Tag 7 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Tania Giannouli und Nils Petter Molvaer mit einer Live-Premiere

Trompeter Nils Petter Molvaer und Pianistin Tania Giannouli im Konzert in der Friedenskirche in Ludwigshafen am 30. Oktober 2025.
Ein Review von Sarah Seidel

Das Duo von Tania Giannouli und Nils Petter Molvaer mit meditativen Klängen im sakralen Klangraum

Nach einer mehr als einstündigen Fahrt und einem Stau vor, auf und hinter der Brücke Mannheim-Ludwigshafen kommen wir als kleine Gruppe mit dem Festival-Team in Dunkelheit bei der Friedenskirche in Ludwigshafen an. Der Rundbau aus den 1930er Jahren, der nach Zerstörungen im Krieg in den 1950er Jahren neu aufgebaut wurde, spricht mich an. Ich kann gut etwas mit der strengen Architektur und der Gestaltung der Fensterflächen anfangen. Man muss eine halbrund geschwungene Treppe nehmen, um nach oben in den Kirchensaal zu gelangen. Oben ist der Raum schon gut gefüllt, wir blicken frontal auf ein Wandbild mit Christus am Kreuz, von Strahlern violett und grün beleuchtet. Davor der Konzertflügel und daneben ein Stuhl, ein Tisch mit aufgeklapptem Computer und Kabeln, auf dem Boden die Sound-Pedale von Nils Petter Molvaer.

Tania Giannouli und Nils Petter Molvaer
Tania Giannouli und Nils Petter Molvaer, Foto: Manfred Rinderspacher

Festivalmacher Rainer Kern richtet das Wort kurz vor Konzertbeginn an seine „Gemeinde“ und kündigt die Premiere des Duos an, das gleich den Raum mit Klang füllen wird. Er erzählt kurz die Entstehungsgeschichte dieser künstlerischen Zusammenarbeit, die sich als Kontinuum aus vergangenen Enjoy Jazz-Ausgaben entwickelt hat. Nils Petter Molvaer hatte Tania Giannouli während eines der letzten Enjoy Jazz Festivals bei einem Abendessen kennengelernt und war interessiert daran, einmal mit ihr im Duo beim Festival aufzutreten. Ja, und wer ein intuitiver Festivalleiter ist, wird eine Künstler-Idee, die gut und machbar erscheint, immer unterstützen. So wie Rainer Kern es hier getan hat.

In der Friedenskirche Ludwigshafen nun also die Premiere. Mikrofone am Klavier und im Raum verraten, dass heute Abend mitgeschnitten wird. Der Radiosender SWR Kultur ist mit an Bord und wird das Konzert zu einem späteren Zeitpunkt ausstrahlen. Wir können uns jetzt schon jetzt darüber freuen, dass dieses Ereignis als Tondokument festgehalten wurde und als solches zukünftig zur Verfügung steht.

Tania Giannouli hat den Konzertflügel mit Knetgummi, Magneten, Kugeln, Klöppeln und vielen anderen Gegenständen präpariert. Sie geht ihren Part perkussiv an. Nils Petter Molvaer ist auf der elektronisch verfremdeten Trompete mit Harmonizer und Hall ihr Counterpart. Räumliche Tiefe, in warmes Licht getaucht. Die beiden machen während ihres Konzerts keine Ansagen, lassen aber zwischen den Stücken Raum für Applaus.

Ruhig und meditativ ist jetzt die Stimmung im Kirchenraum. Momente, in denen ich das Gefühl habe, dass Eisschollen in Zeitlupentempo an mir vorbeiziehen, mit diesem leisen Grundrauschen am Ohr, das deren Bewegung begleitet. Gegen die von Hall umwehten Trompetentöne von Nils Petter Molvaer trommeln repetitiv die angerissenen Saiten des Flügels, überwiegend am tieferen Ende der Klangskala. Manchmal, und da bediene ich mich eines Klischees, hört sich das an wie eine mediterrane Zither. Giannouli greift mit der linken Hand auf und in die Saiten, schlägt mit der rechten die Tasten an. Sie verändert laufend die Gegenstände im Resonanzraum des Klaviers, verändert die Art der Tonerzeugung.

Mehr und mehr versetzt mich all das in einen Zustand der inneren Reflektion. Eine Transformation, die im Konzertsaal über den Verlauf von gut 75 Minuten stattfindet. Ein letztes Stück beginnt Tania Giannouli als eine Art Volkslied und biegt dann ab zu klassischen Tönen, die an Johann Sebastian Bach erinnern. Nils Petter Molvaer stimmt mit ein, dieses Mal hört man seine Trompete pur und nicht verfremdet. Schließlich ist der letzte leise Ton verklungen. Die beiden stehen auf und verbeugen sich. Ist diese Premiere wirklich schon vorbei? Das eben noch in Stille versunkene Publikum will es nicht dabei belassen und fordert am Ende drei Zugaben von Tania Giannouli und Nils Petter Molvaer, die sich ganz offenbar gesucht und gefunden haben.

Das ausführliche Interview mit Tania Giannouli und Nils Petter Molvaer, das Sarah Seidel nach dem Soundcheck in der Friedenskirche in Ludwigshafen geführt hat, erscheint demnächst hier auf jazz-fun.de – ein spannendes Gespräch über Klang, Intuition und musikalische Begegnungen.

Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Manfred Rinderspacher, Christian Gaier

Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
Alle Artikel, Interviews und Fotostrecken zum Festival finden Sie auf www.jazz-fun.de

Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025

Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.

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Kommentar von Christiane Böhnke-Geisse |

Ein überaus sachkundige und lebendige Berichterstattung von Sarah Seidel, mit persönlicher Note, über die Konzert beim Enjoy Jazz Festival 2025. Danke! Das bewegt mit nun dazu Mitglied bei Jazz-Fun zu werden.

Was ist die Summe aus 4 und 8?