Jazz-Fun.de im Gespräch mit Susan & Martin Weinert

Susan & Martin Weinert
Susan & Martin Weinert & Cosmo Scharmer, Foto: Jacek Brun

Jazz-Fun.de:
Ist es für Jazz-Musikerinnen noch schwieriger als für Frauen, die in normalen Berufen arbeiten, Partner, Familie und Beruf in Einklang zu bringen?

Susan Weinert:
Bei mir ist das eine ganz spezielle Situation. Erstens: Die Familie habe ich immer dabei, denn mein Mann Martin ist der Kontrabassist in meinen Gruppen. Das ist sehr praktisch. Und zweitens: Wir haben uns entschieden, keine Kinder zu haben. Das war die Voraussetzung für ein professionelles Musikmachen. Wir haben uns gesagt: Wir sind beide auf Tour, dies ist nicht mit Kindern in Einklang zu bringen. Als Musiker sind immer beide Elternteile unterwegs. Und Kinder gehören zu den Eltern, nicht zu den Großeltern!

Jazz-Fun.de:
Das wäre dann der Preis für die Passion, Jazzmusik zu machen.

Susan Weinert:
Ja, die Passion besteht darin, dass unsere Musik eben die Kinder sind.

Jazz-Fun.de:
Das ist sehr praktisch, den musikmachenden Ehemann bei den Tourneen zur Hand zu haben. Gratuliere! Kommen wir zur Musik des Rainbow-Trios.
Warum fehlt in diesem Trio das Schlagzeug?

Susan Weinert:
Früher habe ich im Trio oft mit einem Schlagzeuger gespielt. Das war ein stark elektrisch geprägter Sound. Ich spielte elektrische Gitarre, Martin den E-Bass. Das war eine andere Zeit. Ich war jung und wild, wollte Bäume herausreißen, die Power musste einfach raus. Und die Musik, die ich damals hörte und spielte, das war eben Jazzrock oder Fusion.
Man wird älter und erfahrener, man kommt mehr vom Äußeren ins Innere, man hört auf seine innere Stimme. Das ist der Grund, warum ich jetzt akustische Musik mache. Das heißt nicht, dass ich nie wieder zur elektrischen Gitarre greifen werde, aber momentan ist es nicht an der Zeit.
Ich liebe es, akustische Musik zu spielen. Es bewegt mein Herz, meine Gefühle; ich kann mich besser ausdrücken. Das Jahr 2000 war wichtig für mich. Da spielte ich zum ersten Mal klassische Gitarre, verliebte mich total in den Sound des Instruments. Ich sagte damals meinem elektrischen Gitarrenbauer, das Griffbrett der akustischen Gitarre sei zu breit, dass sei nicht mein Ding. Dieser sagte dann: Geh mal zu Antonius Müller. Der ist Gitarrenbauer und macht das genauso, wie du das haben willst. Und so ist es dann passiert. Ich habe jetzt 2 Gitarren von ihm, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Die eine heißt Johanna – die werde ich heute spielen - und die andere ist das Klärchen.

Martin Weinert:
Die dynamischen Möglichkeiten unseres Trios sind auch höher. Mit dem Schlagzeug fängt die Musik eigentlich immer im ersten Stock an. Mit unserer Besetzung ohne Schlagzeug können wir auch in den Keller gehen und mit ganz zarter Musik anfangen. Und wir können auch laut werden, wenn es sinnvoll ist. Dagegen übertönt das Schlagzeug mit dem Schallen der Becken, mit dem Klatschen der Bass Drum, mit seinen Frequenzen gern die anderen Instrumente. Wir bevorzugen stattdessen einen klaren Sound, der auch ohne Drums kompakt und homogen klingt. Ich glaube, das haben wir ganz gut geschafft.

Susan Weinert Rainbow Trio
Susan Weinert Rainbow Trio, Foto: Jacek Brun

Susan Weinert:
Es ist unheimlich leicht, mit einem Schlagzeuger zu spielen, andererseits aber unheimlich herausfordernd, im Trio ohne Schlagzeuger zu spielen. Du brauchst dazu Musiker, die wirklich auf einer gemeinsamen Linie sind, das gleiche Verständnis für Groove haben wie du selbst.

Jazz-Fun.de:
Es gibt keine „männlichen“ oder „weiblichen“ Instrumente, aber ist die Gitarre eher weiblich als die Posaune oder das Schlagzeug?

