From Pencil to Pulse - Drawing Outside the Lines und Jazzanova im New Morning

From Pencil to Pulse
From Pencil to Pulse, Grafik: Julie Lobo, Collage: Izabela Olejniczak

Grand Palais und die Kunst der Zeichnung

Über das Grand Palais habe ich bereits einmal gesprochen – und ich kann versichern, dass dieser Ort noch oft zu uns zurückkehren wird. Es geht nicht nur um die Ausstellungen, sondern auch um den Raum selbst. Man kann dorthin gehen, ohne einen Plan zu haben – einfach sitzen, lesen oder den Menschen beim Vorbeigehen zusehen.

Der Winter endete mit einer Kunstaus stellung, die ganz den Meistern der Zeichnung gewidmet war. Drawing Outside the Lines ist eine beeindruckende Auswahl aus der Sammlung des Centre Pompidou, das derzeit für mehrere Jahre wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Tatsächlich ist diese Sammlung überwältigend: So viele Künstler werden erwähnt, dass es unmöglich ist, sich alle Namen zu merken. Doch entscheidend ist letztlich nicht die Liste der Namen, sondern das Gefühl – die Emotionen, die jedes einzelne Werk in uns auslöst.

Eine große Retrospektive: von Renaissance-Zeichnungen, die Figuren und Details studieren, bis hin zu experimentellen Kompositionen unseres Jahrhunderts. 300 Werke von 120 Künstlern – bekannte Namen wie Picasso, Kandinsky oder Matisse – machen deutlich, dass Zeichnung eine der ersten künstlerischen Formen visueller Kommunikation ist. Alles begann mit dieser einfachen Art zu lernen, wie man sich ausdrückt.

Ich blieb etwas länger vor Picassos „Femme à la tasse rouge“ stehen, da die Zeichnung aus derselben Zeit (1906–1907) stammt wie sein berühmtes Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“. Eine völlig andere Haltung, ausgeführt in Tusche und roter Gouache. Aus derselben Epoche zeigt Georges Rouault eine Welt von Randfiguren: Cabarets, Zirkus – obwohl er selbst nie wirklich Teil dieser Kreise war. Seine Figuren wirken wie Puppen, fast wie Masken.

In dieser Zeit war Montmartre Teil einer neuen Künstlergeneration – darunter André Derain, der eine neue Ausdrucksform entwickelte: eine Kombination aus Schraffuren, flächigen Farbaufträgen und der Intensität farbiger Linien, die Rhythmus erzeugen.

Über jedes einzelne Werk könnte man stundenlang schreiben – und noch länger darüber diskutieren, etwa über Untitled (1980) von Raymond Pettibon, mit seinem Zusammenspiel von Text und Grafik. Populärkultur – Politiker, Fernsehfiguren, bekannte Gesichter – wird hier zu einer Kritik an einer bröckelnden amerikanischen Gesellschaft. Ich bin gespannt, wie seine neue Interpretation unserer aktuellen Zeit aussehen wird.

Zeichnung kann Gesten festhalten, sie kann Fakten ausdrücken. Linien aus dem Bleistift sind zeitlos – sie springen zwischen Stimmungen und Emotionen.

Jazzanova im New Morning – Linien der Musik

Ist es mit der Musik nicht ähnlich?

Das Berliner Kollektiv Jazzanova, das kürzlich im New Morning auftrat, vermittelte genau dieses Gefühl. Die Gruppe bewegt sich zwischen klassischem und zeitgenössischem Sound. Traditionelle Klänge werden mit einem frischen Zugang neu interpretiert, Grenzen werden aufgebrochen und Jazz mit elektronischer Musik und Soul verbunden.

Und als Wayne Snow hinzukam, veränderte sich die Struktur des gesamten Konzerts noch einmal deutlich. Seine Präsenz führte die Gruppe in eine etwas andere Richtung, brach erneut Grenzen auf und hinterließ beim Publikum eine neue klangliche Erfahrung.

Jazzanova hinterlässt – ähnlich wie die Ausstellung über Zeichnung – einen endlosen kreativen Dialog. Musik und Kunst sind wie Metaphern: Sie schenken diesen besonderen „bump on the head“-Moment (eine Formulierung, die ich in der Ausstellung entdeckt habe, entlehnt von Donald Davidson) – einen Augenblick, in dem man plötzlich versteht … jenseits von Worten.

Text und Fotos: Jazzabela (Izabela Olejniczak)

Hier finden Sie frühere Episoden von „Lost in Paris with Jazzabela”

Lost in Paris with Jazzabela

Geschichten, die den Jazz lebendig machen

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