JazzBaltica 2018 oder 13 Kurzgeschichten vom hohem Meer im Osten, dem Mare Balticum und seinem Jazz. So. 24.06.2018

Das coole Spanien liegt am Ostseestrand - Kind of Spain – Wolfgang Haffner

Wolfgang Haffner
Wolfgang Haffner, Foto: Jacek Brun

Nils Landgren stellt bewundernd dessen Grinsen heraus. Dies sei stets vorhanden und nicht wegzudenken. Dann bittet er den „großen Wolfgang Haffner“ auf die Bühne. Kind of Spain lautet das Projekt mit dem Wolfgang Haffner durch die Lande tourt. Sparsame Besetzung: Simon Oslender am Piano, Christopher Dell am Vibrafon und sein fränkischer Getreuer Christian Diener am Bass. Leider fehlen die - die CD stark prägenden - Stimmen von Gitarre und Trompete. Es soll auch ohne sie spanisch werden.

Das coole „Hippie“ ist ein dankbarer Auftakter. Ein einprägsamer, betont lässig Titel, der das Publikum sofort einnimmt. Nur nicht zu viel Emotion, denn schon im nächsten Set wühlt der Mann am Vibrafon die Gefühle auf. Hier hat sich nichts geändert, seit dem letzten Konzert im November: er ist nicht der tanzende (falsche Metapher) sondern der klöppelschlagende Derwisch, der alles mitreißt und in seinem akustischen Strudel verschlingt. Bei seinen aufwühlenden Schlägen bleibt der Drummer stoisch ruhig, trommelt seinen Beat und? Genau, er grinst und stellt dann seine Band vor. Stolz erwähnt er seinen neuen Pianisten Simon Oslender, der im Laufe des Konzertes mit bewegten perlenden Läufen seine musikalische Emotionalität gegen die Coolness des Sounds einsetzen kann.

„3 Notas…“ könnte zwar mit heißer Passion vorgetragen werden, aber die kühle Ausrichtung scheint besser zum Ostseestrand zu passen. Ebenso erklingen die weiteren Titel Paso Doble und Spain. So wird aus dem – in Anlehnung an das bahnbrechende Werk von Miles Davis Kind of Blue – Wolfgang Haffners Kind of Spain letztlich ein Cool of Spain. Das kommt Euch Spanisch vor? Ja, stimmt, aber ein tief runtergekühltes Espania, so wie die scharfe, aber kalte andalusische Gazpacho.

Natürlich können die Jungs auch ganz anders. Der bekannte Titel „7 Steps to Heaven“ rast so los, als wolle die Band ein paar Stufen überspringen. Mit unerbittlichem Drive nimmt das Thema Fahrt auf. Hier rattert ein nicht aufzuhaltender iberischer Night-Train durch die Landschaft. Die Lok an den Drums schuftet und schnaubt was das Zeug hält. Hier ist nix von cool. Gleich muss der Kessel dieser dampfgetrieben Schlagzeug-Maschine platzen. Die Kollegen fahren runter, retten Man und Maschine. Das Stück ist aus. Das Publikum ist baff.

Wolfgang Haffner
Wolfgang Haffner, Foto: Jacek Brun

Aber jetzt wieder etwas cooler? Gewiss. Wie wär´s mit dem Superklassiker (Jazz und Klassik) „Concerto de Aranjuez“? Bei den markanten Melodielinien wechseln sich Vibrafon und Piano stimmig ab. Dies ist kompakter Sound in einer Geschlossenheit, die einst das Modern Jazz Quartet vorlebte. Bass und Schlagzeug überlassen den Tasteninstrumenten die Bühne, bis der Kontrabass zur führenden Stimme wird. Im Spiel des Bassisten mutiert der Bass zu einer überdimensionalen Gitarre, die den spanischen Charakter des Stückes erhöht.

So auch in dem anderen spanischen Klassiker nach dem Volkslied Con el Vito, das John Coltrane unter dem Titel Olé der (Jazz)Welt schenkte und das nach wie vor als ein - so gut wie nicht zu übertreffendes - Meisterwerk gilt. In der Version von Wolfgang Haffner huldigen die Musiker jetzt der heißblütigen spanischen Seele. So klingt´s: Ein gerührtes Snare Drum gibt den Rhythmus vor, um sich dann mit voller Kraft und Leidenschaft immens zu steigern. Jetzt müssen alle mit und lassen ihre Version von „El Vito“ heute Nachmittag hier am Strand von Timmendorf zur überbordenden Fiesta ausufern. Standing Ovations sind der Lohn dieser Passion. Olé… que más.

Zum Ende darf es wieder beschaulicher zugehen. Der Nils (ja, der) hat seine rote Posaune zufällig dabei (so Wolfgang Haffner) und meint, dass auch schöne Balladen dem iberischen Geist nicht unhold sind. So ist es, ein lyrisch inspiriertes Solo erzählt Geschichten, sparsam und voll tiefer Stille. Folgerichtig lautet das Thema: „In a Silent Way“. Das baltische Meer liegt jetzt wieder an der Ostsee.

P.S. Weitere Titel sind in der Konzertkritik vom November 2017 im Berliner A-Trane und der CD-Besprechung zu finden.

Text: Cosmo Scharmer

Foto: Jacek Brun

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