Tag 15 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Der Produzent und Bassist Adrian Younge präsentiert mit ”Jazz Is Dead“ eine Label-Nacht im Heidelberg Congress Center

Die Labelnacht ”Jazz Is Dead“ im Heidelberg Congress Center am 07. November 2025.
Ein Review von Sarah Seidel

Label-Nacht ”Jazz Is Dead“ beim Enjoy Jazz: Glanz der Jazzlegende Gary Bartz, Grammy-nominierter Neo-Soul mit Bilal und L.A. Retro-Sound mit Adrian Younge

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. So auch die ”Jazz Is Dead“-Label-Nacht mit Mastermind Adrian Younge, der in L.A. zuhause ist. In Heidelberg rund um den Bahnhof und im Innenstadtbereich weisen Plakate mit großen weißen Lettern auf schwarzem Grund auf das Ereignis hin, das heute Abend im Congress Center Heidelberg über die Bühne gehen wird: ”Jazz Is Dead“ – ein dreiteiliges Konzert mit großer musikalischer Spannbreite. Der Name ist provokant und plakativ zugleich. Damit kann man Aufmerksamkeit gewinnen. Die gute Nachricht: Beim Enjoy Jazz in Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen, Schwetzingen und Neustadt konnte ich in den vergangenen 14 Tagen erleben, dass der Jazz alles andere als tot ist. Er ist vital, wird in allen Altersklassen gespielt, ist divers und multikulturell, ist sowohl fragil als auch kraftvoll. Jazz hat auch in der heutigen Zeit eine Botschaft: die von Menschlichkeit, Respekt und Toleranz.

Nachmittags ist ein Interview mit dem 85-jährigen Saxofonisten Gary Bartz geplant, der schon seit sechs Jahrzehnten in der US-Jazz-Szene mitmischt, in den 1960er Jahren mit Art Blakey, Max Roach und Charles Mingus auf der Bühne stand und noch immer weiter aktiv ist. Er arbeitet viel mit jüngeren Musikern, im September 2025 ist sein neues Album ”The Eternal Tenure Of Sound: Damage Control“ erschienen. Ihn sprechen zu dürfen ist ein Geschenk für mich. Es bedeutet, die Verbindung zur Jazz-Tradition aufzunehmen, die mit den Altvorderen. Aus seinen Worten zu lernen, das wäre mein Wunsch.

Und wie es manchmal so ist: das angekündigte Interview wird auf 12 Uhr vorgezogen. Also schnell die Sachen gepackt und aufgemacht zum Atlantic Hotel. Dort logiert Gary Bartz, solange er in Heidelberg ist. In der Lobby angekommen, sitzt Adrian Younge in einem der Sofas. Unverkennbar stylish mit Kappe, Sonnenbrille, gemustertem Schal und Tweed-Jackett. Ein Fall für ein Mode-Shooting. Wie gut: Er ist für ein Foto bereit, dann verlässt er grüßend die Lobby. Ich checke meine Mails: Das Interview findet nun doch erst am Nachmittag statt. Die Managerin hat mir geschrieben, dass Gary Bartz sich jetzt erst einmal ausruhen muss. In diesem Moment kommt eine junge Frau aus dem Lift, die Gary Bartz wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ich spreche sie an und tatsächlich ist es seine Tochter, die ihn auf Tour begleitet. Eine überaus freundliche Person, mit der ich gerne noch ein paar Minuten spreche, damit sie weiß, wer da später zu ihrem Vater ins Interview kommt.

Nachmittags geht es ein zweites Mal zum Hotel. Mit Enjoy Jazz-Social Media-Profi Elisabeth Samura habe ich mich kurz vor dem Interview mit Gary Bartz verabredet, sie hat in der Bar im 15. Stock schon die Kameras aufgebaut und unterstützt mich. Wenn mir nicht zwischendrin mein iPhone abhandengekommen wäre, wäre ich völlig entspannt, aber so wird es hektisch. Glücklicherweise findet es sich wieder an. Dann erscheint ein total entspannter Gary Bartz mit seiner Tochter und lässt mich so fühlen, als wären wir schon lange miteinander bekannt. Wie wohltuend. Unser Gespräch wird als Video-Interview zu einem späteren Zeitpunkt bei jazz-fun.de erscheinen. Nach dem Talk wartet schon der Fotograf Arne Reimer aus Leipzig. Er holt Gary Bartz für eine Foto-Session ab, die im Foyer des Konzertsaals stattfindet.

Es wird eine lange Nacht. Konzertbeginn im Congress Center Heidelberg ist 20 Uhr, das erste von drei Sets bestreitet Gary Bartz. Er kommt auf die Bühne mit seinem Quartett, in dem der Pianist Barney McAll, der Bassist Matt Pavolka und der Schlagzeuger Elé Howell spielen. Gary Bartz ist eine Erscheinung. Er trägt ein silberglitzerndes Jackett mit schwarzem Revers, ein weißes Hemd darunter, eine weiße Hose. Der Mann weiß extrem gut, sich für die Bühne zu kleiden. Und was er in der nächsten Stunde mit seinen Mitmusikern präsentiert, ist pure Freude.

