Tag 12 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: ganavya verzaubert mit ihrer Gesangskunst das Publikum in Heidelberg
Sängerin ganavya mit Harfe und Bass im Karlstorbahnhof Heidelberg am 04. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel
Sängerin ganavya zelebriert mit südindischer Gesangstradition einen Gottesdienst
Die Aura von ganavya, die in den vergangenen Jahren mit Jazzmusikern wie Esperanza Spalding, Shabaka oder Vijay Iyer zusammengearbeitet hat, wirkt auf mich schon Stunden vor ihrem Konzert im Karlstorbahnhof Heidelberg. Nachmittags sind wir zum Interview verabredet, sie nimmt mich dort pünktlich nach dem Soundcheck im Garderobenbereich in Empfang und stellt mir freundlich ihre Musiker und ihren Mann vor. Er ist ihr Tourmanager. Dann entführt sie mich in einen kleinen Umkleideraum. Statt eines Videointerviews werden wir eine Audioaufnahme machen, das ist ihr lieber. Erst einmal spricht sie ohne Aufnahme mit mir. Sie fragt mich, ob ich auf Rauch allergisch bin, ich verneine. Dann entzündet sie ein Räucherstäbchen, dessen intensiver Geruch gleich den Raum erfüllt. Erst jetzt schalte ich das Aufnahmegerät an. Sie setzt das Tempo, lässt sich Zeit mit ihren Antworten, denkt nach. Spricht sehr leise und sehr bedacht. Zeigt sich dabei entwaffnend offen und warmherzig. Eine intensive Begegnung.
Abends sind im Konzertsaal des Karlstorbahnhofs für etwa 350 Zuhörer Stühle aufgestellt. Auf der Bühne stehen links eine Harfe und mittig ein Mikrofon, rechts liegt ein Bass. Das erste Mal in meiner Zeit beim Enjoy Jazz macht Festivalleiter Rainer Kern keine Ansage.
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Karlstorbahnhof, Foto: Sarah Seidel -
Ganavya Doraiswamy, Foto: Sarah Seidel -
Ganavya Doraiswamy, Foto: Sarah Seidel
ganavya beginnt ihr Konzert zusammen mit Harfenist Charles Overton und Bassist Max Ridley ohne Worte ans Publikum. Die Sängerin steht in ihrem schlichten weißen Kleid auf der Mitte der Bühne, ihre langen, schwarzen Haare trägt sie offen, sie fängt an zu singen. Schnell bannt mich die Reinheit ihrer Stimme, ihre Melismen, ihr Ausdruck, ihre dynamische Spannbreite. Ihre Hände hält sie vor ihrem Oberkörper und bewegt sie in wunderschönen Figuren, so als würde sie ein Instrument spielen. Ein leises Flüstern gehört genauso zu ihrem Repertoire wie eine durchdringende Kraft, die bei mir Gänsehaut erzeugt. Wenn sie lauter singt, tritt sie weit vom Mikrofon zurück nach hinten.
ganavyas Songs basieren auf traditioneller südindischer Musik, wurden ihr von der Mutter und anderen Familienmitgliedern beigebracht. Sie wurde zwar in New York geboren, hat aber als Kind ein paar Jahre im südindischen Tamil Nadu verbracht. ganavya singt in ihrer tamilischen Muttersprache und auf Englisch. Als Sängerin und musikalische Geschichtenerzählerin ist der rituelle Gesang für sie die reinste Form der Kommunikation. Während ihres Konzerts kann man im Publikum eine Stecknadel fallen hören. Und auch hier gelten ganavyas unausgesprochenen Gesetze. Jeder im Saal zollt ihr und ihren Musikern, die auf minimalistischer Ebene nur die nötigsten Töne auf ihren Instrumenten spielen, Respekt. Zwischen den Songs bleibt es still und Aufnahmen mit dem Handy werden vergleichsweise diskret gemacht.
Ein Gefühl von Gemeinschaft stellt sich ein, als ganavya das Publikum dazu auffordert, ein paar Tonfolgen wiederholend mitzusingen. Gegen Ende des Konzerts bedankt sie sich bei ihren Mitmusikern und stellt sie vor. Den Bassisten Max Ridley hat sie vor 12 Jahren kennengelernt – sie war damals 22 – den Harfenisten Charles Overton kurz danach. Weitere Danksagungen gehen auch an die Tontechniker im Saal und an ihrem Mann Felix Grimm, der aus Köln stammt. Sie hat ein Lächeln im Gesicht, wenn sie von ihm erzählt und das tut sie offenbar gern. Grimm hat mit dem Pianisten und Komponisten Nils Frahm zusammen die Produktionsfirma LEITER gegründet, die auch als Plattenlabel aktiv ist. ganavya erwähnt, dass ihr nächstes Album bei LEITER veröffentlicht wird. 2024 ist dort schon ganavyas ”Daughter Of A Temple“ erschienen.
Zum Schluss wird noch einmal gemeinsam gesungen, dieses Mal eine Gedichtzeile von Marcellus Williams: „There is so much beauty and comfort … in being and love and just being.“ Die meisten im Publikum stimmen in den friedlichen Song mit ein. Und dann war es das. Eine Zugabe bleibt aus, ganavya kommt nicht noch einmal auf die Bühne zurück.
Für mich ist es nicht leicht, wieder zurückzufinden aus der faszinierenden musikalischen Sphäre, die ganavya geschaffen hat. Dann aber weckt Volker Doberstein vom Enjoy Jazz Team im Foyer des Karlstorbahnhofs mit einer Aktion mein Interesse, die Idee dazu ist im Kontext des Festival-Mottos „Knowing“ entstanden. Das Projekt „Sokrates: Heidelberg Street Philosophy“ ist mit mehreren Studierenden vor Ort, sie kommen mit den Konzertbesuchern ins Gespräch. Auch ich habe das Vergnügen, für einen Augenblick an diesem Projekt teilzunehmen, das Philosophie im öffentlichen Raum für alle erfahrbar machen soll. Sehr spannend. Und eine Einladung für alle, sich einmal darauf einzulassen.
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Ganavya Doraiswamy, Foto: Rolf Uhring -
Ganavya Doraiswamy, Foto: Rolf Uhring -
Max Ridley, Foto: Rolf Uhring -
Charles Overton, Foto: Rolf Uhring
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Rolf Uhring
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
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