Dritter Tag als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Ein Sonntagsbummel durch die Hauptstraße der Heidelberger Altstadt und eine Lightshow mit dem französischen Akkordeonisten Vincent Peirani

Vincent Peirani & Living Being im Karlstorbahnhof Heidelberg am 26. Oktober 2025.
Ein Review von Sarah Seidel

Ein Sonntagsbummel durch die Hauptstraße der Heidelberger Altstadt

Heidelberg
Heidelberg; Foto: Sarah Seidel

Das Licht macht die Musik … nicht nur für Fotografen. Bei der Ausschau nach einem schönen Motiv ist es ein Geschenk, wenn das Wetter gnädig ist und die Sonne hinter den herbstlichen Wolken erscheint. Am Sonntag bin ich ein zweites Mal unterwegs auf der Hauptstraße in der Heidelberger Altstadt. Der Himmel bietet heute ein grandioses Farbspiel. Dunkelgraue Wolken, hinter denen es knallblau aufleuchtet und die Sonnenstrahlen wunderschöne Spotlights auf die Dächer und Giebel der alten Gebäude werfen. Sonnenstrahlen, die die Farben erst richtig strahlen lassen. Viel Licht auf den Kirchen und deren Türmen, auf den Brücken und auf der Ruine des Heidelberger Schlosses, vor 400 Jahren Residenz der Pfalzgrafen und Kurfürsten aus dem Haus der Wittelsbacher.

Die Blätter der Bäume sind teils noch grün, teils schon gelb-rot eingefärbt, und wer auch nur einen zarten Hang zur Romantik hat, wird bei diesem Anblick schwach. Ich gehe vorbei an Museen und historischen Studentenlokalen bis ans Ende der Hauptstraße, irgendwann geht’s nicht mehr weiter. Jetzt möchte ich noch einmal umdrehen und zur Alten Brücke, oder besser gesagt, zur Karl-Theodor-Brücke, die sich in rötlichen Bögen über den Neckar spannt. Ich habe zwischendurch vergessen: Es ist Sonntag, Touristenströme bahnen sich stetig ihren Weg durch die Gassen, jeder macht hier seine Fotos, so wie ich auch.

Auf der Brücke angekommen wird mir bewusst, wie sehr es die eigenen Erwartungen an einen Ort enttäuscht, wenn jeder Quadratzentimeter von tausenden Menschen gleichzeitig frequentiert und fotografiert wird. Der Weg bis zur Brücke war schön, aber jetzt bin ich mitten im Gedränge derer, die ihre Selfies machen, ohne die Umgebung zu würdigen. Ich muss daran denken, was mir der junge Trompeter Jakob Bänsch neulich im Interview gesagt hat und was mir seither immer wieder durch den Kopf geht: „Suchen ist das neue Finden“. Hier, bei der Entwertung der Motive durch inflationäres Fotografieren, bewahrheitet sich das. Das Gefundene war viel weniger schön als das Gesuchte. Und dennoch freue ich mich über die Erinnerungen an diesen Tag, die in meiner Fotosammlung verbleiben.

Eine Lightshow beim Konzert von Vincent Peirani und seiner Band Living Being

Auch am Sonntagabend ist Licht ein Thema. Ich bin inzwischen ein zweites Mal im Karlstorbahnhof Heidelberg. Beim ersten Blick in den Konzertsaal bemerke ich Bühnennebel, das Konzert von Vincent Peirani und Living Being hat noch nicht angefangen.

Den 45-jährigen französischen Akkordeonvirtuosen habe ich schon sehr oft in unterschiedlichsten Besetzungen erlebt, meist mit seinem langjährigen Bühnenpartner Émile Parisien, den er seit seinem fünften Lebensjahr kennt. 40 Jahre Freundschaft, das betont Vincent Peirani nach dem Konzert gegenüber einem Besucher, der sich von ihm die neue Platte Living Being IV: Time Reflections signieren lässt. Auch mit den anderen Mitgliedern dieser Formation gibt es langjährige Verbindungen, die erste gemeinsame Platte erschien 2015. Das meiste von all dem ist Jazz und Jazz-Rock mit Ecken und Kanten. Trotz eingängiger Melodien hat Peiranis Musik nicht Süßliches und öffnet sich einem größeren improvisatorischen Spielraum.

Wie es immer so ist: Künstler bleiben nicht stehen, werden bekannter, heimsen Preise ein und erreichen am Ende eine wachsende Fangemeinde. Die Bühnen werden größer, der Sound auch. Peiranis Performance beim Enjoy Jazz Festival ist absolut festivaltauglich, sie geht mit besagtem Bühnennebel und einer Lightshow einher. Der Abend bewegt sich zwischen Pop, Jazz-Rock, Ambient und Dub und mündet in ein Medley, in dem unter anderem der Song Under Pressure von Queen und David Bowie anklingt. Der Sound in der Halle – das muss hier einmal nebenbei erwähnt werden – ist den ganzen Abend über nach meinem Geschmack, nichts ist zu laut, nichts nervt. Die Tontechniker machen einen super Job, finde ich. Ja, und Vincent Peirani, der mit dem Akkordeon eigentlich nicht gerade das massentauglichste, wohl aber das französischste aller Instrumente gewählt hat, schwimmt mit diesem Programm auf der populären Welle. Das Publikum im Karlstorbahnhof dankt ihm und seinen Bandkollegen mit Standing Ovations.

Vincent Peirani Living Being
Vincent Peirani Living Being, Foto: Axel Hildebrandt

Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Axel Hildebrandt

Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025 (Kopie) (Kopie)

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