann es auch ein wenig weiterplätschern, bis hin zum Sound des Modern Jazz Quintett. Die Interpretation des Titels “Django“ bewegt sich glänzend im perfekten MJQ-Sounds mit deren zufriedenen Langeweile dieser Klangwelten.

Gemach. Mit dem Concierto de Aranjuez erweckt uns de facto der „Titelsong“ des Albums. Ohne Gitarre und Trompete müssen die verbliebenen Musiker zeigen, was an musikalischer Substanz im Thema und an Können in ihnen steckt. Der Bass übernimmt die Melodielinien der Gitarre und wandelt sich so zur Super-Bass-Gitarre, die alles souverän spielen kann, was das Stück erfordert. Zu hören ist eine Ballade voller Gelassenheit. Auch „Salinas“, Haffners Hommage an Ibiza, betont ihre Balladencharakter, zart, lyrisch und einvernehmend.

Noch eine Überraschung

Nach coolem Jazz, nach Espania und dem MJQ-Sound ist Rock angesagt. In der Tat. Haffner bekennt sich als großer Fan von Pink Flyod und spielt ein buntes Medley (oder hat er dies altdeutsch als Potpourri bezeichnet?) Egal, jetzt rockt und stampft es. Zuerst nur vorsichtig rockend, wird dann zusehends richtiger Rock daraus. Auch bei diesen Themen – und deshalb werden sie natürlich dem Publikum angeboten – kann der Mann an den Drums noch mal zulegen. Kann hauen, kloppen, trommeln. Kein Risiko, auch dem Publikum gefällt Pink Floyd in der Version des heutigen Abends.

Dann gibt es noch diverse Zugaben, die so fast alles beinhalten, was an Stilistik heute angeboten wurde. Auch gibt es das Versprechen, an Ende der Tournee noch mal in Berlin, hier im A-Trane, vorbeizuschauen. Unbedingt! Wir sollten Wolfgang Haffner daran erinnern, dies auch einzuhalten. In diesem Sinn ….

Text: Cosmo Scharmer

Einen Kommentar schreiben

Zurück