Ein Konzert von überwältigender Intensität: Das James Brandon Lewis Quartet begeistert beim Enjoy Jazz Festival 2025 im Karlstorbahnhof Heidelberg

James Brandon Lewis Quartet beim Enjoy Jazz Festival am 24. Oktober 2025 im Karlstorbahnhof Heidelberg – ein Konzert voller Energie und Intensität. Spiritual Jazz, der das Publikum begeisterte.
Ein Review von Sarah Seidel

Erster Tag als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Anreise aus Hamburg & Konzert von James Brandon Lewis im Karlstorbahnhof

Freitag, 24. Oktober 2025

Wind, der aus dem Norden bläst
Der Herbststurm Joshua fegt über den Norden – was für mich am Tag meiner Anreise von Hamburg nach Heidelberg zum Enjoy Jazz ein ausgewachsenes Bahn-Debakel hätte werden können, verläuft am Ende glimpflich. Immerhin werde ich in Heidelberg in der zweiten Festivalhälfte als Writer in Residence erwartet, da möchte ich ganz gerne pünktlich ankommen. Es steht eine Premiere an, nicht nur für mich, sondern auch für das Festival: 14 Tage und Nächte unterwegs im Dreieck zwischen Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen. Entsprechend viele Motive, die ich fotografisch und filmisch einfangen und betexten möchte. Eine Menge Musik, Begegnungen, Entdeckungen. Das Spiel und die Improvisation mit dem Unbekannten. Und mit einer Überraschung geht’s gleich schon in Hamburg los. Der Fahrplan etlicher Züge am Hauptbahnhof ist durcheinandergewirbelt, mein ICE fährt mit halbstündiger Verspätung los. Nochmal Glück gehabt, er fällt immerhin nicht aus wie etliche andere Züge in der Region. Schon am Bahnsteig die erste erfreuliche Begegnung: Der junge Jazzsänger Atrin Madani steht vor mir und grüßt mich, eigentlich ist er in Berlin beheimatet. Heute Vormittag fährt er zu einem Fotoshooting nach Hannover, die ersten anderthalb Stunden meiner Fahrt Richtung Süden werden also gemeinsam im Bordrestaurant des ICE bei einem Kaffee verquatscht. Wir verabschieden uns am Bahnhof der niedersächsischen Hauptstadt.

Nachmittags komme ich schließlich am Heidelberger Hauptbahnhof an, wo ich das erste große Enjoy Jazz-Plakat bemerke. Darauf Brandee Younger, die strahlend schön im kurzen, gemusterten Kleid und auf neongrünen High Heels vor ihrer Harfe posierend großflächig für das Festival wirbt. Dann in der Bahnhofspassage auf einer Werbetafel die Anspielung auf einen alten Schlager mit der Frage: „Sie haben Ihr Herz in Heidelberg verloren?“ Da fällt mir, schließlich komme ich vom Jazz, eine Liedzeile aus Abbey Lincolns Song ”Throw It Away“ ein. Darin heißt es: ”And keep your hand wide open, and let the sun shine through, ’cause you can never lose a thing, if fit belongs to you“. Mach die Hand weit auf, lass die Sonne durchscheinen, denn Du kannst nichts verlieren, das zu Dir gehört. Großartiger Song einer großartigen Frau.

Jetzt aber raus aus dem Bahnhofsbereich. Draußen auf meinem Weg zum Enjoy Jazz Headquarter überquere ich die Straße bei den Straßenbahnstationen. Es tauchen immer mal wieder kleinere Festivalplakate auf, offenbar huldigt eine ganze Stadt dem Jazz. Im Festival-Büro auf der vierten Etage der ehemaligen Tabakfabrik dann das erste persönliche Hallo mit Festivalmacher Rainer Kern und seinem gesamten Team, hochmotivierte, junge Musikassoziierte mit großem Organisationstalent. Ich bekomme ein kurzes Briefing und mache mich dann mitsamt meinem schweren Koffer auf in die Straßenbahn und weiter zu meinem Hotel. Weit sind die Strecken nicht.

Um 19 Uhr geht es für mich in Richtung Karlstorbahnhof. Mein erstes Enjoy Jazz- Konzert überhaupt. Nur ein paar Meter von meinem Hotel entfernt fährt der Bus ab, die Linie 29. Auf der Fahrt bemerke ich, dass die für mich relevante Haltestelle am Marlene-Dietrich-Platz nicht angefahren wird. Ich bin verunsichert. Wo muss ich hin?

Ich frage ein paar freundliche Menschen neben mir. Erste Frage, die sie mir stellen: „Sie wollen zum Enjoy Jazz? Wir sind auch auf dem Weg zum Karlstorbahnhof!“ Jazzfreunde erkennen sich. Wieder Glück gehabt. Ich bin froh, Ortskundige und mit ihnen gleichzeitig Festivalbesucher getroffen zu haben, steige an der Saarstraße mit ihnen aus dem Bus und schließe mich der Gruppe bis zum Karlstorbahnhof an. Ich lerne, dass es in Heidelberg zwei Karlstorbahnhöfe gibt, den alten und den neuen.

