JazzBaltica 2018 oder 13 Kurzgeschichten vom hohem Meer im Osten, dem Mare Balticum und seinem Jazz. So. 24.06.2018

Die Andacht in der Stille oder die Intimität des Bachschen Swings – das Dieter Ilg Trio

Wolfgang HaffnerDieter Ilg
Dieter Ilg, Foto: Jacek Brun

Auch Dieter Ilg sei ein JazzBaltica-Urgestein, der das Festival seit langer Zeit begleitet, führt Nils Landgren knapp moderierend aus. Schon ist das Trio „On Stage“.

Dann sind Aufmerksamkeit und Ruhe angesagt, die sich quasi naturwüchsig von ganz allein ergeben, wenn das Trio beginnt, seine Musik zu spielen. Nicht nur in kleinen Clubs, sondern auch in dieser großen überfüllten Halle legt sich eine andächtige Stille über den Saal. Alle lauschen mit großer Konzentration einer nahezu spirituellen „Jazz-Messe“, die sich hier erhebt.

„931“ und „Goldberg B“ sind die ersten Titel, die das atemlose Publikum in den Bann schlagen. Das folgende „Siciliano“ für Cembalo und Flöte weist ebenfalls die Richtung, die hier verzaubern soll und dies sofort tut.

Dieter Ilg richtet ein großes Dankeschön an Nils Landgren und an alle, die in hervorragender Weise dieses Festival erst ermöglichen. Auch die Tatsache, dass der künstlerische Leiter es geschafft habe, Wolfgang Haffner und ihn an einem Tag zusammen auf die Bühne zu bringen, sei fantastisch. Bezüglich des Haffnerischen Grinsens und Lachens führt er schlitzohrig aus: „Bei Wolfgang Haffner sieht man sofort, wenn er lacht“. Dies sei bei ihm nicht der Fall, aber er lache auch. Da lacht auch das Publikum.

Es gibt dann den herrlich swingenden Titel „Goldberg A“, der sogleich andächtig verführt. Dieser sei, so Dieter Ilg, auf einer durchlaufenden Basslinie aufgebaut. „Ich habe durchgehalten“, erläutert der Bassist in bescheidener Untertreibung.

Im folgenden Solo erfährt das noch immer staunende Publikum, welche gewaltigen musikalischen Klangwelten im Kontrabass stecken, die „nur freigezaubert“ werden müssen. Dieter Ilg zupft nicht nur den Bass, er verwendet auch die linke Hand, um Töne zu erzeugen, indem die Saiten oben auf dem Hals schlagend gepresst werden. Dies schafft unerhörte Klänge. Auch in gewohnter technischer Weise – die rechte Hand zupft und die linke drückt – verzaubert sein Spiel. Mehr an virtuoser Beherrschung dieses Instrumentes ist kaum vorstellbar. So empfindet es auch das Publikum und ist hin und weg.

Dieter Ilg Trio
Dieter Ilg Trio, Foto: Jacek Brun

Was dem virtuosen Sound des Basses Recht ist, das ist dem Piano billig. Rainer Böhm zelebriert ein ausführliches Solo, das sich souverän auf höchstem Niveau bewegt. Seien Interpretation der Bachschen Themen schaffen einen wunderbar swingender Sound. Dem kann Patrice Héral an seiner Schlagwerkstatt nicht nachstehen. Mit den bloßen Händen behutsam beginnend steigert sich sein Spiel, um in einem fulminanten Feuerwerk an Emotionen, Ideen und Kraft zu enden. Ein ver-rücktes Spielen.

Es ist nicht wichtig, welches der vielen Soli intensiver, ausdrucksstärker, virtuoser oder emotionaler ist. Es ist auch nicht möglich, die verschiedenen Klangcharaktäre der Instrumente unmittelbar zu vergleichen. Bei einem weiteren herausragenden Solo von Rainer Böhm kommentiert Dieter Ilg: „Dies ist aus dem Wohltemperierten Klavier“ und „war sehr wohltemperiert“. Und weiter: „Ich fühle mich wie Schmelzkäse“. Ein ungläubiges Rauen weht durch den Saal. Schnell erfolgt die Korrektur: „Wie guter Schmelzkäse, wenn es so was gibt“. Zum Dahin-Schmelzen ist dieser Sound in der Tat.

Die Musik von B-A-C-H: Das ist zeitgenössisch swingende Musik auf klassischer Grundlage der Bach´schen Kompositionen in meisterlicher individueller Ausprägung.

Das Publikum besteht auf weiteren Zugaben und will davon nicht abrücken. Leider sei eine Zugabe aus programmtechnischen Gründen nicht möglich. Jeder weiß es, aber trotzdem verlangen die Begeisterten nach Zugaben. So kann Dieter Ilg nur bedauernd auf nächste Konzerte und seine Tonträger verweisen. Diese Tonträger sind nur ein Trost, aber der ist zum Mit-nach-Hause-Nehmen, was viele auch tun.

P.S. Weitere Besprechungen der Titel sind in der Konzertkritik vom November 2017 im Berliner A-Trane zu finden.

Text: Cosmo Scharmer

Foto: Jacek Brun

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