Welche Farbe hat Jazz?
Von Izabela Olejniczak
Ich dachte, ich kenne die Antwort – bis ich die Ausstellung „Matisse 1941–1954“ im Grand Palais besuchte.
Ich erwartete, einem der bedeutendsten Künstler Frankreichs zu begegnen. Stattdessen entdeckte ich Jazz – durch Farbe.
Die Ausstellung widmet sich den letzten Lebensjahren von Henri Matisse – einer Zeit, in der viele Künstler wohl auf ihre größten Erfolge zurückgeblickt hätten. Er jedoch entschied sich für einen anderen Weg.
Nach einer schweren Krankheit und einer lebensverändernden Operation im Jahr 1941 wurde das Malen in der gewohnten Weise für ihn zunehmend schwieriger. Anstatt seine körperlichen Einschränkungen hinzunehmen, verwandelte er sie in eine Chance, sich künstlerisch neu zu erfinden. Bewaffnet mit kaum mehr als farbig bemalten Papierbögen und einer Schere schuf er eine vollkommen neue Bildsprache.
Eine Sprache aus Farbe, Bewegung und Rhythmus.
Seine berühmten Scherenschnitte unterschieden sich grundlegend von allem, was er zuvor geschaffen hatte. Zunächst bemalte Matisse Papierbögen mit leuchtenden Gouachefarben, bevor er sie mit der Schere in organische Formen schnitt. Er selbst bezeichnete diesen Prozess als „Zeichnen mit der Schere“. Seine Assistentinnen und Assistenten befestigten die Formen an der Wand, wo er sie immer wieder neu arrangierte, bis jede Komposition ihre perfekte Balance gefunden hatte. Das Ergebnis wirkte beinahe improvisiert – doch hinter jedem einzelnen Schnitt standen Jahrzehnte künstlerischer Erfahrung.
Einem seiner berühmtesten Mappenwerke gab er einen ebenso schlichten wie programmatischen Titel: Jazz.
Es illustriert keine Musik. Es gibt keine Musiker. Keine Trompete. Kein Klavier. Und doch scheint Matisse mit jedem Schnitt zu improvisieren wie ein Jazzmusiker. Seine Schere wird zu seinem Instrument. Statt mit Noten komponiert er mit Formen. Er macht den Geist des Jazz sichtbar. Er fängt seine Freiheit und seine Spontaneität ein. Wie in einer großen Improvisation halten sich Instinkt und Präzision, Struktur und Überraschung in jeder einzelnen Komposition die Waage.
Während ich durch die Ausstellung ging, wurde mir plötzlich klar, dass ich nicht Bilder betrachtete, die vom Jazz inspiriert waren. Ich betrachtete Jazz selbst – nicht als Klang, sondern als Farbe.
Vielleicht ist genau das, was Matisse so tief verstanden hat: Jazz ist nicht nur etwas, das wir hören. Jazz ist etwas, das wir sehen, fühlen und uns vorstellen.
Wenn Jazz eine Farbe werden könnte … welche würdest Du wählen?
-
Matisse 1941–1954, Foto: Izabela Olejniczak -
The Sword-Swallowe H.Matisse, Foto: Izabela Olejniczak -
Toboggan H.Matisse, Foto: Izabela Olejniczak
Hier finden Sie frühere Episoden von „Lost in Paris with Jazzabela”
Lost in Paris with Jazzabela (Kopie)
Tony Momrelle: Das Beste kommt erst noch
Lost in Paris with Jazzabela – Francesca Tandoi: Die Pianistin ihrer eigenen Stimme
Lost in Paris with Jazzabela – Isaiah Collier: Trust What's Inside
Lost in Paris with Jazzabela – Dana Masters über die Schönheit des Lebens im Moment
Lost in Paris with Jazzabela – Brian Jackson - Music, Memories & Love
Lost in Paris with Jazzabela – Walter Smith III über Schreiben ohne Grenzen und kreative Freiheit
Nduduzo Makhathini erinnert uns daran, wozu Musik da ist
Emma Smith berührt die Herzen der Menschen wie niemand sonst
Geschichten, die den Jazz lebendig machen
Welche Farbe hat Jazz? Ein Besuch bei Matisse im Grand Palais
When Roland-Garros Starts to Sound Like Jazz
From Pencil to Pulse
Between Walls And Sound
THE FREEDOM TO DREAM
THE ART OF PRECISION
Orange – eine neue Farbe der Saison
LOVE IN CIRCULATION
Über die Autorin
Izabela Olejniczak arbeitet mit internationalen Jazzagenturen zusammen und ist Host des Projekts „Lost in Paris with Jazzabela“. Für jazz-fun.de schreibt sie über die Pariser Jazzszene sowie über Kunst und Kultur.
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
Einen Kommentar schreiben