Tag 8 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Sängerin Dee Dee Bridgewater zeigt Haltung
Die US-Sängerin Dee Dee Bridgewater mit rein weiblich besetztem Quartett im BASF-Feierabendhaus Ludwigshafen am 31. Oktober 2025.
Ein Review von Sarah Seidel
Dee Dee Bridgewater beim Enjoy Jazz 2025 – Haltung, Energie und musikalischer Protest
Ein viertes Enjoy Jazz-Konzert in Ludwigshafen während meiner Zeit als Writer in Residence. Nachdem ich in den vergangenen Tagen das BASF-Gesellschaftshaus und die Friedenskirche erlebt habe, steht nun als dritte Location das BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen auf dem Programm. Bis zu 1.300 Zuhörer finden hier Platz. Und das Konzert selbst?
Dee Dee Bridgewater ist ein Powerhouse, das weiß man. Wo sie ihre Runden dreht, bleibt niemand unberührt. Dee Dee Bridgewater nimmt ihr Publikum im BASF-Feierabendhaus im Sturm. Wie immer stylish: grauer Designer-Hosenanzug, lange Perlenkette, prägnante, schwarze Brille. Dee Dee Bridgewater zeigt Haltung. Nicht nur als Frau, die mit drei weiteren Frauen auf die Bühne kommt und mehrfach betont ”We exist“, „Wir Frauen existieren“. Ihr junges Quartett ist an diesem Abend mit der Pianistin Carmen Staaf, der Bassistin Rosa Brunello und der Schlagzeugerin Julie Saury besetzt. Seit dem Sommer touren sie zusammen in Europa. Damit allein ist es aber nicht getan. Dee Dee Bridgewater kommt auch als Botschafterin einer Nation zu uns, in der sich allerorten ein lang vermisster Widerstand regt: ”We, the people“, „Wir, das Volk“.
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Halloween, Foto: Sarah Seidel -
BASF Feierabendhaus Foyer, Foto: Sarah Seidel -
BASF Feierabendhaus Konzertsaal, Foto: Sarah Seidel
Kerzengerade steht Dee Dee Bridgwater auf der Bühne und wendet sich direkt ihrem Publikum zu: „The world is in an uproar“, die Welt ist in Aufruhr. Und so geht es an diesem Abend eigentlich nur um eines: Ihren musikalischen Protest gegen die akuten Gesellschaftskrisen in Amerika und anderswo.
Das Programm blättert sich entsprechend auf: Soul- und Rhythm & Blues-Songs aus den 1960er Jahren, aus der Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Interpreten und Songschreiber wie Percy Mayfield, Billy Taylor, Gene McDaniels und Donny Hathaway und natürlich Nina Simone. Von ihr hat sich Dee Dee Bridgewater ”Mississippi Goddam“ ausgesucht und verkörpert deren innere Haltung auf der Bühne mit Nachdruck. Der Song wurde von Simone als Reaktion auf die rassistisch motivierten Morde im Amerika der 1950er und 60er Jahre geschrieben, auch als Reaktion auf das Bombenattentat, bei dem in Birmingham, Alabama, im September 1963 vier kleine afroamerikanische Mädchen ums Leben gekommen waren.
„I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free“ – noch so ein durch Nina Simone bekannt gewordener Song, ursprünglich geschrieben von Billy Taylor. ”Tryin’ Times“, geschrieben von Donny Hathaway und Leroy Hutson, 1969 bekannt geworden in der Version von Roberta Flack. ”Compared to What“ – Eddie Harris und Les McCann nahmen diesen Song 1969 in Montreux live auf, er erschien später auf dem berühmten Album ”Swiss Movement“. ”Compared to What“ ist heute Abend eine der Zugaben. So wie dieses kommen sämtliche Stücke mit einer klaren Botschaft an.
Bridgewater bewegt sich auf der Bühne mit viel Eleganz und Drive. Ich kann kaum glauben, dass sie in diesem Jahr 75 geworden ist. Zwei Lieblingsmomente habe ich an diesem Abend: Als hätte der Song in der Luft gelegen, singt Dee Dee Bridgewater ”Throw it Away“ von Abbey Lincoln. Am Tag meiner Ankunft beim Enjoy Jazz in Heidelberg war er mir in den Sinn gekommen. Die beiden Sängerinnen hatten sich gekannt, erzählt Bridgewater, Abbey Lincoln ist 2010 gestorben. Lange habe sie sich nicht an diesen Song herangetraut, gibt sie zu. Sie habe bis hierher gebraucht, am Ende doch damit auf die Bühne zu kommen. Im Konzert hört man sie dann mit der Liedzeile ”You can never lose a thing, if it belongs to you“. Sie lässt das Publikum die Worte mitsingen. Lieblingsmoment Nummer eins, der zweite folgt ganz am Schluss.
Ludwigshafen ist völlig aus dem Häuschen. Dee Dee Bridgewater kommt nach zwei Zugaben noch einmal zurück auf die Bühne und singt ganz allein mehrere Strophen der Hymne ”Amazing Grace“. Das war’s. Nur noch einmal kurz mit ihrem hellen, flauschigen Hund im Arm zur Verbeugung, ein Dankeschön von ihr ans Publikum und Abgang.
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Manfred Rinderspacher, Christian Gaier
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
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