Tag 16 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Der tunesische Oud-Spieler Anouar Brahem in der Christuskirche Mannheim
Anouar Brahem mit der Cellistin Anja Lechner, dem Pianisten Django Bates und dem Bassisten Mats Eilertsen in der Christuskirche Mannheim am 08. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel
Ein besinnlicher Abschluss des Enjoy Jazz Festivals mit dem Oud-Virtuosen Anouar Brahem und dem Programm seines Albums After The Last Sky
Ist schon wieder Weihnachten? Die Frage könnten sich Besucherinnen und Besucher des Abschlusskonzerts von Enjoy Jazz 2025 stellen, wenn man heute Abend seinen Platz in der Christuskirche in Mannheim sucht. Die Kirche ist auf der Altarseite mit den Farben des Festivals illuminiert, Grün und Magenta, man findet die Farben auch an den Säulen wieder. Das Licht strahlt aus in den Kuppelbau im neobarocken Stil, der nun prall gefüllt ist mit Menschen, die auf den Bänken mittig im Raum, unter und auf der umlaufenden Empore Platz genommen haben. So ein Bild bietet sich den Kirchengemeinden im laufenden Betrieb eigentlich nur noch zu den höchsten christlichen Festen. Nun ist es aber auch ein besonderer Anlass, der die Menschen heute Abend in die Christuskirche zieht: das Abschlusskonzert der 27. Ausgabe von Enjoy Jazz in Mannheim.
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Sarah Seidel, Foto: Elisabeth Samura -
Christuskirche Mannheim, Foto: Sarah Seidel -
Christuskirche Mannheim, Foto: Sarah Seidel
Wenn nun vier Musiker auf die Bühne gehen, um den Festivalabschluss in einem anderthalbstündigen Konzert zu feiern, dann wird mir auf der Kirchenbank zwischen all den anderen Zuhörern sitzend noch einmal bewusst, welche große musikalische Bandbreite mir in den vergangenen 16 Tage geboten wurde. In der Musik des tunesischen Oud-Spielers Anouar Brahem leuchten orientalische Klänge auf. Sie mischen sich bei ihm mit denen der europäischen Klassik und des Jazz. Zusammen mit der Cellistin Anja Lechner, dem britischen Pianisten Django Bates und dem norwegischen Bassisten Mats Eilertsen präsentiert Anouar Brahem das Programm seines aktuellen Albums ”After The Last Sky“, aufgenommen 2024 für ECM, Brahems Label-Heimat seit mehr als 30 Jahren. ”After The Last Sky“ ist ein Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish, aus dem Brahem ein paar Zeilen zitiert: ”Where should we go after the last frontiers? Where should the birds fly after the last sky? Where should the plants sleep after the last breath of air?”
Anouar Brahem hat das Gedicht für Oud, Piano, Bass und Cello vertont und mit Lechner, Bates und Eilertsen eine Gruppe von Musikern zusammengestellt, die sich blind versteht. Und natürlich wird hier in einem großen Bogen mit viel Atemluft gespielt, leise und distinguiert. Wo bei den Aufnahmen der Bassist Dave Holland mit an Bord war, kann sich hier Mats Eilertsen traumwandlerisch einbringen. Er knüpft in verschiedenen Passagen Allianzen mit den anderen Solisten, spielt immer mal wieder mit ihnen unisono, so auch mit Anouar Brahem. Der Klang des gestrichenen Cellos bringt eine warme, klassische Klangfarbe ein, die, wenn sie energischer wird, auch an argentinischen Tango erinnert. Mit Django Bates hat Anuoar Brahem einen einfühlsamen Pianisten an seiner Seite, der sich dem leisen, ruhigen Fluss dieser Musik vollständig anpasst und meist sacht, mit wunderschönen Akkorden einsteigt. Das Geschehen verlagert sich im Wechsel auf verschiedene Instrumentengruppen und bleibt damit über die Dauer des Konzerts dynamisch.
Am Ende seines Konzerts widmet Anouar Brahem dem am 26. Oktober verstorbenen Musiker Jack DeJohnette ein Stück aus seinem Album ”Blue Maqams“. DeJohnette saß 2017 bei dieser Plattenaufnahme am Schlagzeug. Und kaum ist der letzte Ton im Kirchenraum verhallt, brandet Applaus auf. Alle vier Musiker stellen sich für eine gemeinsame Verbeugung vor dem Altar zusammen, nun bekommen sie Blumensträuße überreicht. Das aber war noch nicht der Schlusspunkt. Das Publikum lässt die Band erst gehen, nachdem die zweite Zugabe gespielt und später auch das letzte Vinyl signiert ist.
Meine insgesamt 16 Tage beim Enjoy Jazz Festival 2025 gehen in diesem Moment zu Ende. Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Völlige Erschöpfung und Glückseligkeit gehen miteinander einher. Ich habe genauso kraftstrotzende wie fragile musikalische Momente erlebt, brachial laute und sehr leise, beanspruchende und belohnende. Große Herausforderungen und große Freude. Mit Heidelberg, Ludwigshafen, Mannheim, Schwetzingen und Neustadt an der Weinstraße habe ich fünf verschiedene Festival-Städte kennengelernt und insgesamt elf verschiedene Festival-Locations. Ich bin loyalen und begeisterungsfähigen Zuhörerinnen und Zuhörern begegnet und habe mich immer mal wieder bei den Konzerten mit ihnen ausgetauscht.
Nach diesen ereignisreichen zwei Wochen mit so vielen Begegnungen und so viel Musik kann ich noch nicht sagen, wie all das nachwirken wird. Eine Hoffnung habe ich aber: dass mein erstes Enjoy Jazz Festival nicht mein letztes gewesen sein soll.
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Anouar Brahem, Foto: Kati Nowicki -
Mats Eilertsen, Foto: Kati Nowicki -
Christuskirche Mannheim, Foto: Kati Nowicki
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Elisabeth Samura, Kati Nowicki
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.
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