Songs oder die Lieder des Bodek Janke – 09.05.2019 im Orania - XJAZZ-Festival in Berlin-Kreuzberg

von Cosmo Scharmer

Bodek Janke
Bodek Janke on jazzahead! 2018, Foto: Jacek Brun

Kurzgeschichten vom XJAZZ-Festival in Berlin-Kreuzberg 08.05. bis 12.05.2019

Die erste Geschichte:
Songs oder die Lieder des Bodek Janke – 09.05.2019 im Orania

Die Location

Schon schick, wie das mit Elementen von Jugendstil geschmückte ehemalige Kaufhaus an der Ecke Oranienstraße thront. Die durch Steinwürfe gesprungenen Scheiben zeigen, dass hier nicht alle mit solch einem Hotel einverstanden sind oder waren. Wir sind im so genannten Kiez SO36 von Kreuzberg, der sich mittlerweile durch viele gastronomische Einrichtungen ordentlich aufgemöbelt hat, ohne dabei wirklich schick zu werden, und der von Touristen bevölkert wird.

Um die Musik zu hören muss sich der Hörer in die 5. Etage mittels Lift bemühen. Hier erwartet ihn ein gepflegtes Ambiente mit Sesseln, Bücherwänden, einem Kamin und einer kleinen anmutigen Theke. Ein Blick über die angrenzenden Dächer sorgt für urbane Weite. Ein Ort, an dem man/frau sich durchaus wohlfühlen kann. Wenn dann noch die Instrumente des Quartetts nett in der Mitte des Raums den Besucher freundlich empfangen, dann muss die Musik einfach gut werden. Muss? Wir werden sehen, besser hören!

Die Musik

Das ist das Quartett des Trommlers Bodek Janke, der seit einigen Jahren die Berliner Szene bereichert. Schon geht es los. Den Auftakt macht der Song „Eye of the Tiger“. Bekannt, erkennbar und doch ziemlich anders als das Original aus „Rocky“. Dies liegt am Spiel des Drummers: Agil, umtriebig, quirlig mit federndem Beat sorgt Bodek Janke für jene rhythmische Akzentuierung, die diesem Song gut bekommt. Cut, Break, trommelnd geht es rhythmisch voran.

Der lettische Pianist Kristian Randalu und der – so Bodek Janke, dem Brexit gerade noch entflohene – Bassist Phil Donkin bringen souverän ihren Anteil am Gelingen des Gruppensounds. Und die Stimme von Shishani Vranckx kann auf dieser musikalischen Grundlage ihren differenzierten Gesang ausleben. Dazu bemüht sie gelegentlich eine akustische Gitarre. So beim nächsten Song, der nach Soul mit leichtem funky Beat tönt. Die Stimme von Shishani Vranckx nähert sich in ihrer Intonation dem Scat: Töne nur anklingen lassen, anhauchen, anstoßen, nur nicht zu lange bei einem Ton verbleiben. Dem Song, der Musik steht dies gut zu Gesicht und mündet in einer ruhigen Atempause, die durch ein Solo auf perkussiven Instrumenten von Bodek Janke ausklingt.

Beim nächsten Titel gibt das Piano das Thema vor. Musikalisch nicht unbedingt zu erkennen, aber die Wortfetzen „Inside the Fire“ und „Dancing in the Dark“ lassen sich eindeutig raushören und so klingt es auch. Stets treibt die rollende, höchst differenzierende Spielweise des Trommlers mit seinem federnden Beat das Geschehen voran. Hier gibt es ständig neue Phrasierungen zu entdecken. Auch die musikalischen Mitgestalter zeigen gelegentlich – wenn es Titel oder Gruppensound für sinnvoll erscheinen lassen - ihre musikalische Klasse. Das warme Bass-Solo von Phil Donkin rundet diesen Song melodisch wie harmonisch ab.

Bodek Janke Band
Bodek Janke Band, Foto: Joanna Wizmur

Bodek Janke erläutert wie es zu diesen, seinen Songs kam. Sie speisen sich aus einem Kindheits- oder Jugendtrauma, als diese Titel ohne Unterlass gespielt wurden und ihn quälten. Dies sei jetzt die musikalische Form seiner Verarbeitung. Und so wurden und werden aus diesen Pop-Rock-Songs seine persönlichen Songs, seine Lieder. Eine höchst erfolgreiche Therapie!

Mit einem folkloristisch angehauchten Lied mit einem Schlag Funk geht es weiter. Jetzt kann Kristian Randalu am Flügel seine solistischen Fähigkeiten dem Publikum offenbaren und das ist hohes Niveau.

Life is Life. Hier ist ein Erkennen des Songs leicht, zumindest was den Text betrifft. Musikalisch ist dies etwas schwieriger, aber der gehauchte Refrain von Shishani Vranckx mit ironischem Unterton weckt Erinnerungen. Bei gängigen Songs, Liedern oder gar Schlagern von Substanz ist es für souveräne Musiker relativ leicht, daraus eine stimmige Jazzversion zu machen. Aber es kann auch umgekehrt sein, so wie hier. Diese banale Tautologie aus den 80-ern besitzt im Original nur diesen simplen Refrain. Bei diesem Quartett hingegen wird aus Life is Life ein ungemein rhythmisch packendes, mitreißendes Thema, welches in ein wildes Piano-Solo mit stakkatohafter Akzentuierung sich auflöst. Life is Life and Jazz is Jazz!

Die folgende Geschichte basiert auf einer Verwechslung und ist was zum Raten. Der jugendliche kasachische Freund von Bodek freute sich, dass ein im Radio gespielter Song den Namen seines Bruders Wladislaw hatte. Soweit die Vorgeschichte.

Ruhig pendelt sich das Thema ein, noch unerkannt. Bodek Janke greift ins Daumenklavier. Diskret unterlegt von sparsamen wie luftigen Akkorden des Pianos entspringt dieser Musik ein leichtes afrikanisches und orientalisches Flair. Dann entpuppt sich der „Wladislaw“ als … „What is Love?“ Dieses Stück zeigt die volle musikalischen Bandbreite des Themas: mit geballte Rhythmik wird ein Klangbild erzeugt, das dramatisch zwischen Liebesglück und -leid schwingt. Derart angesprochen klatschen die Anwesenden im Takt. Damit nicht genug. Shishani Vranckx packt noch n´Ladung Gefühl und Passion in ihren Gesang und alle zusammen machen dieses Liebeslied zu einem Power-Sound, dem sich niemand entziehen kann. Das Publikum will dies auch nicht und spendet lange und begeistert Applaus. Hier und heute haben sich Sängerin, Musiker und das Publikum im perfekt gewählten Ambiente in dieser Musik getroffen. Mehr geht eigentlich nicht.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Joanna Wizmur, Jacek Brun

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