JazzBaltica 2019

JazzBaltica 2019 - Der ungewöhnliche Sound von Mare Nostrum an der Baltischen See - 23.06.2019

Mare Nostrum
Mare Nostrum, Foto: Jacek Brun

Paolo Fresu – Trompete
Richard Galliano – Akkordeon
Jan Lundgren – Piano

Zwischen „la mer Méditerranée“ und der baltischen See liegt räumlich wie musikalisch das Mare Nostrum der Trios. Dort sind die drei Musiker zuhause, von dort stammen Themen wie Ideen. Anders gesagt: das Mare Nostrum befindet sich da, wo die drei Musiker sich gerade aufhalten, ihre Musik vorstellen. Heute „plätschern“ ihre musikalischen Wellen am Strand der Ostsee, wo JazzBaltica residiert.

Die Melodielinien des Auftakts kommen aus Piano und Akkordeon. Es ist nicht leicht auszumachen, welche Akzente und Splitter, von welchem Instrument stammen, so eng verwoben sind die Linien. Bei diesem ungewöhnlichen Sound, der auf Bass und Drums verzichtet, sprüht Paolo Fresu auf der Trompete seine solistischen Farbtupfer.

„Letter to my Mother“ wie auch das folgende Stück schmücken sich als Ballade. Das Piano legt vor, das Akkordeon zieht nach, beide lösen sich in der Themenführung akkurat ab, es folgt Schlag auf Schlag. Wer gibt den Ton an? Das Blasinstrument – hier das Flügelhorn – hat dabei den einfachsten Part. Es kann traurig-schöne wie schmachtende oder frohlockende Sequenzen über den kompakt gewebten Klangteppich legen. Mal mit dem Piano, mal mit dem Akkordeon trifft sich das Metall des Horns zu unisono gespielten Linien.

Mare Nostrum
Mare Nostrum, Foto: Jacek Brun

Eine Besonderheit im Sound des Trios liegt darin, dass Akkordeon wie Piano gleichzeitig rhythmische Akkorde und solistische Linien spielen können. Dies tun sie im permanenten Wechsel. Mal Melodie, mal begleitender Rhythmus, mal solistisches Improvisieren. So geht der Wettstreit zwischen den Tasteninstrumenten munter weiter - wer soll führen, wer begleitet? Lachender Dritter ist die Trompete, die mit ihren Soli und Melodien in die Lücken springt, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Lachender Dritter ist auch das Publikum.

„The Windmills of Your Mind“. Unter dem Titel „Unterm Säufermond“ machte Udo Lindenberg das Stück hierzulande bekannt. Bei Mare Nostrum wird daraus eine schräge Ballade mit schaurig schöner Akzentuierung. Fast gruselig!

Auch wenn die Intonation von Balladen überwiegt, so gibt es darüber hinaus viele Klangbilder, die dem Akkordeons geschuldet sind. Denn der Klangcharakter dieses Instrumentes prägt entscheidend. Ob eine spielende Begleitung mit rhythmischen Akkorden erforderlich ist oder ob es gilt, sich solistisch über Melodien und Harmonie auszutoben, das klanggewaltige Schifferklavier versteht es, sich Raum und Gehör zu verschaffen.

Da müssen sich die anderen richtig anstrengen, um mitzuhalten. Und wenn solch ein alleskönnender Virtuose wie Richard Galliano das Instrument bedient, so gibt es keine Chance der Klanggewalt des Akkordeons zu entkommen. Für die Soli der Trompete ist diese Situation geradezu ideal. Die beiden Tasteninstrumente spielen rhythmisch sowie harmonisch die Themen so kompakt, dass jede Solostimme eine solche Steilvorlage gnadenlos und erfolgreich nutzen muss. Und genau das tut Paolo Fresu mit Trompete und Flügelhorn.

Paolo Fresu
Paolo Fresu, Foto: Jacek Brun
Richard Galliano
Richard Galliano, Foto: Jacek Brun

Eine Einschränkung ist erwähnenswert. Der Hörer sollte mehr als eine gewisse Vorliebe - neudeutsch Affinität - für das Akkordeon, dieses ach so französische Instrument mitbringen. Anderenfalls wäre es schwierig, an der Musik Gefallen zu finden. Neben den jazzigen Motiven und Phrasierungen sind auch einige Anteile in der Musik auszumachen, die sich aus der französischen Tradition von Musette und Chanson über die Spielweise des Akkordeons in den Jazz schummeln.

Der Sound klingt für klassische Jazzohren relativ fremd, da nicht nur das Akkordeon fett dominiert, sondern Jazzfreund und -freundin überdies auf den gewohnten Bass und das geliebte Schlagzeug verzichten müssen. Beide Instrumente galten in der Jazzmusik lange als unverzichtbar. Auch wenn heute alle möglichen und unmöglichen Instrumentierungen angeboten werden, wenn Bass und Drums fehlen, sind musikalische Einschränkungen nicht ganz zu vermeiden.

Auf der Bühne wetteifern die Tasteninstrumente darum, das Fehlen der Rhythmusgruppe zu kompensieren. Das tun sie auch hervorragend im letzten Stück, akzentuiert, stakkatohaft. Aber auch exzellente Musiker wie Jan Lundgren am Piano und Richard Galliano können nicht vollkommen an die rhythmische Präsenz von Bass und Drums herankommen. Aber fast! Der Rausschmeißer-Titel ist rhythmisch fetzig; leicht beschwingt geht das Thema ab. Dabei klingt es - wegen oder trotz der rhythmischen Struktur des Titels - warm und balladesk. Das ist der ungewöhnliche, wohl einzigartige Sound von Mare Nostrum, hier an unserem Meer, der Baltischen See.

Mare Nostrum
Mare Nostrum, Foto: Jacek Brun

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Jacek Brun

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage
JazzBaltica 2019

19.000 Besucher feierten vom 20. bis zum 23. Juni die 29. Ausgabe von JazzBaltica in Timmendorfer Strand. Sämtliche Konzerte auf der MainStage im Festsaal des Maritim  Seehotel Timmendorfer Strand waren ausverkauft. Hier waren unter anderem Mathias Eick, Nils Wülker, Jakob Bro und Palle Mikkelborg, Katja Riemann, Marilyn Mazur, Bugge Wesseltoft, Dan Berglund und Magnus Öström sowie das senegalesische Orchestra Baobab zu erleben.
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