Impressionen vom Berliner Jazzfest 2021

Subjektive Impressionen vom Berliner Jazzfest 2021 von Cosmo Scharmer für jazz-fun.de

Aki Takase´s Japanic
Aki Takase´s Japanic, Foto: Camille Blake

Nach der letztjährigen Zwangspause - gerade noch vor dem steilen Anstieg der 4. Welle der Pandemie - fand das Jazzfest in einer neuen Location statt. Altdeutscher gesagt: Es gab mehrere neue Spielstätten. Das erhöhte die Neugierde auf die Musik zusätzlich, denn das bisherige Ambiente war doch ziemlich in die Tage gekommen, wirkte altbacken. Also nix wie rein ins Spektakel an neuen Orten.

Das 1. Konzert fand im Pierre Boulez-Saal unter 3-G-Bedingungen statt. Hier werden überwiegend kammermusikalische Konzerte der Klassik angeboten. Entsprechend gut muss die Akustik sein, denn in diesem – ähnlich der „heiligen Philharmonie“ – Saal wird rein akustisch ohne Verstärkung gespielt. Da ist die Neugierde groß, wie die Konzerte der Trios von Bobo Stenson und Vijay Iver wohl klingen würden, die mit ihren Konzerten das Fest eröffneten. Der Saal: mittelgroß in ovaler Form mit aufsteigenden Sitzreihen und das reihum, viel warmes Holz und überhaupt. Alles wirkt edel, erfordert konzentrierte Andacht. Also, gut hören und sehen von allen Seiten, zumindest soll es so sein. Was machen Jazzer, die in der Regel verstärkt und in Front zum Publikum spielen? An diesem Abend wurde das Ambiente einfach ignoriert. Die Trios spielen in gewohnter Weise mit Verstärkung und das akustische Ergebnis war enttäuschend. Die Drums waren jeweils deutlich zu laut, der Bass zu leise und der Klang des Pianos ging so. Der Gruppen-Sound war nur direkt mittig vor der Ausrichtung des Trios einigermaßen gut zu hören. Auf den andern Plätzen war die Musik schlechter wahrzunehmen. Fazit: Veranstalter und auch Weltklasse-Profis sollten sich mit den Bedingungen von rein akustisch zu bespielenden Orten besser vertraut machen. Trotzalledem konnte Bobo Stenson ein akzeptables und das Vijay Iver Trio ein stark beeindruckendes Konzert abliefern.

Der 2. Tag wollte auch mit dem neuen Ambiente von Silent Green locken. Das ist ein ehemaliges Krematorium, das sich in einem Veranstaltungsort verwandelte. Wie mag das angehen? Der Zutritt entsprach den üblichen Kontrollen von 3-G, aber dann wurde es spannend. Über eine lange, mit kleinen Querrinnen versehene Rampe ging in den …. Hades? Ja, so wirkt es: lange tiefverlaufene Rampe, reines unverblümtes Beton allerseits, ungewohnte Atmosphäre grau in grau. Hier fuhren früher die Leichenwagen hinunter, um die ihnen Anvertrauten der Feuerbestattung zu übergeben. Hier soll jetzt Musik, Jazzmusik für akustische Erlebnisse – für Frohsinn und/oder seelische Reinigung - sorgen. Die sonst lästigen Ticketkontrollen haben hier eine bodenständige Wirkung. Alles normal, Einlasskontrolle wie immer und überall. Drinnen nimmt ein mittelgroßer Saal mit mehreren Seitenflügeln und einer mittigen Bühne gefangen. Die Sitzreihen gruppierten sich ebenerdig von 3 Seiten um die Bühne. An den Seitenwänden sind große Displays mit Videos zu sehen, die später den Livestream aus entfernten Teilen der Welt in den Saal von Silent Green zu zaubern haben. Betonsaal, ja so schimpf er sich wirklich.

Akustisch klingt es jetzt nach wilder Jagd: Das große Orchester Elephantine unter Maurice Louca zelebriert eine Musik, die zwischen Jazz und orientalischen Rhythmen wie Harmonien hin und her pendelt. Ein Spektakel, das den Betonsaal zum Zittern, zum Schwingen, zum Oszillieren bringt. Und das mit 2 Trommlern, 2 Bassinstrumenten (Kontrabass & Tuba) nebst den losgelassenen Holzbläsern – Jazz meets the Arabic World, here in Silent Green Betonsaal.

Eine Jazz-Preisverleihung an eine Pianisten ist etwas Besonderes. Und wenn diese wie Aki Takase auch noch aus Berlin kommt, so ist das auf dem Fest hervorragend platziert. Klar, da müssen die Sponsoren und Unterstützer des Preises ihren Beitrag leisten. Auch eine ordentliche Laudatio auf der Bühne gehört einfach dazu. Das Publikum ist geduldig, hört sich alles brav an. Dabei wird die Neugierde auf das, was da kommten mag, ungemein erhöht. Es lohnt sich, denn die absolut virtuos wie frei aufspielende Aki Takase, die alles spielen kann und es auch tut, und ihre handverlesenen Jungs machen Musik der Machart: „da geht dir der Hut hoch und da fällt dir der Bart ab“. Nun, der Refrain stammt noch aus der Pre-Gender-Vorzeit. Aber die Aussage stimmt. Diese Musik bringt den Beton nicht nur zum Schwingen, sondern Beton samt Publikum zum Schmelzen. Und das ist ein angemessener Rahmen für die würdige Albert-Mangelsdorff-Preisträgerin Aki Takase, die Berlin als ihre Heimat gewählt hat.

