Tag 13 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Abdullah Ibrahim zeigt sich sehr fragil beim Konzert in Ludwigshafen
Die südafrikanische Pianisten-Legende Abdullah Ibrahim im Pfalzbau in Ludwigshafen am 05. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel
Der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim: Farewell für eine Legende
Wenn man eine hochbetagte Legende im Konzertsaal erwartet, hat das immer zwei Seiten. Zum einen ist da dieser tiefe Wunsch, noch einmal verbunden zu sein mit dem, was diesen Künstler ausgemacht hat. Die Verbindung mit einer bedeutenden Vergangenheit und einem musikalischen Reichtum, den er uns geschenkt hat. Zum anderen ist da dieses Gefühl von Unwohlsein, dass man zum Voyeur wird, wenn man also der Darbietung dieses Künstlers in einem sehr fragilen Moment auf der Bühne beiwohnt.
Beides schwingt mit, als ich auf dem Weg zum Pfalzbau in Ludwigshafen zum Konzert von Abdullah Ibrahim bin. Der 91-jährige südafrikanische Pianist ist als Musiker und Komponist ein Gigant. Seine Stücke haben nicht nur in Südafrika Gewicht, wo seine Musik zu Zeiten des weißen Apartheid-Regimes sowohl Innovation als auch Identifikation für die schwarze Bevölkerung bedeutete. Sein Song ”Mannenberg“ wurde zu einer Hymne der Anti-Apartheid-Bewegung. Abdullah Ibrahim, geboren in Kapstadt und bekannt geworden unter dem Namen Dollar Brand, war in den 1960er Jahren ins Exil gegangen. Erst nach Zürich, dann in die USA. Sein großer Mentor war Duke Ellington, er klingt heute noch in seinem Spiel durch. Aber der Reihe nach.
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Pfalzbau, Foto: Sarah Seidel -
Pfalzbau, Foto: Sarah Seidel -
Pfalzbau, Foto: Sarah Seidel
Im beeindruckend großen Pfalzbau in Ludwigshafen, einem Kongress- und Veranstaltungshaus, wird also heute Abend einer meiner persönlichen Helden auf die Bühne kommen. Über viele Jahre hinweg habe ich ihn immer wieder im Konzert erlebt. Ob nun mit seiner Band Ekaya, im Trio, solo oder mit Big Band. Inzwischen liegt mein letztes Konzerterlebnis mit ihm lange zurück.
Es ist fast 20:30 Uhr, als Abdullah Ibrahim endlich erscheint und langsam auf die Bühne und zum Konzertflügel geleitet wird. Er hat zwei weitere Musiker dabei: den Bassisten und Cellisten Cleave Guyton und den Flötisten und Saxofonisten Noah Jackson. Als Ibrahim auf dem Klavierhocker Platz genommen hat, sind erst einmal die Jüngeren an der Reihe. Im Duo Bass-Flöte spielen sie Duke Ellington’s Klassiker ”In A Sentimental Mood“. Die erste Widmung an Ibrahims großen Mentor. Und dann spielt der Bassist solo eine kurze Version von ”Giant Steps“, einem Coltrane-Standard. Der Chef bleibt wie zusammengesunken am Klavier, regungslos. Erst beim nächsten Stück bewegt er sich, legt seine rechte Hand auf die Tasten und beginnt ein paar spärliche Akkorde.
Etwas später kommt dann der Moment, in dem er ein Medley aus seinen eigenen bekannten Kompositionen zum Besten gibt, in ganz bedachtem Tempo. Die Nähe zu seinen Idolen Duke Ellington und Thelonious Monk wird deutlich, er spielt unter anderem den Monk-Standard ”Monk’s Mood“. Zwischendrin gibt es Passagen seiner beiden Mitmusiker, die Bass und Piccolo-Flöte im Duett spielen oder Cello und Klarinette, zwei Instrumente, die mich an Aufnahmen von Eric Dolphy von Anfang der 1960er Jahre erinnern.
Das Spärliche, das wir von Abdullah Ibrahim an diesem Abend hören, trägt den Spirit der südafrikanischen Kirche in sich, es erinnert mich an alte Choräle. Es hat den Blues und die musikalische Tradition der Townships. Aber der Pianist wirkt sehr müde. Gegen Ende seines Auftritts nimmt der Meister ein beschriebenes Blatt Papier in die Hand, singt eine gebrochene Melodie und liest ein Gedicht ab. In diesem Moment erscheint er mir wie ein alter Held, der die Fackel an seine Nachfolger weitergibt. Und dann ist das Konzert vorbei, die Mitmusiker werden nicht mehr vorgestellt. Der Pianist selbst wird mit Unterstützung aufgerichtet, die Mitmusiker kommen auf seine Seite. Eine Verbeugung noch. Dann war es das.
Hier hat sich eine Legende noch einmal einem Publikum präsentiert, das ihn jahrzehntelang verehrt hat. Natürlich hat das immer noch eine Aura, allerdings ohne die Kraft aus früheren Zeiten.
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Abdullah Ibrahim Trio, Foto: Axel Hildebrandt -
Abdullah Ibrahim Trio, Foto: Axel Hildebrandt -
Abdullah Ibrahim Trio, Foto: Axel Hildebrandt -
Abdullah Ibrahim Trio, Foto: Axel Hildebrandt -
Abdullah Ibrahim Trio, Foto: Axel Hildebrandt -
Abdullah Ibrahim Trio, Foto: Axel Hildebrandt
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Axel Hildebrandt
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
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