JazzBaltica 2018 oder 13 Kurzgeschichten vom hohem Meer im Osten, dem Mare Balticum und seinem Jazz. Sa. 23.06.2018

Zwischen Cinema Paradiso und Dr. Schiwago - Lars Danielsson mit Orchester, feat. Paolo Fresu & Björn Bohlin

Lars Danielsson
Lars Danielsson, Foto: Jacek Brun

Die Streicher und Bläsern des Schleswig-Holstein Festival Orchestra (SHFO) bilden den Klangkörper, der für den gefälligen Hintergrund-Sound sorgt. Der gerade durchlaufende Rhythmus, ein verhaltenes Piano-Solo und die Streicher des SHFO erzeugen einen gefälligen Schönklang ohne Überraschungen oder Irritationen. Ja, „Filmmusik“, aber gut gemacht. Für die Kompositionen zeichnet Lars Danielsson verantwortlich.

In dieses Szenario bläst Paolo Fresu als Gasttrompeter seine zarten Soli, der Bass wird dezent gezupft oder gestrichen. Alle zusammen schaffen einen Sound, der sich klassischer Kammermusik annähert, um sich in gefälligen melodischen Weisen aufzulösen. Dieser Effekt wird durch den anderen Gastsolisten Björn Bohlin noch verstärkt. Sein English Horn wirkt wie eine überdimensionale tieflagige Oboe, was sie vom Klangcharakter nach auch ist.

Die Soli von Trompete und Oboe werden überwiegend als Duo mit dem zwar stets präsenten, aber eher zurückhaltenden Bass von Lars Danielsson dargeboten. In diese Klangräume fallen dann die Streicher oder das ganze SHFO-Orchester ein. Der klare, spirituell anmutende Klang der Oboe prägt stark diesen „nordisch“ tönenden Sound mit seiner Tendenz zur melancholischen Klangfärbung. Oder um ein weiteres Bild zu verwenden: Diese Musik erzeugt „grüne“ Klanglandschaften von großer Weite wie sie früher von der Band Oregon bevorzugt wurden. Ein weiterer Geist, der des lyrischen Trompeters Thomas Stanko aus Polen, weht ebenfalls über die baltische See und beseelt die Themen.

Björn Bohlin
Björn Bohlin, Foto: Jacek Brun

Auch wenn sich alle Musiker mitunter zum großorchestralen Klang aufschwingen, das Thema sich verdichtet und an Dramatik gewinnt, der Sound bleibt glatt und geschliffen. Es gibt kaum Ecken und Kanten oder gar etwas Unerwartetes, was Unerhörtes. So lassen sich Assoziationen an Cinema Paradiso und weitere Filmmusik nicht verdrängen. Aber diese Filme können und dürfen sich höchstpersönlich im Kopf eines jeden Individuums abspielen.

Aber halt, das ist noch was. Plötzlich erschallen schrille Jazzfetzen durch den Raum. Treibende Basslinien geben das Thema vor. Drums, Piano und Gitarre stoßen hinzu, die Jazz-Combo lässt bitten. Das Spiel des Pianos und besonders die Gitarren-Soli setzen den gegenteiligen Pool zum bisherigen glatten Sound, es wird kantiger, prägnanter, jazziger. Soll heißen, wir können auch anders. Jetzt machen alle mit und spielen einen packenden orchestralen Jazz, der zum emotionalen Höhepunkt des Konzertes wird. So erlebt dies auch das Publikum. Die Ansage geht unter im tosenden Lärm der Anwesenden.

Ende gut, alles gut? Fast. Wenn es nicht diese Zugabe gäbe. Zurück zum glattgestriegelten Sound, der durch die Vokalistin Cæcilie Norby wiederbelebt wird. Nach dem emotionalen Höhepunkt des vorigen Titels derart runterzufahren und Jazz mit delikater Nähe zu Schnulze anzubieten ist überflüssig und tangiert den guten Eindruck des vorletzten Titels.

Text: Cosmo Scharmer

Foto: Jacek Brun

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