Das folgende Livestream-Konzert aus Südafrika zeigt allen Anwesenden wie ein eher einfach strukturierter Jazz das Wesentliche bestens zu vermitteln vermag: Das Emotionale und Authentische der Jazzmusik von Bassist Herbie Tsoaeli springt mit afrikanischer Klangfärbung direkt in Ohr und Herz. Und das trotz fehlender physischer Präsenz und dem Vorliebnehmen-Müssen des Displays.

Tag 3. Heute war nur ein Konzert zu ergattern, das des Hannes Zerbe Jazz Orchester. Location: Tief im Westen …, aber nicht in Bochum, sondern im kleinen Sendesaal der rbb (Rundfunk Berlin Brandenburg) in der Masurenallee in Charlottenburg. Hier, wo es noch Westberlin gibt, spielt eine Band, die ihren Ursprung, ihre Geschichte und ihre Besonderheit im fernen Osten der Stadt hat. Denn die Big Band spielt nicht nur klassischen und zeitgenössischen Swing, das tut sie auch, sondern hier sind Themen, Harmonien und Rhythmen von anderen großen Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Dimitri Schostakowitsch und Hans Eisler zu erleben. Ein mittelgroßer, aber sehr hoher Saal, der nicht unbedingt für Konzerte konzipiert war, muss für das Konzert herhalten. In dunklen Brauntönen gehalten hat der Raum etwas Ehrwürdiges, Erhabenes. Ein würdiger Rahmen für die kommende Musik. Der rbb sendet live, ihr Jazz-Moderator Ulf Drechsel stellt alles vor und schon geht es auf Sendung, und die Musik beginnt zu spielen …. Da ist fast alles drin was Jazz ausmacht plus einigen großorchestralen Passagen, die zwar nicht direkt aus den Federn der zuvor genannten Komponisten stammen, aber sehr von ihnen inspiriert sind. Diese Themen präsentiert das Jazz Orchester eindrucksvoll. Wobei – wie Ulf Drechsel zu Beginn anmerkt – der Band Leader oder der Orchesterdirigent Wert auf die Deutsche Aussprache des Wortes Jazz legt. Nun, das prägten damals die echten Jazzer, die Profis, die Enthusiasten. Keine Frage. Hannes Zerbe gehört zu dieser Spezies. Dementsprechend klingt die Musik der Band mit den tollen Improvisationen der Solisten so authentisch wie lebendig. Als besonders Schmankerl gibt es noch die Vertonung von Gedichten, die zeigen wie Lyrik und Jazz überzeugend zu integrieren sind. Aus dem tiefen Osten in den wilden Westen. Das heutige Konzert des Orchesters auf dem Berliner Jazzfest 2021 war überfällig, gut das es stattfand.

Der 4. Tag. Es ist Sonntag. Wieder ist die Location Silent Green auszusteuern, aber diesmal nicht der charmante Betonsaal, sondern die ehrwürdige Kuppelhalle, die früher als Gedenkstätte diente. Kleines Rondell, deshalb auch Maskenpflicht am Platz. Die Sitzreihen im Oval um die Bühne gruppiert. Über allem wölbt sich die Kuppel des ehemaligen Abschieds, die jetzt die Kultur der Lebenden beheimaten will. Dazu ist Musik nötig. Die gibt es auch, aber die will nicht so recht gefallen, will gar nicht begeistern. Das liegt an der Konzeption der Musik, die wenige oder gar keine Absprachen beinhalten und alles dem Zufall, der Willkür und der Beliebigkeit überlässt. Das könnte konzeptionell auch noch durchgehen, aber spielen und zwar zusammen, das sollten sie schon. Und da sollte rhythmisch wie harmonisch so etwas wie Jazz rauskommen, der das Publikum emotional zu packen versteht. Aber Fehlanzeige. Jetzt muss das letzte Konzert alles rausreißen.

Zum Verschnaufen raus, zuvor Bier holen, nach draußen gehen, die Maske vom Gesicht nehmen, sich gut mit dem Kollegen aus Potsdam von der Märkischen Allgemeinen über das Jazzfest unterhalten, dabei ein Bier trinken. Schöne Gelegenheit im angenehmen Ambiente des „Biergartens“. Wieder rein.

Jazz ist jetzt Aufgabe des Trios von Sylvie Courvoisier. Die legen sofort los und lassen keinen Zweifel daran, wesen Geisteskind sie musikalisch sind. Ornette heißt das Thema, das dem Freigeist Ornette Coleman gewidmet ist. Der nächste Song zelebriert einen Boogie Woogie Rhythmus und hat viel vom legendären Night Train des Oscar Peterson. Der geht auch gut ab, aber das richtige Ambiente für den knackigen Rhythmus ist dieser Kuppelsaal eher weniger. Das ändert sich dann, als wieder stärker freie Titel und kurzzeitig wohltönende Balladen gespielt werden. Freie Themen sowie kammermusikalische Stücke verträgt der Raum irgendwie besser als abgehenden rhythmischen Drive. Wer Trio-Piano-Jazz in überwiegend frei ausgestaltender Form liebt, das Spiel einer souveränen, im musikalischen Mittelpunkt stehenden Pianistin, zu schätzen weiß, der findet auch im spirituell anmutenden Kuppelsaal Gefallen an der dargebotenen Musik. Dann ist hier Schluss. Isch over…. Das Jazzfest 2021 wirft nicht seinen Schatten, sondern seinen Schein voraus, hoffentlich wieder in den Räumen von Silent Green mit dem dann jazzgetränkten Charme des Betonsaals.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Camille Blake, Gregor Baron, Roland Owsnitzki

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 4 und 7.