Susan Weinert:
Ha, ha… gute Frage. Für mich hat die Gitarre schon was Weibliches.

Jazz-Fun.de:
Inwiefern?

Susan Weinert:
Schon mal von den Rundungen her. Sie ist weich, kann auch manchmal meckern… „Lachen der Anwesenden“. Ich denke, man hat viele Ausdrucksweisen. Eine Posaune finde ich nicht unbedingt weiblich.

Susan Weinert
Susan Weinert, Foto Jacek Brun

Jazz-Fun.de:
Dies würde für den Kontrabass ja auch zutreffen. Diese Rundungen, der weiche, warme Ton. Insofern wäre der Kontrabass - die Bassgeige - auch weiblich.

Susan Weinert & Martin Weinert:
Ja, ja!

Jazz-Fun.de:
Die großen Jazz-Klassiker beeinflussen Hörer wie Musiker. Gibt es Jazzer und Jazzerinnen, die sie besonders fasziniert haben? Sind Gitarristen dabei?

Susan Weinert:
Ja, es gibt einige. Da sind Gitarristen dabei, aber es gibt auch viele andere Musiker, die mich beeinflusst haben. Am Anfang war dies Jim Hall, Wes Montgomery, alles Urgesteine diese Klassiker. Von denen komme ich her. Natürlich auch Pat Metheny, Allan Holdsworth und Scott Henderson, die ich sehr liebe. Ich hatte Unterricht bei Mike Stern, bei John Abercrombie. Die haben mich geprägt.

Jazz-Fun.de:
Das sind große Namen. Stilistisch könnten die Hörer den Stil des Rainbow Trios als ausgewogene Musik mit Stille und bewegenden Balladen wahrnehmen. Wie siehst du, wie seht Ihr, Euren Stil?

Susan Weinert:
Stilistisch möchte ich das gar nicht festzurren. Ich sage ganz einfach: Das ist improvisierte Musik meines Trios; es ist die Musik von Susan Weinert und ihrem Rainbow Trio.

Jazz-Fun.de:
Das ist ja die Aufgabe der Kritik oder der Berichterstattung, die Musik für Leser und Hörer verständlich zu machen, ihnen Worte und Begriffe zu geben.

Susan Weinert:
Für mich ist dies impressionistische Musik, Bilder kommen hoch, emotionale Dinge werden bei den Leuten ausgelöst. Viele kommen nach den Konzerten zu uns und sagen: das hat mich so berührt, das hat mich mit auf den Weg genommen, mich irgendwo hingebracht. Was für ein Erlebnis war das für mich. Und das ist - denke ich - das Wichtigste überhaupt, beim Zuhörer Emotionen zu wecken.

Martin Weinert:
Ich glaube, bei vielen Menschen ist die Wahrnehmung so angelegt, dass Musik, in der kein Schlagzeug dabei ist, generell als ruhig empfunden wird. Das leuchtet ein, denn die vielen kleinen Noten - sag ich mal – die den Raum auffüllen, sind ja nicht da. Durch die Abwesenheit der Drums entsteht auch mal ein tiefer Raum der Stille. Wir sind sehr große Fans von Manfred Eichner und seinem ECM-Label, der sich schon ganz früh getraut hat, diese Stille hörbar zu machen und so eine eigene Ästhetik zu definieren.

Martin Weinert
Martin Weinert, Foto: Jacek Brun

Susan Weinert:
Je älter ich werde, desto mehr komme ich von der Einstellung weg, zeigen zu wollen, was ich kann. Es geht mir darum, dieses kleine Pflänzchen Musik wachsen zu lassen und einfach zu gucken, wie sich das entwickelt. Das ist die Essenz von Musikmachen.

Jazz-Fun.de:
Welche Projekte habt ihr noch vor? Gestern Abend hat Julia Hülsmann mit der Allstar Band – wir haben das Projekt Venus Orchestra getauft – was Spezielles gemacht. Wäre so etwas auch für Euch interessant? Eine Musik mit so vielen Farben, mit so vielen Stimmen zu machen?

Susan Weinert:
Natürlich, so etwas ist interessant. Als Musiker hast du immer viel im Kopf. Ich lass das auf mich zukommen. Ich weiß, dass ich in diesem Jahr noch mal eine CD aufnehmen werde, aber ich weiß nicht, was ich in einem Jahr mache; ich lass die Dinge immer offen.

