JazzBaltica 2019

JazzBaltica All Star Band 2019 oder das Venus Orchestra der Julia Hülsmann – 21.06.2019

JazzBaltica All Star Band 2019
JazzBaltica All Star Band 2019, Foto: R. Kissling

Julia Hülsmann - p, comp, cond, arr
Elin Larsson - sax
Malin Wättring - sax
Nicole Johänntgen - sax
Fabia Mantwill - sax
Tini Thomsen - bars
Birgit Kjuus - tp
Elin Andersson - tp
Hildegunn Øiseth - tp
Ann-Sofi Söderqvist - tp
Karin Hammar - tb
Lisa Stick - tb
Mimmi Hammar - tb
Bodil Hallgren - tb
Antje Rößeler - p
Sandra Hempel - g
Eva Kruse - b
Eva Klesse - dr
Lisbeth Diers - perc
Lena Swanberg - voc

Methodische Vorbemerkung
Sich mit dem Programm eines Festivals zu beschäftigen hat den Vorteil, dass die auftretenden Aktivisten gut bekannt sind. Dadurch gibt es eine gewisse – dank guter Programminformationen – Ahnung, wie das Konzert verlaufen könnte. Der Nachteil liegt darin, dass mit diesen Vorab-Informationen eine bestimmte Erwartung geweckt wird, die bestätigt oder enttäuscht werden kann. Für den Autor liegt ein Vorteil in einer nur recht groben Beschäftigung mit den Programm-Infos darin, dass sein Urteilsvermögen nicht oder nur wenig vorgebildet wird. Klar, es war dem Autor bekannt, dass die Berliner Pianistin Julia Hülsmann die Leitung dieses Orchesters innehat und demzufolge Komposition und Arrangements zu verantworten hat. Das war Empfehlung genug, das Konzert zu besuchen.

So war es eine tolle Überraschung, dass die JazzBaltica All Star Band sich nur aus weiblichen Mitgliedern formierte. Das war unübersehbar. Kein Outfit von lässig bis nachlässig gekleideten männlichen Jazzern füllte die Bühne, sondern die Ladies zeigten zu etwa ¾ ein ansprechendes Outfit, das die Bühne schillernd bunt machte. Anders gesagt: als Töchter der Venus zeigten die Damen ihre ästhetische Anmut. Sie werden – wie der Leser erfahren wird - auch ihre hohe professionelle Musikalität zeigen. Der offizielle Titel der Band lautet: JazzBaltica All Star Band 2019. Den Titel „Venus Orchestra“ hat sich der Autor ersponnen. So bunt wie die Kleidung der Ladies sind auch die Klangfarben ihrer Instrumente. Das Venus Orchestra unter der Leitung von Julia Hülsmann wird alle Musikerinnen als Solistinnen in ihrer Individualität herausstellen.

Die Jazzerinnen kommen sofort zur Sache und das ist aktueller Big Band Jazz auf höchstem Niveau. Das zwielichtige „Twilight“ macht den Auftakt mit Gesang. Dieses Stück ist die Vertonung von James Joice´ „Aphesis“. Neben der solistischen Stimme sind Soli von Trompete und Sopran-Sax zu hören. Die gesangliche Darbietung von Lena Swanberg wird verstärkt vom Piano und partiell von der ganzen Big Band unterstützt. Twilight ist eine ruhige, in sich geschlossene Ballade voller Balance zwischen den musikalischen Elementen. Eine musikalische Leichtigkeit kämpft mit den Mitteln der Musik gegen die dunklen Farbtupfer von Schwere.

„Rot“ kommt als lockende Signalfarbe daher. Rhythmisch stärker betont als der Auftaktsong verschafft sich ein knackiges Power Play unüberhörbar Luft. Gut arrangierte wie verschachtelte Bläsersätze tun ihr Übriges. So weht ein dichtgewebter Big Band Sound durch die Halle des Maritims, der im Mittelteil ruhiger wird, um den Boden für die Soli von Posaune (Karin Hammar?) und Tenor-Sax gut aufzubereiten. Dann fallen die Bläser mit den verschachtelten Sätzen wieder den Solistinnen in die Arme und beenden so Soli und Thema.

