Markus Stockhausen – Zwischen Klang, Intuition und innerer Freiheit

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Markus Stockhausen, Foto: Jacek Brun

Für Markus Stockhausen beginnt Musik dort, wo das bereits Bekannte seine Verbindlichkeit verliert. Seit mehr als fünf Jahrzehnten bewegt sich der Trompeter und Komponist zwischen Jazz, Neuer Musik, Klassik, Weltmusik und freier Improvisation. Aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen entwickelte er eine unverwechselbare Sprache, in der kompositorische Klarheit, klangliche Offenheit und spirituelle Suche eng miteinander verbunden sind.

Sein heller, konzentrierter Trompetenton besitzt eine beinahe schwerelose Qualität. Doch hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit stehen große instrumentale Präzision und ein tiefes Verständnis musikalischer Form. Stockhausen geht es nicht um Virtuosität als Demonstration. Er sucht nach jener Aufmerksamkeit, aus der Musik im Augenblick entstehen kann – im Zusammenspiel, in der Stille und im Vertrauen auf die Intuition.

Frühe Prägung zwischen Klassik, Jazz und Avantgarde

Markus Stockhausen wurde am 2. Mai 1957 in Köln geboren. Als Sohn des Komponisten Karlheinz Stockhausen und der Pianistin und Musikpädagogin Doris Stockhausen wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Musik zum Alltag gehörte. Klassische Musik, Jazz und die Avantgarde begegneten ihm nicht als voneinander getrennte Welten, sondern als unterschiedliche Formen künstlerischer Gegenwart.

Nach dem Besuch des Kölner Musikgymnasiums studierte er von 1974 bis 1982 an der Hochschule für Musik Köln. Klassische Trompete lernte er bei Robert Platt, Jazztrompete bei Manfred Schoof. Diese doppelte Ausbildung prägt sein Spiel bis heute: die technische Disziplin des klassischen Instrumentalisten verbindet sich mit der Beweglichkeit und Risikobereitschaft des Improvisators.

Bereits in jungen Jahren wirkte Stockhausen in Ensembles seines Vaters mit. 1976 spielte er in „Sirius“ im Washingtoner Einstein Spacearium. Es folgte eine rund 25 Jahre währende intensive Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen, der zahlreiche Partien und Werke für ihn komponierte.

Zu den wichtigen Arbeiten gehören unter anderem „Michaels Reise um die Erde“, „Drachenkampf“, „Vision“, „Samstag aus Licht“, „Invasion“ und „Pietà“. Diese Musik stellte außergewöhnliche Anforderungen an Spieltechnik, räumliches Hören und theatrale Präsenz. Sie prägte Markus Stockhausens Verständnis des Konzerts als ganzheitliches Ereignis, in dem Klang, Raum, Bewegung und geistige Haltung miteinander verbunden sind.

Die Entwicklung einer eigenen musikalischen Sprache

Parallel zur Arbeit im Bereich der zeitgenössischen Musik war Markus Stockhausen von Beginn an in Jazz- und Improvisationsprojekten aktiv. Er spielte unter anderem mit der Gruppe Key, der Rainer Brüninghaus Group und Kairos. 1989 gründete er gemeinsam mit Simon Stockhausen und dem Schlagzeuger Jo Thönes das Trio Aparis.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche eigene Formationen und Kooperationen. Dabei arbeitete Stockhausen mit Musikerinnen und Musikern wie Arild Andersen, Patrice Héral, Terje Rypdal, Ralph Towner, Ferenc Snétberger, Florian Weber, Nguyên Lê, Vladislav Sendecki, Tara Bouman, Rabih Lahoud und Ramesh Shotham.

Mit Projekten wie MAP, Karta, Moving Sounds, Eternal Voyage, Inside Out, Quadrivium und der Markus Stockhausen Group entwickelte er unterschiedliche Formen des Zusammenspiels. Manche sind stärker im zeitgenössischen Jazz verankert, andere öffnen sich der Weltmusik, der klassischen Kammermusik, elektronischen Klangfarben oder der vollständig freien Improvisation.

Seit Beginn der 2000er-Jahre konzentriert sich Stockhausen verstärkt auf eigene komponierte und improvisierte Musik. Im Zentrum steht dabei die von ihm als „Intuitive Music and More“ bezeichnete Arbeitsweise. Sie geht über das klassische Verständnis einer freien Improvisation hinaus: Entscheidend sind aufmerksames Hören, innere Sammlung und die Bereitschaft, den musikalischen Prozess nicht kontrollieren zu wollen.