Jazz-Fun.de:
Ja, so ist die (Jazz-)Musik, das ist das Faszinierende daran, dieses Wagnis. Jedes Jazz-Konzert ist ein Wagnis.

Martin Weinert:
Wir genießen gerade sehr die Arbeit mit unserem Rainbow Trio. Da wir regional ziemlich eng beieinander wohnen, nutzen wir jede Gelegenheit, um oft zusammen zu arbeiten. Pianist Sebastian Voltz ist ein offener Mensch, dessen Wurzeln eigentlich in der klassischen Musik liegen. Er ist studierter Konzertpianist und bewegte sich anfangs sehr intensiv in diesem Genre, auch in Ensembles der Neuen und zeitgenössischen Musik.

Gleichzeitig interessierte er sich schon frühzeitig für die improvisierte Musik, empfand den engen Rahmen der Klassik als behindernd. Für elektronische Klangerzeugungen hat er ebenfalls ein Faible und geht sehr geschickt damit um. Er hat sich kürzlich ein interessantes Keyboard geholt, das sich Seaboard nennt. Das hat eine Tastatur mit der er auch wie ein Bläser oder Streicher intonieren kann. Sehr spannend, aber gleichzeitig auch schwierig, zu spielen. Damit sind wir derzeit am Experimentieren, um diese neuen Klangfarben ganz zart in die Musik des Trios zu integrieren. Neue Richtungen - was wir alles machen können - sind schon zu erkennen, aber wir möchten den Entwicklungen Raum zur Entfaltung geben und uns langsam herantasten.

Sebastian Voltz
Sebastian Voltz, Foto: Jacek Brun

Susan Weinert:
Ganz so wie es die Musik verlangt und nicht, weil es etwas Neues und Außergewöhnliches ist. Der Einsatz der Elektronik muss subtil sein, so dass man denkt, Moment mal, was ist denn das für ein Klang, wo kommt der gerade her?

Jacek Brun:
Ich habe gestern mit Izabella Effenberg gesprochen, und Iza meinte: Susan war die erste Jazz-Musikerin, die in Polen – auf Workshops – den Menschen beigebracht hat, dass Frauen auch Jazzmusik spielen können. Du warst die erste weibliche (Jazz-) Instrumentalistin, die die Menschen in Polen kennen gelernt haben.

Susan Weinert
Susan Weinert, Foto Jacek Brun

Susan Weinert:
Mir war das damals so nicht bewusst, aber für die Frauen war das wohl ein echter Push. Aber weißt Du was? Ich fühlte mich eigentlich immer schon mehr als Musiker und nicht als Musikerin. Ich habe das Instrument genommen, wollte einfach nur gut spielen. Ich empfinde diese ganze Debatte um Musikerinnen manchmal als Gratwanderung, bei der die Musik in den Hintergrund gerät. Andererseits weiß ich natürlich auch, dass es nach wie vor große Defizite in Sachen Gleichstellung gibt und noch immer großer Nachholbedarf besteht. Ich höre oft erschütternde Berichte von Kolleginnen und bin froh, dass mir solche Erfahrungen erspart geblieben sind.
Ich finde es gut, junge Musikerinnen zu unterstützen. Mir ist es - besonders am Anfang – schon mal passiert, dass unten im Jazzkeller die „Jazz-Polizei“ im Publikum saß, um zu kontrollieren, dass ich auch ja die richtigen Noten spiele.

Martin Weinert:
Du hast ganz entscheidende Vorteile, deine Sozialisation: Du hättest ein Junge werden sollen. Demzufolge hat deine Mutter deine Schwester und dich eher wie Jungs erzogen.

Susan Weinert:
Ja!

Martin Weinert:
Ihr sollest alles tun können, was Jungs können. Du bist anders, du bist nicht als Mädchen aufgewachsen. Ich hingegen sollte ein Mädchen werden. Ich habe sehr viele weibliche Seelen-Anteile. Mit Sicherheit haben wir uns deshalb gefunden und harmonieren so gut. Du hast eine ganz klare Vorstellung von dem was Du willst und was Du nicht willst, agierst oft so, wie Männer agieren.

Susan Weinert:
Klar!

