Porträt des Künstlers als junger Mann: Moritz Stahl im Studiokonzert mit Sun Mi Hong, Etienne Renard und Marie Krüttli

Moritz Stahl
Moritz Stahl, Foto: Robert Fischer

Von Robert Fischer

München, 17. Februar 2026, ein kalter Dienstagabend im Münchner Stadtviertel Haidhausen. Von Fasching keine Spur. Dafür hat Manfred Mildenberger hier sein Studio, der selbst Schlagzeuger, Produzent und Arrangeur ist. Zudem ist er, das wird sich gleich zeigen, ein freundlicher Gastgeber für ein kleines Grüppchen von vielleicht 20 Zuschauern, darunter viele Musikerkollegen, die sich bei ihm im Parterre versammelt haben, um das Studiokonzert zu erleben, zu dem Moritz Stahl via Social-Media-Kontakt geladen hat. Als das Ganze nach einem langen, mit ausgedehnten Balladen erfüllten Set und einer Zugabe vorbei ist, spricht den komponierenden Tenor- und Sopransaxofonisten beim Hinausgehen aus dem Studioraum der Schlagzeuger Bastian Jütte an, der das eben Gehörte in die Frage kleidet, um welche krummen Taktarten es sich denn da gerade gehandelt habe, Siebenundzwanzigsechzehntel oder was auch immer? „Mindestens“, erwidert Moritz Stahl verschmitzt: „Aber unabsichtlich.“

Ob das neue Album mit dem jetzt aufgezeichneten Studiokonzert denn schon im Kasten sei, will Jütte noch wissen, doch Moritz Stahl winkt ab. Er habe es einfach für eine gute Idee gehalten, die Probephase mit seinem neuen, international besetzten Quartett um die südkoreanische Schlagzeugerin Sun-Mi Hong, den französischen Kontrabassisten Étienne Renard und die Schweizer Pianistin Marie Krüttli mit einem Studiokonzert vorerst zu beenden.

Eine gute Idee war das in jedem Fall auch für das Publikum, das in dem intimen Studiosetting quasi hautnah erleben konnte, wie etwas Neues entsteht.

Wobei es sich genaugenommen um eine Fortschreibung des Neuen handelt, das Moritz Stahl 2024 mit dem ersten Album unter seinem eigenen Namen begonnen hat. Das (Doppel-)Album heißt „Traumsequenz“ – nicht „Traumsequenzen“, darauf legt sein Schöpfer wert. Für den Autor dieser Zeilen ist das auch in der Fachpresse sehr gut besprochene Album, das Moritz Stahl mit Leif Berger am Schlagzeug, Philipp Schiepek an der Gitarre, Lorenz Heigenhuber am Kontrabass und Julius Windisch am Klavier eingespielt hat, nicht nur im nationalen Vergleich eines der schönsten, das in diesem Jahr erschienen ist.

Im Jahr danach hat Stahl mit dem Trio „Endern“ um Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug und Sebastian Pfeifer an Klavier und Electronics ein weiteres, noch ein bisschen freier und experimenteller angelegtes Album eingespielt, „Free/Transcripts“, als wäre er nicht schon mit der Fusion-Formation Ark Noir, als Stammspieler der Jazzrausch Bigband, als Mitbegründer des Niq Kollektivs und an der Seite des Pianisten Luca Zambito wie der Sängerin Fiona Grond beschäftigt genug.

Seine neue Formation, die sich im Januar dieses Jahres auch auf einer von Bayreuth über Hamburg, Köln, Berlin, Ingolstadt, München, Regensburg, Reut, Villingen und Seefeld führenden Tour „erprobt“ hat, nennt der gebürtige Augsburger, der bereits mit dem Kurt Maas Jazz Award, dem BMW Welt Young Artist Jazz Award und einem Musik-Stipendium der Stadt München ausgezeichnet wurde, „Transient Bodies“, vergängliche Körper. Für einen Mittdreißiger – er selbst, Étienne Renard und Marie Krüttli sind Jahrgang 1991, Sun-Mi Hong ist Jahrgang 1990 – mag das nicht der erste Bandname sein, der einem in den Sinn kommt. Diese Wahl spricht aber auch für eine gewisse Ernsthaftigkeit seines Tuns: Moritz Stahl wirkt im persönlichen Auftreten freundlich-bescheiden, er weiß aber auch sehr genau, was er will – und was nicht. Wobei er das höchste Ziel, das man als beharrlich seinen Weg gehender Musiker erreichen kann, vielleicht schon erreicht hat: eine eigene künstlerische Handschrift oder Sprache zu entwickeln. – Jedenfalls war das der Eindruck, der sich bei diesem Studiokonzert am nachhaltigsten einprägte.

Danach spazierte man hinaus in die winterliche Nacht, sah hinauf zum Himmel, der gerade seine Schleusen öffnete und heftige, von Windböen gebeutelte Graupelschauer niedergehen ließ. Im Licht der Straßenlaternen sah das so aus, als führe der Graupel einen seltsam schimmernden Tanz auf, und man hätte nur zu gerne gewusst, welche Musik Moritz Stahl bei dieser nächtlichen Stimmung wohl im Kopf haben könnte.

Krüttli, Stahl, Renard
Krüttli, Stahl, Renard, Foto: Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

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