Tag 5 als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Vijay Iyer und Wadada Leo Smith in einem leisen Konzert mit viel Raum, Klangfarbe und Emotionalität.
Das Duo des Pianisten Vijay Iyer und des Trompeters Wadada Leo Smith am 28. Oktober 2025 im BASF-Gesellschaftshaus Ludwigshafen.
Ein Review von Sarah Seidel
Vijay Iyer und Wadada Leo Smith in einem leisen Duo-Konzert mit viel Raum, Klangfarbe und Emotionalität
Der Dienstagabend kann kommen, mit der Fahrt zum BASF-Gesellschaftshaus nach Ludwigshafen und zum Duo-Konzert des Pianisten Vijay Iyer mit dem Trompeter Wadada Leo Smith.
Der traditionsreiche Saal im BASF-Gesellschaftshaus fasst ca. 200 Zuhörer. Ein Raum, dem man ansieht, dass er für Klassikkonzerte oder kammermusikalische Gelegenheiten gedacht ist. Das BASF-Gesellschaftshaus ist seit 1900 und damit seit nunmehr 125 Jahren in Betrieb. Ein Ort der Begegnungen – so heißt es auf der Webseite des Unternehmens. Wir, eine kleine Gruppe von Journalisten und Veranstaltern, kommen kurz vor Konzertbeginn an. Die beiden renommierten Künstler des Plattenlabels ECM passen mit ihrer musikalischen Klangvision sehr gut hierher, es erwartet uns ein leises, ruhiges und konzentriertes Konzert mit anrührenden Momenten.
Der Trompeter Wadada Leo Smith ist 83 Jahre alt, im Süden der USA geboren und als Mittzwanziger nach Chicago gezogen, wo er sich der AACM, der Association for the Advancement of Creative Musicians mit Persönlichkeiten wie Leroy Jenkins und Anthony Braxton angeschlossen hat. Eine Vereinigung von Musikern der kreativen, experimentellen Free Jazz-Szene Chicagos. Wadada Leo Smith ist nicht sehr groß und trägt sein Haar in Dreads. Seine Augen mustern uns mit großer Freundlichkeit und Offenheit. Auf der Bühne erscheint er strahlend hell, da er einen naturweißen Leinenanzug trägt. Für ihn gibt es einen Stuhl auf der Bühne vor dem Flügel, auf dem er das Konzert sitzend spielen wird.
Der Pianist Vijay Iyer ist 30 Jahre jünger als sein Duo-Partner, er kommt im blauen Anzug auf die Bühne und setzt sich ans Klavier, um dann nach Bedarf zum Fender Rhodes zu wechseln, das frontal zum Publikum aufgebaut neben dem Flügel steht. In den nächsten anderthalb Stunden werde ich abschalten und zu mir selbst kommen.
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BASF-Gesellschaftshaus, Foto: Sarah Seidel -
BASF-Gesellschaftshaus, Foto: Sarah Seidel -
BASF-Gesellschaftshaus, Foto: Sarah Seidel
Ich fühle mich auf vielen Ebenen angesprochen, weil die Musik so fragil, so überaus zerbrechlich und dabei so menschlich erscheint. Die Akkorde, die Vijay Iyer anschlägt, sind von ergreifender Schönheit. Aber Schönheit, die nicht ohne Schmerz ankommt. Gerade haben sich die Dissonanzen aufgelöst, schon ist da wieder ein dunkler Unterton, etwas Bedrohliches. All das gehört zum Leben. Es ist nie eine Farbe allein, es ist die Mischung aus mehreren Farben, die berührt oder fasziniert. Sehr abstrakt und gleichzeitig so nachvollziehbar.
Die Trompete ist nahe dran an der menschlichen Stimme und deshalb erinnert sie mich bei Wadada Leo Smith, der sich beim Spielen weit vornüberbeugt, an ein Singen, aber auch an ein Wimmern und Weinen und dann eben auch an einen Schrei gegen die Unmenschlichkeit in der heutigen Gesellschaft. Er hat einen wunderschönen Ton, manchmal nutzt er einen Dämpfer. ”Defiant Life“ heißt das aktuelle ECM-Album der beiden Künstler, übersetzt „trotziges Leben“.
Sphärische Musik. Eine Klangmalerei. Eine Raumkreation, die bei diesen beiden Musikern offen und groß ist und hier und da durch minimale elektronische Effekte mit Hall versehen. Gegen Ende des Abends widmet Wadada Leo Smith dem vor zwei Tagen verstorbenen Schlagzeuger Jack DeJohnette ein Stück. Ich hatte während des Zuhörens sowieso schon die ganze Zeit das Gefühl, dass ich eine Art Requiem höre. Aber vielleicht ist das auch nur meiner eigenen inneren Verfasstheit geschuldet. Am Ende komme ich aus einem Konzert auf dem höchsten Niveau, glücklich, diese beiden Musiker zusammen erlebt zu haben.
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Wadada Leo Smith, Foto: Manfred Rinderspacher -
Vijay Iyer, Foto: Manfred Rinderspacher
Text: Sarah Seidel
Fotos: Sarah Seidel, Yannick Dupps, Manfred Rinderspacher
Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025
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