Komposition und klangliche Grenzüberschreitung

Markus Stockhausen komponierte für unterschiedlichste Besetzungen – von Solowerken und Kammermusik über Jazzensembles bis zu Chören, Bigbands und Orchestern. Aufträge erhielt er unter anderem von der London Sinfonietta, der Camerata Bern, dem Kammerorchester Winterthur, dem Swiss Jazz Orchestra, dem WDR Funkhausorchester und den zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker.

Seine Werke verbinden häufig ausgeschriebene Passagen mit improvisatorischen Freiräumen. Komposition wird nicht als geschlossenes System verstanden, sondern als Ausgangspunkt für einen lebendigen Prozess. Dabei spielen räumliche Wirkungen, ungewöhnliche Instrumentierungen und die Begegnung unterschiedlicher musikalischer Kulturen eine zentrale Rolle.

Ein besonders öffentlichkeitswirksames Werk war „Abendglühen“, das Stockhausen 2007 für den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln schrieb. Die Komposition für improvisierende Solotrompete und sechs räumlich verteilte Bläserchöre wurde am Rheinufer vor mehr als 100.000 Menschen aufgeführt.

Weitere Projekte entstanden an den Schnittstellen zu Film, Theater, Tanz und bildender Kunst. Gemeinsam mit Simon Stockhausen komponierte er unter anderem für die Kölner Philharmonie, für Theaterproduktionen und multimediale Aufführungen. Auch die Zusammenarbeit mit Bildhauern, Lichtkünstlern und Filmemachern gehört seit Langem zu seinem Schaffen.

Intuitive Musik als gemeinschaftlicher Prozess

Die intuitive Musik bildet einen roten Faden durch Stockhausens Arbeit. Sie verlangt von den Beteiligten nicht nur instrumentale Souveränität, sondern eine besondere Qualität des Zuhörens. Jede musikalische Entscheidung entsteht aus der Wahrnehmung des gemeinsamen Augenblicks.

Seit 2000 veranstaltete Stockhausen in Köln über viele Jahre eine regelmäßige Konzertreihe für intuitive Musik. Darüber hinaus gründete er die Internationale Akademie für Intuitive Musik und entwickelte Seminare und Workshops wie „Intuitive Music and More“, „Singen und Stille“ und „Creative Trumpet Playing“.

In diesen Angeboten verbindet sich künstlerische Praxis mit Fragen der Wahrnehmung und persönlichen Entwicklung. Stille erscheint nicht als Abwesenheit von Musik, sondern als ihr Ursprung. Stockhausen versteht den Klang als Möglichkeit, innere und zwischenmenschliche Prozesse bewusst erfahrbar zu machen.

Auch sein gesellschaftliches Engagement ist eng mit dieser Haltung verbunden. Er setzt sich für Frieden, gegenseitigen Respekt und eine Kultur des bewussten Zuhörens ein. Musikalische Arbeit und persönliche Verantwortung sind für ihn keine voneinander getrennten Bereiche.

Markus Stockhausen Group

Mit der Markus Stockhausen Group fand der Trompeter eine Formation, in der viele Linien seines bisherigen Schaffens zusammenlaufen. Die Musik verbindet lyrischen Jazz, offene Improvisation, rockige Energie, klassische Klangfarben und Einflüsse verschiedener musikalischer Kulturen.

Auf „Wild Life“ aus dem Jahr 2020 und „Tales“ von 2021 entwickelte die Band einen zugleich transparenten und kraftvollen Ensemblesound. Das 2024 veröffentlichte Album „Celebration“ erweiterte diesen Ansatz durch zahlreiche Gäste, darunter Tamara Lukasheva, Rabih Lahoud, Nguyên Lê, Mateusz Smoczyński, Levan Andria und Bodek Janke.

Der Albumtitel bezeichnet nicht nur eine Feier der Musik, sondern auch der Freundschaft und der gemeinsamen schöpferischen Erfahrung. Trotz komplexer Formen bleibt der Ensembleklang offen und kommunikativ. Stockhausens Trompete übernimmt darin keine permanente Führungsrolle, sondern wird Teil eines beweglichen musikalischen Organismus.