Martin Weinert:
Das nehme ich sehr positiv wahr, und das hat Dir auch schon oft im Leben weitergeholfen. Du formulierst ganz klar Deine Wünsche und ordnest Dich nicht einfach unter. Andererseits bist Du ein Mensch, der sich schnell öffnen und anderen mitteilen kann. Frauen ziehen sich öfter zurück und überlegen, ob sie etwas sagen können, sagen dann lieber nichts. Diesbezüglich bist du anders, und dieses Anders-Sein hat dir sehr geholfen bei der Entwicklung. Wir haben nie darüber nachgedacht, woher das kam. Ich komme wunderbar damit zurecht, weil ich selbstbewusste Frauen mag.
Ich werde oft nach meinem Namen gefragt. Ich lebe als „Mann von Susan Weinert“ an ihrer Seite und werde so wahrgenommen, was mir aber überhaupt nichts ausmacht.

Susan Weinert:
Ich möchte dazu sagen: Martin hat mich von Anfang an unterstützt. Ich hatte immer diesen Background, diese Sicherheit. Das heißt, wenn anfangs andere gesagt haben: Wie kannst du nur mit dieser Anfängerin spielen? Martin antwortete: Ich hör da was in ihrem Spiel. Ich denke, das ist eine tolle Sache, dass ich einen Mann hatte, der mich unterstützte und dies nach wie vor tut.

Martin Weinert:
Wir haben uns Anfang 1981 kennengelernt. Ein unvergesslicher, sehr wichtiger Tag in unserem Leben. Susan war damals 15 Jahre alt, ich war bereits 19. Von da an ging alles sehr schnell. 1982 spielten wir unser erstes gemeinsames Konzert. Ein Bekannter empfahl uns den Besuch eines Jazzworkshops. Wir meldeten uns sofort an. Es war ein ziemlich großer Workshop, der von Veronika und Hans Gruber (Advance Music) organisiert war. Das Aebersold Team stellte das Dozenten-Team mit tollen Gästen. Da waren klangvolle Namen wie Mike Stern, John Abercrombie, David Liebman und Richie Beriech. Großartig! Diese Workshops haben uns auf den Weg gebracht. Wir hatten immer schon viel Glück, wir sind Kinder des Glücks.

Martin Weinert
Martin Weinert, Foto: Jacek Brun

Jazz-Fun.de:
Bei größeren Festivals überwiegen die älteren Jahrgänge. Besteht die Jazz-Gemeinde überwiegend aus Senioren? Anders gefragt: Wie ist es möglich, stärker jüngere Leute zum Jazz zu bringen, besonders zu den Live-Konzerten?
Wie sind da Eure Wahrnehmungen?

Martin Weinert:
Sehr gute Frage…

Susan Weinert:
In Deutschland ist es so wie Du sagst. Der Jazz wird bevorzugt von reiferen Jahrgängen wahrgenommen und geschätzt. Wir kommen gerade aus Polen. Dort ist das noch anders. Die Jazzmusik wird bereits in der Schule den jungen Menschen nahegebracht. Aktive Jazzmusiker geben Konzerte für Schulklassen, sprechen zum Thema Improvisation. Während bei uns die Jazzsendungen im Radio bevorzugt in der Nacht gesendet werden, läuft in Polen auch tagsüber Jazz im Radio. Der Klang des Jazz wird den Menschen so vertrauter. Es gibt aber auch bei uns in Deutschland in letzter Zeit sehr gute Ansätze. Besonders die UDJ kümmert sich sehr um diese Belange, bringt viel - auch auf politischer Ebene - auf den Weg.

Jazz-Fun.de:
Es gibt auch Jazz-Musik per Stream übers Internet. Junge Leute nutzen ja besonders stark dieses Medium. Das wäre eine einfache Möglichkeit, Jazz zu hören.

Susan Weinert:
Ja natürlich, aber die jungen Menschen interessieren sich ja nicht von sich selbst und automatisch für die Jazzmusik, sie müssen herangeführt werden.

Martin Weinert:
Das bedarf sehr viel liebevoller Kleinarbeit und kostet natürlich auch Zeit. Ich bin der Meinung, dass gerade die Jazzmusik in besonderem Maße eine Musik der Freiheit ist und sehr viel Positives bewegen kann. Musisch-kulturelle Bildung ist extrem wichtig, besonders in unseren Zeiten.

Aufgenommen am 22.06.2019 bei JazzBaltica, Timmendorfer Strand
Textbearbeitung/Redaktion: Cosmo Scharmer
Fotos/Redaktion: Jacek Brun

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