Heute Abend geht’s zum neuen, der nur ein paar Meter von der Saarstraße entfernt hinter der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg liegt. Die großen Fensterflächen des modernen Baus sind hell erleuchtet, im Inneren buntes Treiben. An der Kasse treffe ich ein paar der Kolleginnen und Kollegen aus dem Festival-Team, es ist viel los. Ich nehme ein Programmheft vom Stapel, Cover Girl ist Sängerin Dee Dee Bridgewater. Jetzt hole ich mir noch ein Getränk und einen Snack am Tresen des Foyers und bereite mich innerlich auf das Konzert vor. Es wird gerade noch Loungemusik gespielt, nicht zu laut, alles angenehm konsumierbar.

Musik, die aus der Tiefe kommt

Kurz vor 20 Uhr, mein Platz ist gefunden, der Konzertsaal des Karlstorbahnhofs ist inzwischen sehr gut gefüllt. In der Reihe hinter mir wird über den jetzt auftretenden Künstler gefachsimpelt und über weitere Festival-Acts, die noch kommen werden. Da unterhalten sich Kenner des Festivals.

Nun aber tritt Festival-Impresario Rainer Kern für die Ansage der Band auf die Bühne. Er rückt den Saxofonisten James Brandon Lewis, der gleich sein Quartett präsentieren wird, in die Nähe der Saxofon-Giganten John Coltrane, Pharoah Sanders und Sonny Rollins. Sanders und Rollins seien in der Vergangenheit schon zu Gast beim Enjoy Jazz gewesen, erwähnt Kern. James Brandon Lewis, dessen Trio-Alben mit Bass und Schlagzeug ich ganz gut kenne, habe ich vorher noch nie live gehört. Und er macht keine Gefangenen. Kommt auf die Bühne, ohne Ansage. Musik von Null auf Hundert. Das, was wir Zuhörer die nächsten eineinhalb Stunden erleben, ist kompromisslos, authentisch und traditionsbewusst.

Der Tenorist beschwört den Geist der Altvorderen, den modalen Spiritual Jazz der großen, alten Jazz-Heroen, entfesselt aber mit seinem Sound die Gegenwart. Das alles kommt mit einer Intensität, die schon fast wehtut. Ich fühle mich durch die Wucht seines Sounds in den Sitz gedrückt und auch wieder befreit, wenn sie nachlässt. Nach den Stücken entlädt das Publikum die Spannung in Beifallsbekundungen und Applaus. James Brandon Lewis hat eine Choreografie, in der er eine heftige Dynamik mit balladesken Stücken kontrastiert und sie damit abmildert. Er fordert und gibt gleichermaßen. Hypnotisierend und faszinierend. Da stehen bei seinen Stücken erst kurze Themen im Raum, rhythmisch fantastisch befeuert vom kubanischen Pianisten Aruan Ortiz, dem Bassisten Brad Jones und dem Schlagzeuger Chad Taylor.

Seit sechs Jahren ist dieses Quartett ein Team. Musiker, die wie ein Räderwerk zusammengreifen und sich zusammen wie Bergarbeiter ins Erdreich graben. James Brandon Lewis, der auch zwischen den Stücken keine Ansagen macht, konzentriert sich auf sein Instrument, auf seine Mitmusiker, auf die Atmosphäre. Immer ekstatischer geht er mit geschlossenen Augen in das Material rein, wiegt sich im Spiel, bricht die anfänglich melodischen Themen auf, wird freier, der Ton fast schreiend. Er spürt den Rhythmus, variiert den Sound, breitet sich auf den repetitiven Rhythmen seiner Kollegen aus, immer weiter in Richtung Trance.

In dieser Musik liegt eine unglaubliche Tiefe. Der aus Buffalo stammende Musiker war eine Zeit lang in der Gospelszene von Colorado aktiv. Den Spirit der Kirche nimmt er mit in den Konzertraum. Das Publikum ist am Schluss begeistert und fordert eine Zugabe. Großes Kino für mich, ein wunderbares Geschenk gleich zum Auftakt meines 14-tägigen Aufenthalts beim Enjoy Jazz Festival. Nach diesem Konzert liegt die musikalische Latte hoch.

Ich kann James Brandon Lewis nach dem Konzert – da hat er im Foyer für die Fans gerade etliche CDs signiert – noch ein Statement abringen, zu seiner Rolle als Musiker in den heutigen Zeiten. Auch da hält er sich eher kurz: echt will er sein, authentisch, er will sich als Mensch und Künstler selbst offenbaren. Vielen Dank für den heutigen Abend, Mr. Lewis!

James-Brandon Lewis Quartet
James-Brandon Lewis Quartet, Foto: Sarah Seidel

Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Wilfried Heckmann, Rudolf Uhrig

Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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