„Between Earth and Sky“ – Musik ohne vorgegebenen Weg

Mit dem 2026 veröffentlichten Doppelalbum „Between Earth and Sky“ rückt Markus Stockhausen die intuitive Musik erneut konsequent in den Mittelpunkt. Die Aufnahmen entstanden ohne festgelegte Kompositionen, ohne Proben und ohne vorab vereinbarte Abläufe. Ausgangspunkt war allein die Aufmerksamkeit füreinander.

Zum Quintett gehören die Sängerin Annie Barbazza, der Flötist und Elektroniker Fabio Mina, der Pianist Fabrizio Ottaviucci und der Perkussionist Francesco Savoretti. Stockhausen selbst ist an Trompete, Flügelhorn, Keyboards und Elektronik zu hören.

Fabrizio Ottaviucci gehört bereits seit den späten 1980er-Jahren zu Stockhausens musikalischen Weggefährten. Diese Vertrautheit bildet gemeinsam mit den individuellen Ausdrucksmöglichkeiten der übrigen Beteiligten die Grundlage einer Musik, die ihre Präzision nicht aus vorheriger Planung, sondern aus unmittelbarer Reaktion gewinnt.

Akustische Instrumente, Stimme und elektronische Klangbearbeitung verschmelzen zu langen, organisch wachsenden Entwicklungen. Melodische Linien tauchen auf und lösen sich wieder auf, rhythmische Impulse verdichten sich oder führen in offene Ruhe. Die Musik bewegt sich zwischen erdgebundener Körperlichkeit und schwebender Abstraktion – zwischen Materie und Geist, wie es bereits der Albumtitel andeutet.

„Between Earth and Sky“ wirkt damit wie eine Zusammenfassung zentraler Gedanken in Stockhausens Schaffen. Es geht um Vertrauen, Wachheit und die Fähigkeit, etwas entstehen zu lassen, dessen Verlauf niemand im Voraus kennt.

Auszeichnungen und Anerkennung

Markus Stockhausens Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet. 1981 erhielt er einen Preis beim Deutschen Musikwettbewerb. Für „Continuum“, aufgenommen mit Rainer Brüninghaus und Fredy Studer, folgte 1983 der Preis der Deutschen Schallplattenkritik.

Weitere Ehrungen waren der Europäische Förderpreis für Musik, der WDR-Jazzpreis als bester Improvisator, der JTI Jazz Award und die Silberne Stimmgabel des Landesmusikrats Nordrhein-Westfalen. Für „Far into the Stars“ wurde er 2018 mit dem ECHO Jazz ausgezeichnet. 2021 erhielt er den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie Blechblasinstrumente. Seit 2023 ist er Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Mehr als 90 Tonträger dokumentieren ein Werk, das sich einfachen Kategorien entzieht. Veröffentlichungen erschienen unter anderem bei ECM, Enja, ACT, EMI Classics, Sony/OKeh, Aktivraum und Dark Companion Records.

Markus Stockhausen zählt heute zu den eigenständigsten Trompetern und Komponisten Europas. Seine Musik verbindet handwerkliche Meisterschaft mit einer konsequenten Offenheit gegenüber dem Unvorhersehbaren. Sie sucht nicht nach endgültigen Antworten, sondern schafft Räume, in denen Wahrnehmung, Begegnung und Veränderung möglich werden.

Wichtige Projekte:

  • Markus Stockhausen Group
  • Between Earth and Sky
  • Inside Out mit Florian Weber
  • Moving Sounds mit Tara Bouman
  • Eternal Voyage
  • Quadrivium
  • Karta und MAP
  • Aparis mit Simon Stockhausen und Jo Thönes
  • zahlreiche Kompositionen und Aufführungen mit Karlheinz Stockhausen

Künstlerische Handschrift

Markus Stockhausens Spiel ist von einem klaren, leuchtenden Trompetenton, melodischer Konzentration und großer dynamischer Kontrolle geprägt. Sein klassischer Hintergrund ist ebenso hörbar wie seine langjährige Erfahrung mit Jazz und freier Improvisation.

Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das intuitive Musizieren. Dabei entstehen Form und Dramaturgie nicht ausschließlich durch festgelegte Kompositionen, sondern durch intensives Zuhören und spontane Reaktion. Stille, räumliche Wirkung und die bewusste Wahrnehmung des Klangs besitzen dabei eine ebenso große Bedeutung wie Melodie, Harmonie und Rhythmus.

