Tag 9 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Angriffslustige Young Mothers mit anarchischen Zügen
Das norwegisch-amerikanische Sextett The Young Mothers im Betriebswerk in Heidelberg am 01. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel
Free Style für Hipster: The Young Mothers wirbeln mit einem wilden Stil-Mix durch das Betriebswerk Heidelberg
Es ist herbstlich und nasskalt geworden, es regnet in Heidelberg. Glücklicherweise ist der Weg zum Areal des Betriebswerks nicht sehr weit. Im Dunkeln gerade rechtzeitig zum Konzertbeginn angekommen, sehe ich eine Schar zum Trocknen aufgespannte bunte Schirme im Foyer des Betriebswerks auf dem Boden liegen. Das große Backsteingebäude – ursprünglich vor mehr als 100 Jahren an dieser Stelle als Bahnbetriebswerk errichtet worden – beherbergt heute ein modernisiertes und frisch herausgeputztes Zentrum für Kultur, Begegnung und kreative Nutzung, mit Partnern wie den Heidelberger Sinfonikern oder dem Klangforum Heidelberg. Von der großen Eingangshalle geht es in den Konzertsaal, ein ebenfalls hoher und offener Raum mit rohen Backsteinwänden. Heute Abend sind ca. 150 Zuhörer dem Ruf von Enjoy Jazz gefolgt. Auf der von Lichtstrahlern bunt illuminierten Bühne werden die Young Mothers gleich anderthalb Stunden lang ein undurchdringliches Dickicht aus vermeintlich unvereinbaren musikalischen Genres erschaffen.
-
Betriebswerk, Foto: Sarah Seidel -
Betriebswerk, Foto: Sarah Seidel -
Betriebswerk, Foto: Sarah Seidel
In seiner Ansage ans Publikum erklärt Festivalmacher Rainer Kern, was es mit der Namensgebung der rein männlich besetzten Formation auf sich hat. 2012 hat sich die Gruppe um den norwegischen Bassisten Ingebrigt Håker Flaten in Austin, Texas, gegründet. Flatens Frau hatte sich damals in einem Projekt engagiert, das Teenagermütter betreute. Und so, wie sich junge Mütter von einem Kind sehr herausgefordert fühlen können, so fühlten sich die sechs Musiker von ihrem neuen musikalischen Projekt herausgefordert. Rainer Kern betont an dieser Stelle seiner Ansage, dass der Name überaus respektvoll gemeint ist.
Und da kommen nun die sechs Bandmitglieder von den Young Mothers auf die Bühne. Allein ihre Outfits sind ein wilder Stilmix: mit Mustern und Sprüchen bedruckte T-Shirts, Basecaps, Wollmützen, Cargohosen, Sneaker. Vor den Bläsern ein Tischchen mit Elektronik, eine Kufiya als Unterlage darunter – wohl nicht ganz zufällig. Was dann musikalisch folgt, könnte man irgendwo zwischen Free Jazz, Punk, Funk, Hip-Hop, Death Metal und Progressive Rock verorten.
Da taumeln die Bläsersätze wie betrunkene Seemänner und trudeln langsam leise aus, bis der Schlagzeuger Frank Rosaly so heftig auf die Snare Drum schlägt, dass ich fast vom Stuhl falle. Da rappt der Trompeter Jawwaad Taylor über einen leichten Groove, da knistert die Elektronik, da wabert das Vibrafon, da flirrt und grummelt der Bass. Bläser, die in Harmonie zusammen swingen, dann ein Hip-Hop-Groove oder ein völlig frei drehendes Saxofon-Solo. Die Gitarre heult auf, die Lautstärke schwillt an, man kann hier nie sicher sein, was als Nächstes kommt. Manchmal oszilliert die Melodik irgendwo zwischen Alphornmusik und Ornette Coleman. Das sind dann die subtileren Momente.
Mein Fazit: Jazz-Afficionados, die ein Herz für Punk, Rock und Death Metal haben, kommen bei den Young Mothers auf ihre Kosten. Andere wohl eher nicht.
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Frank Schindelbeck
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
Alle Artikel, Interviews und Fotostrecken zum Festival finden Sie auf www.jazz-fun.de
Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.
Einen Kommentar schreiben