Tag 10 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Über das Finden von Glück im Matinee-Konzert von Shai Maestro

Das Quartett des israelischen Pianisten Shai Maestro beim Enjoy Jazz im Betriebswerk Heidelberg am 02. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel

Beseeltes Hören mit dem Guest House Quartet von Pianist Shai Maestro

Eine von mehreren Optionen, mit der Straßenbahn Richtung Betriebswerk Heidelberg zu gelangen, ist die Linie 5. Aussteigen an der Station Ochsenkopf. Was für ein griffiger Name. Ich möchte das Matinee-Konzert des israelischen Pianisten Shai Maestro hören, den zweiten Set am heutigen Sonntagmittag. Aber zuerst mal frage ich mich, wo es langgeht. Der Bahnsteig ist menschenleer. Nach intensiver Beschäftigung mit meinem Navi und einem ersten Anlauf in die falsche Richtung frage ich einen Passanten. Er rät mir, die Bahnunterführung zu nehmen, die auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Ich folge seinem Rat, gehe los und begegne in einer unübersichtlichen Kurve unerwartet zwei Radfahrern mit hohem Tempo. Diesen Fußweg würde ich nur eingeschränkt weiterempfehlen.

Drei Minuten später unversehrt im Konzertraum angekommen, fällt mir auf, dass dies mein erstes Enjoy Jazz-Konzert bei Tageslicht ist. Ich finde in den ersten Reihen des Saals meinen Platz und entziffere zusammen mit einem jungen Fotografen das, was auf einem Holzschild über der Bühne gemalt steht: everything is ok. Eine hölzerne Madonnenfigur schwebt gleich daneben. Ein affirmativer Spruch plus Schutzpatronin, da kann nichts mehr schief gehen.

Der 38-jährige Shai Maestro kommt nach der Ankündigung von Rainer Kern mit seinem frisch zusammengestellten Guest House Quartet auf die Bühne. Eben hat uns Kern noch verraten, dass es bald ein neues Album geben wird und diese Live-Performance ein Auftakt dazu ist. Das reguläre Trio von Shai Maestro, beheimatet in New York, ist mit dem Bassisten Jorge Roeder und dem Schlagzeuger Ofri Nehemya besetzt. Keyboarder Gadi Lehavi kommt als der Neue zum Team dazu. Als Quartett geben sie heute in dieser Besetzung gerade ihr zweites Konzert.

„Willkommen zum zweiten Set“, begrüßt Shai Maestro sein Publikum. Und er scherzt: „Das wird definitiv das bessere Set sein, aber erzählt das bitte nicht denen, die das erste gehört haben“. Lacher im Saal. Nun stellt Maestro kurz seine Mitmusiker vor und kommt zur Sache: ”Let’s play some music“. Leise beginnen er und Gadi Lehavi mit Piano- und Keyboardtupfern, der Bass wird von Jorge Roeder gestrichen, die Besen von Ofri Nehemya streicheln das Becken. Der Sound füllt langsam aber sicher den hohen Raum.

Song und Sound entwickeln sich immer dichter, der Rhythmus wird akzentuierter, die Band gerät in Schwung. Das erste dezente Schlagzeug-Solo kommt gleich nach dem ersten Stück, da haben die vier Musiker schon ein solides Fundament an Melodie und Rhythmus gelegt. Ein Schwelgen im Klang, eine warme Welle, die den Raum flutet, ruhig abebbt und erneut zurückkommt. Der Keyboarder hat seine Solo-Spots, hält sich aber diskret zurück und agiert ausgesprochen geschmackvoll. Die Sounds des Keyboards sind zusätzliche Farben im Geschehen. Alle vier Musiker zusammen geraten in einen Flow, der soghaft wirkt.

Was hier zur Mittagszeit zu erleben ist, ist durch und durch melodiöse und harmonisch ausgefeilte Musik mit einem tänzerisch-federnden Charakter und großer emotionaler Tiefe. Das Lied darf bei Shai Maestro noch Lied sein. Er glänzt dank einer klassischen Ausbildung mit einer beeindruckenden pianistischen Technik. Zwei neue Stücke seines Repertoires sind inspiriert von den Gedichten des spanischen Lyrikers Federico Garcia Lorca. Eines davon versetzt mich in die Klangwelt des Mittleren Ostens, eine faszinierende Reise durch eine orientalische Landschaft.

Das letzte Stück widmet Shai Maestro schließlich dem im Februar 2021 verstorbenen Pianisten Chick Corea. ”Chickster“ heißt das Stück, zusammengesetzt aus „Chick“ und „Hipster“. Dabei kommt Gadi Lehavi am Keyboard noch einmal ausgiebig ins Spiel. Und weil das alles so überaus beseelt, berückend und beglückend ist, was diese Musiker hier zu bieten haben, möchte das Publikum nach ca. anderthalb Stunden noch eine Zugabe hören. Eine wunderschöne Ballade, geboren aus der amerikanischen Jazztradition. Der Schlusspunkt eines traumhaften Konzerts. Eben hat Regen eingesetzt und prasselt nun auf das Dach des Betriebswerks. Ein Geräusch, das uns aus Shai Maestros Welt der Imagination wieder zurückholt ins reale Leben.

Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Arpan Joost, Yannick Dupps

Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025

Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.

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