Vierter Tag als Writer in Residence beim Enjoy Jazz 2025: Angelika Niescier schwingt sich im Foyer des Karlstorbahnhofs auf in abenteuerliche Höhen. Traurige Nachricht am Morgen

Angelika Niescier mit Tomeka Reid und Eliza Salem im Foyer des Karlstorbahnhofs Heidelberg am 27. Oktober 2025.
Ein Review von Sarah Seidel

Gleich nach dem Aufstehen beim Blick auf Instagram eine traurige Nachricht: Der Schlagzeuger Jack DeJohnette ist am Sonntag gestorben. Ich bin sehr betroffen. DeJohnette saß bei so vielen Konzerten der obersten Liga, die ich erleben durfte, am Schlagzeug. Mir werden sie immer in Erinnerung bleiben. Ob er nun mit Herbie Hancock gespielt hat, mit Michael Brecker, Pat Metheny oder John Scofield. Oder mit seiner eigenen Band Special Edition. Mit Keith Jarrett habe ich ihn leider nie live gehört. Seine LP Audio-Visualscapes mit Gary Thomas, Greg Osby, Mick Goodrick und Lonnie Plaxico steht bei mir im Plattenregal und wurde viel gehört. Herbei Hancocks Album The New Standard, bei dem Jack DeJohnette und Perkussionist Don Alias spielen, ist einer meiner Dauerbrenner.

Über die Jahre habe ich Jack DeJohnette immer mal wieder getroffen und Interviews mit ihm geführt. Zuletzt, als 2017 das Album Hudson erschien. Mit dabei waren John Scofield, John Medesky und Larry Grenadier. Das Hudson Valley in Upstate New York war auch sein Zuhause, wo DeJohnette mit seiner Frau Lydia lebte. Viel Natur, die richtige Umgebung für eine kreative Community. Damals sagte er zu mir: Ich hatte das Glück, Erfahrungen sammeln zu dürfen mit so vielen großartigen Innovatoren und Persönlichkeiten des Jazz. Das, was ich tue, was ich in die Musik einbringe, hat sie inspiriert. Umgekehrt hat es mich inspiriert, wir haben uns gegenseitig inspiriert, und ich führe das fort.

Schon 2005 bei der JazzBaltica war einiges aus seiner langen Karriere zu hören – da wollte meine Kollegin Angela Ballhorn ein Interview mit Roy Haynes machen (sie hat an dieser Stelle darüber berichtet). Als Jack DeJohnette dazukam und beide mit einem Teller Essen am Tisch saßen, brauchten Angela und ich nur noch unsere Aufnahmegeräte laufen lassen, die beiden Schlagzeuger unterhielten sich in erster Linie miteinander und ließen uns daran teilhaben. Und natürlich sprachen sie über die Platte The DeJohnette Complex von 1968, auf der sie beide gespielt haben. Übrigens saß DeJohnette da auch am Klavier, er war ein ziemlich guter Pianist. Auf dem Stück Papa-Daddy And Me spielt DeJohnette die Melodica, während Roy Haynes am Schlagzeug sitzt. Ich habe Jack DeJohnette immer als freundlich und zugewandt erlebt, er wird sehr vermisst werden.

Angelika Niescier gibt mit Tomeka Reid und Eliza Salem im Foyer des Karlstorbahnhofs Heidelberg Volldampf

Angelika Niescier Trio
Angelika Niescier Trio, Foto: Elisabeth Samura/Enjoy Jazz

Abends zurück im Karlstorbahnhof. Auf dem Programm: Ein Trio ohne Harmonie-Instrument. Die Saxofonistin Angelika Niescier aus Köln hat sich für dieses Konzert die Cellistin Tomeka Reid aus Washington und die Schlagzeugerin Eliza Salem aus Brooklyn eingeladen. Natürlich ist es mit dem Cello möglich, Harmonien beizusteuern, auf denen die Saxofonistin ihren Improvisationen freien Lauf lassen kann. Angelika Niescier, die alle Kompositionen für diese Gruppe schreibt, arbeitet extrem rhythmisch und strukturiert.

Während des Konzerts gibt sie alles, verausgabt sich, hält aber immer die Zügel in der Hand und gibt ihren Mitmusikerinnen Zeichen, wenn wieder eine rhythmische oder harmonische Verschiebung stattfindet. Das rockt wie verrückt. Ich selbst muss dabei fast den Atem anhalten, so sehr fesseln Angelika Niescier und ihre Kolleginnen mit ihrem Spiel. Jede mögliche Tonalität ihres Instruments bringt die Saxofonistin zum Klingen, von den feinsten hohen Tönen bis hin zu bratzenden, tiefen Sounds, sie breitet das ganze Spektrum vor sich aus. Ihre Partnerinnen an Cello und Schlagzeug sind dabei wie in einem unsichtbaren, straffen Band mit ihr verbunden, gehen jeden Schritt mit oder befeuern sie.

Tomeka Reid, die hauptsächlich den Bogen zur Hand hat, und Eliza Salem werden mit Angelika Niescier zusammen zu musikalischen Skulpteuren. Da wird gemeißelt und geschliffen, eine durchgehende Arbeit am Sound. Das ist keine leichte Kost, aber durchweg lohnend. Das Publikum bleibt im Foyer, bis der letzte Ton verhallt ist und möchte am Ende noch mehr hören. Es gibt eine Zugabe. Danach habe ich schließlich noch die Gelegenheit, mit Angelika Niescier einen Artist Talk zu führen. Es fühlt sich an, als wenn man eine total erschöpfte Marathonläuferin nach 42 Kilometer Laufstrecke noch einmal nach ihrem Leben und ihrer Karriere befragt.

Text: Sarah Seidel
Fotos: Elisabeth Samura/Enjoy Jazz

Dieser Beitrag ist Teil unserer Enjoy Jazz 2025-Berichterstattung.
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Sarah Seidel – Writer in Residence beim Enjoy Jazz Festival 2025 (Kopie)

Alle Berichte, Reportagen und Eindrücke aus Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen.

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