XJAZZ-Festival in Berlin-Kreuzberg - Second Short Story: „Meute“ – oben spielt und unten tobt die Meute – 09.05.2019 im SO36

von Cosmo Scharmer

Meute
Meute, Foto: André Symann

Kurzgeschichten vom XJAZZ-Festival in Berlin-Kreuzberg 08.05. bis 12.05.2019

Second Short Story:
„Meute“ – oben spielt und unten tobt die Meute – 09.05.2019 im SO36

Location

Bisher war dies überwiegend eine „heilige Kultstätte“ für schräge wie laute Konzerte aus dem Klanguniversum irgendwo zwischen Punk, Hip-Hop, Techno und Electronic Sounds. So gibt es die Empfehlung eingeweihter Ortskundiger, stets mit Ohropax die Konzerte zu besuchen, um den Hörgenuss erträglich zu gestalten. Heute wird den Besuchern eine Band im Kontext des XJAZZ-Festivals angeboten. Mal sehen und hören, was dabei herauskommt.

Für Nicht-Berliner oder Jazzfreunde, die eher einen kleinen intimen Jazz-Club bevorzugen, sei noch angemerkt, dass das SO36 ein langer schwarzer Schlauch ohne Bestuhlung ist, der in eine Bühne mündet. Der Berichterstatter tut der Location bestimmt kein Unrecht, wenn er die Ausstattung als ziemlich „abgefuckt“ beschreibt. Dies ist so gewollt, wer hierher geht, der fühlt sich in diesem Schmuddel-Ambiente auch wohl. Und alle anderen Besuchergruppen, -typen und –charaktere oder Individuen sind heute so gut wie nicht auszumachen. Soweit scheint alles klar zu sein.

Instruments

Meute
Meute, Foto: André Symann

Die Besetzung lässt vermuten, dass es sich um eine – wegen der akustischen Instrumentierung – höchst mobile Band handelt, die dann so in Richtung New Orleans klingen könnte. Schon die ersten Takte machen klar, dass dem nicht so sein wird. Kurz die Instrumentierung. Die ist nicht so ganz klassisch am tradierten Stil des New Orleans ausgerichtet, aber eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen. Die Bläser-Sektion besteht aus Posaunen, Trompeten und diversen Saxofonen, wobei das tiefe Bass-Saxofon zusammen mit dem noch tiefer gestimmten Sousafon für einen gewaltigen tieflagigen Sound sorgen können und dies – so viel sei schon verraten - dann auch tun. Die Rhythmus-Gruppe besteht aus der wuchtigen Bass-Drum und einem Set von Tom-Toms mit der Snare-Drum als Leading Instrument. Und dann gibt s noch so was wie Marimba oder Xylofon. Das besondere an diesen Brass oder Marching Bands ist ihre hohe Mobilität. Dies bedeutet: Alle Instrumenten werden getragen und können so vollständig akustisch gespielt und durch die Gegend getragen werden – sehr beliebt bei Straßenfesten, Open-Air-Konzerten und Demos. Die Drum Sektion hat so einiges zu schleppen und deshalb brauchen diese mobilen Gruppen auch min. drei Trommler. So auch „Meute“. Dabei ist akustisch nur die Art der Klangerzeugung, selbstverständlich wird das Ganze mittels der hauseigenen PA verstärkt und gesteuert. Es wäre wohl auch kaum vermittelbar, würde die Brass Band rein akustisch spielen – da wäre wohl was los. Leider ist die Mobilität im SO36 nicht nur eingeschränkt, sondern - ohne die Existenz von Gängen und Reihen, in denen die Musiker lustig rummarschieren könnten -, absolut unmöglich.

Music

Meute
Meute, Foto: André Symann

Wenige, langanhaltende Töne werden von Glitzer-Licht unterstützt. Dann macht Meute schnell klar, was ihr musikalisches Metier ist: Wuchtige durchlaufende Beats, die Drummer wie Bläser gemeinsam dem Publikum anbieten. Dieser Sound ist zwar nicht so extrem laut, dass es ohne Orhropax gar nicht ginge, aber diese Lautstärke ist für Jazzohren schon ordentlich. Für das Publikum ist dies wohl eher Standard-Untergrenze, weniger würde vermutlich nicht akzeptiert werden. Band und Publikum finden sofort zueinander.

Was spielt denn die Hamburger Bläsergruppe noch, außer dem durchlaufenden Beat? Es ist Jazz dabei, ohne Zweifel. Neben den Instrumenten gibt es auch ein Wechselspiel von Bläsersätzen, thematischen (auch mal melodischen) Anklängen und eben auch diverse Soli. Soweit ist dies alles Jazz. Leider sind die thematischen Abfolgen nur sehr kurz. Das gilt auch für die zu knappen Soli. Die Bläsersätze sind von einfachem Aufbau und auch die Variierung der Rhythmen ist ziemlich simpel. Dies alles wird durch markante Aufschreie der Bläser wieder wettgemacht. Besonders das tiefe Bass-Saxofon nörgelt seine kompromisslosen Sequenzen den Leuten um die Ohren. Überhaupt ist dieser Bläser-Sound sehr tieflagig. Sousafon, Bariton-Sax und die Posaunen tragen heftig dazu bei. Und ein wildes Getrommel sorgt dafür, dass die Jungs von der Rhythm Section nicht den Bläser nachstehen wollen. Die hauen zwar nicht auf die Pauke, dafür aber auf ihre Drums, was das Zeig hält. Alle zusammen generieren wuchtigen Sound bei knackigem wummernden Beat. Diese Musik wird vielen Jazzfreunden schwerlich gefallen, aber das anwesende Publikum erfreut sich daran ungemein. Am größten ist die Begeisterung, wenn es schön einfach und dazu schön laut wird.

Definition

Aber was ist dies für ein Genre? Der Autor kann, darf und will es nicht lassen, für diese Musik die passenden Begriffe zu finden. Dies ist sein Job.

Bringen wir alle musiklaichen Elemente zusammen, dann könnte sich folgender Begriff ergeben: Akustischer Techno-Jazz.

Dem Autor war bislang nicht klar, dass es sowas geben könnte, bis zur heutigen Nacht der Meute.

Public/Audience

Akustischer Techno-Jazz also! Dies würde auch den Erfolg des Konzertes erklären. Das SO36 ist rappel voll, es ist verdammt eng. Die Leute sind echt angetan, wenn nicht begeistert von der Band und ihrer Musik. Das dieses Ereignis im Rahmen des XJAZZ-Festivals stattfindet, in dem auch das Wort Jazz vorkommt, scheint sie nicht zu stören oder gar vom Besuch abzuschrecken. Die Location trägt sicherlich eine große Rolle bei der Akzeptanz der Musik. Was hier im Saal gespielt wird, das muss einfach klasse sein, auch wenn es was mit Jazz zu tun hat. Und vielleicht wird der eine oder die andere auch den Weg zu den übrigen Veranstaltungen finden, bei denen noch mehr – oder ein ganz anderer - Jazz als heute Abend zu hören sein wird. Ja, die Rechnung könnte aufgehen  und so ist es sicherlich eine kluge Überlegung der Veranstalters, solche Musik wie die von „Meute“ zu bringen. Und dies im heimischen Kiez von SO36. Na dann…

Text: Cosmo Scharmer
Foto: André Symann

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