Sie beginnen mit einer kurzen Widmung an den im Oktober verstorbenen Soulsänger D’Angelo. Dann geht es über in eine Blues-Passage. Gary Bartz proklamiert: ”Evil must leave this room, bad thoughts, leave this room!“ Dann geht es in einer Art Retrospektive durch seine Karriere – durch seine eigene Musik und durch die Musik, die ihn geprägt hat. Darunter ”When You Dream“ von Wayne Shorter, ”You Must Believe In Spring” von Michel Legrand oder ”Bu’s Delight“ von Curtis Fuller. Die Stücke fließen ineinander, da wird ein Swing-Feeling von Latin Jazz oder einem Soul-Groove abgelöst. Bartz nimmt immer mal wieder das Mikrofon und singt, so wie bei seinem Klassiker ”I’ve Known Rivers”. Dabei wechselt der sehr gut aufgelegte Pianist Barney McAll vom Klavier zum Fender Rhodes und wieder zurück, jeder Musiker bekommt seinen Spot, aber der Chef ist in jedem Moment präsent. Bartz spielt noch seine Songs ”Precious Energy“ und ”The Song Of Loving Kindness“ und dann, nach ca. einer Stunde ist Schluss. Wie schade, dass man von dieser erfüllenden Musik nicht noch ein zweites Set hat hören können. Dieses Konzert wird mir in bester Erinnerung bleiben. Klar, dass man kollegial den anderen beiden Bands des Abends die Bühne überlässt, sonst wird es einfach zu spät.

Pause. Im Foyer stehen die Zuhörer an, um sich eine Brezel oder etwas zu trinken zu organisieren. Leider gibt es viel zu wenige Anlaufstellen, die Schlangen sind einfach zu lang. Die Kehle wird trocken, aber das Schicksal teile ich mit fast allen anderen. Am Ende doch noch versorgt, geht es in die nächste zweite Runde von ”Jazz Is Dead“. Der Neo-Soul-Sänger Bilal hat jetzt eine Stunde Zeit, um sein Publikum zu gewinnen und das tut er auch. Heute hat er erfahren, dass er mit seinem Album ”Adjust Brightness“ für den Grammy nominiert ist. In der Kategorie »Best Progressive R&B Album“. Ein Sänger mit einer Stimme, die das ganze Spektrum vom Flüstern bis zum Schrei abdeckt, die von tief unten kommt und ganz weit hoch ins Falsett geht. Eine Stimme, in der man die Soul-Tradition von Vorläufern wie Curtis Mayfield und Prince, aber auch D’Angelo hört. Begleitet wird er von Bass, Gitarre und Schlagzeug. Breakbeats, Drum & Bass, Progressive Rock. Das kommt gut an. Für dieses Konzert wäre der Saal unbestuhlt wahrscheinlich besser gewesen, aber die Menge der Zuhörer bewegt sich jetzt viel am Rand der Stuhlreihen und tanzt. Und da sehe ich in den hinteren Sitzreihen Gary Bartz und seine Tochter sitzen, die Bilal bis zum Schluss zuhören.

Ein letztes Mal Pause und Umbau. Jetzt noch der Meister aus L.A.: Produzent und Bassist Adrian Younge betritt mit seiner Band die Bühne. Dabei hat er zwei Streicherinnen, eine Trompeterin und eine Saxofonistin. Schlagzeug, Gitarre und Keyboard. Damit kann man Sound kreieren. Fläche legen. Groove entfalten. Und wieder ist da dieser Style, der einfach Eindruck macht. Wir gehen klanglich in die Zeit Anfang der 1970er Jahre, nach Los Angeles und zu den Film-Soundtracks der damaligen Zeit. Da werden Erinnerungen wach an Blaxploitation-Filme und an Serien, die damals populär waren. Adrian Younge zitiert diesen Sound nicht nur, bei ihm geht das zusammen mit Neo-Soul und Deep Grooves von heute. Ein Sänger erscheint nun auf der Bühne und erinnert mich stimmlich sehr an Curtis Mayfield. Allerdings muss ich jetzt passen. Es ist kurz vor 24 Uhr, meine Kräfte gehen aus. Ich mache mich auf den Weg. Draußen im Foyer treffe ich noch Tina Edwards, die im Foyer rund um diesen ”Jazz Is Dead“-Abend aufgelegt hat, sowie den bestens aufgelegten Festival-Chef und sein ganzes Team. Jeder macht hier die letzten Handgriffe. Es war ein voller, ein erlebnisreicher Tag mit einigen Highlights.

Das Video-Interview mit Gary Bartz, geführt von Sarah Seidel, wird demnächst auf www.jazz-fun.de veröffentlicht. Darin spricht die Jazzlegende über sein neues Album „The Eternal Tenure Of Sound: Damage Control“, über seine Zusammenarbeit mit jungen Musiker:innen und über den Spirit des modernen Jazz.

Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Elisabeth Samura, Rainer Ortag

Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
Alle Artikel, Interviews und Fotostrecken zum Festival finden Sie auf www.jazz-fun.de

Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025

Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.

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Kommentar von Dr. Frank Steinhardt |

Der Bericht von Sarah Seidel über Gary Bartz war großartig und zeigt wieder die Kenntnisse und Freundlichkeiten dieser Jazz Autorin.
Grüße an Sarah in Erinnerung an
frühere Kommunikationen

Frank Steinhardt

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