Tag 11 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Tigran Hamasyan und sein Quartett: das zweite Enjoy Jazz-Konzert in Neustadt an der Weinstraße
Das Quartett des armenischen Pianisten Tigran Hamasyan beim Enjoy Jazz im Saalbau in Neustadt an der Weinstraße am 03. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel
Der Tastenzauberer Tigran Hamasyan mit einem Mix aus armenischer Folklore, Rock, Electronica und Jazz im Saalbau in Neustadt an der Weinstraße
Noch haben wir keinen Vollmond, erst am Mittwoch werden wir ihn sehen. Dann aber wird er als sogenannter Supermond, als größter Vollmond des Jahres am Himmel stehen. Unsere Fahrt mit dem Shuttle von Heidelberg nach Neustadt an der Weinstraße zum Konzert des armenischen Pianisten Tigran Hamasyan ist schon heute von hellem Mondlicht begleitet. Schade, dass man bei Nacht nichts von der Schönheit der Umgebung mitbekommt. Kaum runter von der Autobahn werden die Straßen werden Stück für Stück enger, schließlich im Zentrum von Neustadt an der Weinstraße angekommen, erreichen wir den hell erleuchteten Saalbau. Der ist übrigens im „wahren Leben“ auch der traditionelle Krönungsort der Deutschen und der Pfälzischen Weinkönigin. Heute ist zwar nicht mit einer Weinkönigin zu rechnen, trotzdem kommt gute Laune auf. Im Foyer stehen viele Konzertbesucher auf ein Getränk zusammen, das Konzertangebot von Enjoy Jazz wird auf den ersten Blick gut angenommen.
2025 findet das Enjoy Jazz Festival erstmalig auch in Neustadt an der Weinstraße statt. Auf der großen Bühne im Saalbau, der bis zu 1.000 Personen fasst, begrüßt Heike Hinkelmann den Enjoy Jazz-Chef Rainer Kern. Hinkelmann ist Leiterin und Kulturkoordinatorin in der Kulturabteilung Neustadt an der Weinstraße und freut sich darüber, die Stadt an das internationale Festival anbinden zu können. Kern, ganz in seiner Rolle als Impresario, fragt das Publikum, wo es die 26 Jahre davor war und dann im Anschluss, wer aus Neustadt zum Konzert gekommen ist. Es gehen viele Arme hoch. Wer aus anderen Städten der Region? Auch viele Meldungen. So kann man sich natürlich direkt ein Bild von seinem Publikum machen. Mit Tigran Hamasyan hat Rainer Kern einen langjährigen Bekannten des Enjoy Jazz zu Gast, nur dieses Mal eben als Gast einer neuen Festival-Stätte.
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Saalbau in Neustadt an der Weinstraße, Foto: Sarah Seidel -
Saalbau in Neustadt an der Weinstraße, Foto: Sarah Seidel -
Saalbau in Neustadt an der Weinstraße, Foto: Sarah Seidel
Eigentlich hatte ich mit einem Trio-Konzert gerechnet. Mit dem Blick auf die Bühne wird aber klar, dass da noch ein weiterer Musiker dabei sein muss. Neben Drumset, E-Bass und Konzertflügel steht vor dem Schlagzeug auch noch ein Keyboard. Ich bin gespannt. Tigran Hamasyan kommt schließlich mit dem Bassisten Marc Karapetian, dem Schlagzeuger Arman Mnatsakanyan und dem Keyboarder Yessai Karapetian auf die Bühne. Sein Programm dreht sich um eine alte armenische Sage, die er vertont hat: The Bird Of A Thousand Voices – der Vogel mit den magischen Kräften. Eine 90-minütige Komposition mit elektro-akustischer Musik und Heavy Metal-Beats. Armenische Volksmusik trifft auf Ambient und Electronica. Geschrieben hat Hamasyan seine Komposition in der Zeit der Corona-Pandemie, sie danach als Album aufgenommen und mehrdimensional erweitert. Sogar ein Online-Game zum Album ist erschienen. Für den Pianisten ist es ein „multimediales Gesamtkunstwerk“.
Das Konzert beginnt leise mit elektronischen Klängen von Tigran Hamasyan und dem Ton einer traditionellen Holzflöte, gespielt von Yessai Karapetian. Nach diesem Intro zeigen Bass und Schlagzeug mit schweren Beats und lautem Sound, dass über den Verlauf dieses Abends ein Wechselbad zu erwarten ist. Es ist schon beeindruckend zu sehen, wie Tigran Hamasyan und Yessai Karapetian unisono halsbrecherische Läufe auf Klavier und Keyboard spielen. Ihre Technik ist brillant. Aber: Lange Dynamikbögen scheinen bei diesem Bandkonzept nicht so sehr gefragt zu sein wie harte Kontraste. Die Musik folgt einem steten Muster. Leise-laut, zart-heftig, Jazzimprovisation und Metal-Schlagzeug – all das in wiederkehrendem Rhythmus lässt mich relativ schnell ermüden. Und das, obwohl viele reizvolle Passagen dabei sind, wenn nämlich Tigran zu seinen Improvisationen singt oder wiederum noch ein anderes Bandmitglied eine Harmonie zu seiner Linie singt. Wenn er zwischendrin sein Klavier mit Knetgummi präpariert und so abwechslungsreiche Sounds erzeugt.
Manches von all dem klingt martialisch, kriegerisch-aggressiv, wird dann aber abgelöst von süßen Melodien. Gegen Ende pfeift Tigran Hamasyan die Melodien, auch das eine erfrischende Klangfarbe, immerhin handelt die von ihm vertonte Sage von einem magischen Vogel. Und weil es insgesamt ein sehr lautes Konzert war, habe ich die Ohrstöpsel sehr vermisst, die am Samstagabend vor dem Konzert der Young Mothers im Betriebswerk Heidelberg verteilt wurden.
Nach dem Konzert treffe ich unten im Foyer zufällig die Saxofonistin Alexandra Lehmler, die beim diesjährigen Enjoy Jazz Festival Ende Oktober selbst ein Konzert in der Alten Feuerwache in Mannheim gespielt hat. Sie hat zwei ihrer Söhne mit ins Konzert genommen. Und da sie jetzt schon einmal vor mir steht, frage ich sie einfach, ob sie mir ein Statement zum Konzert geben kann. Freundlicherweise macht sie spontan mit, ich danke herzlich. Ihr Statement wird später bei Jazz-Fun.de erscheinen.
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Tigran Hamasyan Quartett, Foto: Axel Hildebrandt -
Tigran Hamasyan, Foto: Axel Hildebrandt -
Tigran Hamasyan, Foto: Axel Hildebrandt -
Tigran Hamasyan Quartett, Foto: Axel Hildebrandt -
Tigran Hamasyan Quartett, Foto: Axel Hildebrandt -
Tigran Hamasyan Quartett, Foto: Axel Hildebrandt -
Tigran Hamasyan Quartett, Foto: Axel Hildebrandt
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Axel Hildebrandt
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.
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