Es wird „Dunkel“. Perkussiv tastet sich das Thema vor. Die schallenden Becken von Drums und Perkussion sowie vereinzelte Akkorde des Pianos lassen den Titel einfach erscheinen. Aber es scheint nur so. Die Bläser sowie die gesamte Band erspielen nach und nach ein dramatisch strukturiertes Thema. Die Stimme wird zur Voice, die keine Wörter sondern nur Lautmalereien hervorbringt. Der Titel gleitet ins Mystische. Diese Wirkung verdankt er der archaisch anmutenden Musik der raunenden „Flötentöne“ von Hildegunn (ja, die mit der Trompete beim Karin Hammar-Konzert). Zusammen mit dem Kontrabass von Eva Kruse, die den Bass in tiefen Lagen streicht, entsteht eine magische Welt der Klänge. Ein Piano-Solo beendet dieses Schwelgen im dunklen Zauberwald, die Big Band legt zu, der Sound verdichtet sich und das ganze Thema endet voller (weiblicher?) Energie. So tönt und betört das Venus Orchestra von Julia Hülsmann. Die Frage ob es eine spezifisch weibliche Energie gibt, lassen wir unbeantwortet. Falls ja, so ist sie hier zu hören und zu spüren.

 

Julia Hülsmann, Foto: Joachym Ettel
Julia Hülsmann, Foto: Joachym Ettel

Ein bewegtes Piano-Bass-Duo leitet den nächsten Titel ein. Das klingt ein wenig nach expressiven „Free Swing“. Dann ist die gesamte Big Band mit von der Partie und ein tieflagiger Sound rundet nach unten ab. Dies wird durch ein Solo des Bariton-Saxofons noch verstärkt. Das nun folgende Solo der Pianistin hat eher den Charakter eines Solos innerhalb eines klassischen Piano-Trios. Das Thema mutiert rhythmisch in Richtung Funky-Beat. Julia Hülsmann lässt es sich nicht nehmen, mit einem kurzen Solo auf dem E-Piano ihren solistischen Beitrag zu leisten. Warum dies auf dem E-Piano mit seinem künstlichen Klangcharakter erfolgt, entzieht sich der musikalischen Logik. Ähnlich erschallt ein Gitarren-Solo, das wie ein schrilles E-Piano mit seinem nervigen Sound angibt. Nun, der Titel lautet „Gelb“ und genau so klingt es auch. Nicht wie das Gelb des Sonnenscheins, sondern wie das Gelb der quälenden Eifersucht. So What.

Das Genre „Vertonte Lyrik“ fordert seinen Tribut, der da „Good Morning Midnight“ heißt. Dieser Titel handelt von Schlafproblemen und den Versuchen, ihnen kreativ zu begegnen, erläutert Julia Hülsmann und verweist auf Roger Cicero, der diesen Titel schon früh besungen hat. Auf so präzise wie lässig swingenden Basslinien von Eva Kruse erhebt sich ein agiles Alt-Sax-Solo (Nicole Johänntgen?). Titel und Musik erweisen sich als unruhig und sprunghaft, aber mit viel Power und Ausdruck: Schreie in der schlaflosen Nacht, den Morgen herbei sehnend. Diese Verzweiflung verkörpert der Sound der Big Band in grandioser Weise. Der Hörer sehnt sich ebenso nach dem Morgen oder aber nach den erlösenden Schlaf: Good Morning Midnight oder besser - nach erquickendem Schlaf - Good Morning Sunshine!

„Die Spinne“ gehört zum gleichen Genre von Lyrik mit Jazz. Der Original-Titel „A Lonely Patient Spider“ handelt von der Geduld samt den Versuchen der Spinne (des Menschen) ihre Einsamkeit zu überwinden, indem sie (soziale) Netze spinnt. Das Venus-Orchestra macht dies hörbar. Ein Solo der Posaune stimmt ein, die menschliche Stimme führt fort, die gesamte Big Band spinnt den musikalischen Faden weiter. Gefällige Bläser-Sätze der Saxofone und ein beschwörend schönes Trompetensolo in hohen Lagen bauen die Netze weiter aus. Der Bass von Eva Kruse hält nicht die „Stange“, sondern sie webt entscheidend das rhythmische Netz mit souveräner Präzision. Die vielen farbigen Stimmen der Instrumente sind die musikalischen Fäden, die den Klang des Korpus verdichten. So verhält es sich bis zum finalen Höhepunkt, an dem diese Fäden dramatisch gesteigert akkumulieren: Dramatissimo! Dies alles und mehr ist das Venus Orchestra von Julia Hülsmann. Ein, wenn nicht der Höhepunkt des JazzBaltica-Festivals!

Text: Cosmo Scharmer
Foto: R. Kissling, Joachym Ettel

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage

JazzBaltica 2019 - Fotoreportage
JazzBaltica 2019

19.000 Besucher feierten vom 20. bis zum 23. Juni die 29. Ausgabe von JazzBaltica in Timmendorfer Strand. Sämtliche Konzerte auf der MainStage im Festsaal des Maritim  Seehotel Timmendorfer Strand waren ausverkauft. Hier waren unter anderem Mathias Eick, Nils Wülker, Jakob Bro und Palle Mikkelborg, Katja Riemann, Marilyn Mazur, Bugge Wesseltoft, Dan Berglund und Magnus Öström sowie das senegalesische Orchestra Baobab zu erleben.
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