Irreversible Entanglements - Jazzfest Berlin - Fr 02.11.2018

Irreversible Entanglements
Irreversible Entanglements, Foto: Camille Blake

Irreversible Entanglements ist:
Camae Ayewa aka Moor Mother - vocals
Keir Neuringer - alto saxophone
Aquiles Navarro - trumpet
Luke Stewart - double bass
Tcheser Holmes - drums

In der Tat, die Musik von Irreversible Entanglements – so der Name der Gruppe - ist nicht rückgängig zu machen. Entanglements kann auch Verwicklungen, Verstrickungen beinhalten mit leichter Tendenz zum Negativen. Wir sind beim 1. Konzert des diesjährigen Jazzfestes und beim Thema.

Es geht sofort richtig zur Sache: freier Sound, der kaum thematische oder rhythmische Variationen aufweist, dafür umso mehr das energetische Spiel mit Klangräumen und Feldern sucht, ohne sich um harmonisches Wohlgefallen zu kümmern. Es tönt nach jener Sturm– und Drangphase im FreeJazz, die in den späten 60-zigern und frühen 70-zigern begann, und die sich seitdem kaum oder nicht veränderte. Dies muss man/frau sehr mögen, wenn solche Musik gefallen soll. Andere Jazz-Ohren haben Mühe, diesem Sound etwas abzugewinnen, wenn das stilistische Mittel des freien Spielens zum absoluten Stil er- und verklärt. So ist es auch heute: Power-Sound, nervös und lärmend an der der Grenze zum Noise-Genre, ohne jede Überraschung.

Irreversible Entanglements
Irreversible Entanglements, Foto: Camille Blake

Aber halt, da ist doch was neu, sogar innovativ, Vielleicht so: Music meets living poems. Anders gesagt: Lyrik und Jazz. Warum nicht? Es war und ist stets schwierig, die inhaltlichen (auch hermetischen) Aussagen von Lyrik musikalisch umzusetzen. Hier versucht es die Vokalistin Moor Mother. Sie schmettert Wörter und Wortfetzen deutlich und lautstark, gefüllt mit emotionaler Energie in den Raum, wiederholt diese stereotyp: Gut zu verstehen sind: „Freedom …across the border, across the sea, you can´t know it, it´s a common, we are ready on fire, war“.

Die eigentlichen inhaltlichen Aussagen gehen in schnell hingeworfenen und in ihrer Artikulation kaum oder schwer zu verstehenden Sätzen unter. Nun, dies ist für die inhaltliche Aussage der Texte (besonders bei Lyrik, deren Interpretation auch in schriftlicher Form nicht einfach sein mag) schade und kontraproduktiv, da sie in dieser Form nur für Muttersprachler oder solchen mit exzellenten Sprachkenntnissen zu verstehen ist. Nach späteren Reaktionen des Publikums bei Ansagen oder Erläuterungen in Englisch zu schließen, treffen diese Anforderungen auf max. 5 bis 10% der Anwesenden zu. Die andern können halt nicht genügend Englisch. Pech gehabt! Da tröstet sich das Publikum mit der Musik. Bei den expliziten sprachlichen Passagen - no one can remember plus weiterer Text - halten sich die Bläser zurück und überlassen Drums und Bass das Geschehen. Diese erspielen sich durchlaufende Figuren, in die die Bläser ihre spitzen und schrillen Aufschreie stoßen. Die Rhythm Section findet zunehmend zueinander, der Sound wird kompakter, den Trompete und Sax thematisch aber nicht nutzen. Sie beschränken sich darauf, ihre schrillen Tonfolgen in die Musik zu schleudern. Dabei hilft es auch musikalisch nicht, wenn der Saxofonist dabei auf die Knie geht.

Eine extrem schwer zu verstehende (afro?)amerikanische Lyrik (die doch verstanden werden will) basiert auf einem unbändigen, nur schrill tönenden freien Jazz ohne Variationen und Überraschungen. Schade, aber hier mutiert die musikalische Freiheit der Jazz zur einschläfernden Langeweile.

Text: Cosmo Scharmer

Kurzgeschichten über neun Konzerte des Jazzfestes Berlin 2018.
Die einzelnen Konzerte des Festivals in der Übersicht:

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