Stockhausen verbindet Musik regelmäßig mit spirituellen und gesellschaftlichen Fragen. Seine Projekte suchen nach einer Form des Zusammenspiels, in der individuelle Freiheit und gemeinsame Verantwortung keine Gegensätze bilden.

Wichtige Stationen

  • 1957 – geboren in Köln
  • 1974–1982 – Studium an der Hochschule für Musik Köln
  • 1975 – intensive Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen
  • 1976 – Aufführung von „Sirius“ in Washington, D.C.
  • 1981 – Preis beim Deutschen Musikwettbewerb
  • 1983 – Preis der Deutschen Schallplattenkritik für „Continuum“
  • 1989 – Gründung des Trios Aparis
  • 1995 – erstes Konzert mit dem Possible Worlds Orchestra
  • 1996–2001 – Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik Köln
  • ab 2000 – regelmäßige Konzertreihe für intuitive Musik in Köln
  • ab 2002 – verstärkte Konzentration auf eigene komponierte und improvisierte Musik
  • 2005 – WDR-Jazzpreis als bester Improvisator
  • 2007 – Uraufführung von „Abendglühen“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag
  • 2008 – Gründung von Eternal Voyage
  • 2010 – Gründung der Internationalen Akademie für Intuitive Musik
  • 2017 – JTI Jazz Award und Silberne Stimmgabel
  • 2018 – ECHO Jazz für „Far into the Stars“
  • 2021 – Deutscher Jazzpreis in der Kategorie Blechblasinstrumente
  • 2023 – Aufnahme in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste
  • 2024 – Veröffentlichung von „Celebration“
  • 2026 – Veröffentlichung des Doppelalbums „Between Earth and Sky“

Werkverzeichnis

  • THEMES (Sammlung) für Jazzensemble, 1988
  • MODULES für großes Jazzensemble und einen Solisten, 1997
  • CHRISTUS für Chor und Trommel, 1998
  • THE GOLDEN LIGHT für Trompetenquartett und gemischten Chor, 1999
  • TARA für Bassetthorn Solo, 2001 (auch auf der CD CONTEMPORARY mit Tara Bouman)
  • CHORAL für Jazztrio und Orchester, 2002
  • SEHNSUCHT für Jazztrio und Orchester, 2002
  • KAREN für zwei Melodieinstrumente in C und B, 2002
  • VATER UNSER für Stimme und Begleitung, 2002
  • VORSPIEL und INSELN für Violine Solo, 2002
  • ASCENT AND PAUSE für Trompete und Streichorchester, 2003
  • SONNENAUFGANG für Jazztrio und Orchester, 2003
  • PORTRAIT FOR TARA für Bassetthorn und Ensemble, 2003 (die Streicherbesetzung kann vergössert werden)
  • ANY WAY für Jazztrompete und Ensemble, 2005
  • SOWIESO für Jazztrio, 2005
  • MINIATUR einer Seelenreise für Flügelhorn (Trompete) und 12 Celli, 2006 (auch auf der CD “Angel Dances” mit Markus Stockhausen und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker)
  • MINIATUR einer Seelenreise; Version für Flügelhorn (Trompete) und Streichquintett, 2006
  • MINIATUR einer Seelenreise; Version für Flügelhorn (Trompete) und Streichorchester, 2007
  • ABENDGLÜHEN für Solotrompete und Posaunenchöre, 2007
  • SYMBIOSIS für Klarinette, Trompete und Streichorchester, 2007
  • RELIEF für Klarinette und Streichorchester
  • TANZENDES LICHT für Solotrompete, Big Band und Streichorchester
  • SYNERGY Improvisationen
  • OLIVERS ABENTEUER für Kinderorchester, 2009
  • Markus Stockhausen - Eternal Voyage, 2010
  • Far Into The Stars, 2017
  • Eternal Voyage - Live, 2018
  • Wild Life, 2020
  • Markus Stockhausen, Vangelis Katsoulis, Arild Andersen - Across Mountains, 2022
  • Markus Stockhausen Group - Celebration, 2024
  • Between Earth and Sky, 2026

Links

Markus Stockhausen Internetseite:
http://www.markusstockhausen.de/

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