Kim Myhr - Jazzfest Berlin – So. 03.11.2018

Kim Myhr
Kim Myhr, Foto: Camille Blake

You | me

Kim Myhr - electric and acoustic guitars
David Stackenäs - electric and acoustic guitars
Håvard Volden - electric and acoustic guitars
Adrian Myhr - guitars, bass
Ingar Zach - percussion
Hans Hulbækmo - drums, percussion
Tony Buck - drums, percussion

Vier Gitarren plus 3 x Drums. Dies kann nicht anders klingen als Gitarren-Sound mit perkussiver Unterstützung. Wir lassen uns überraschen.

Es fängt ganz langsam an: sphärische Klänge, wenige Akkorde, die einfach runtergeschlagen werden; die leise Perkussion beisteuernden Drummer halten sich zurück. Die einfachen Gitarrenakkorde bestimmen immer noch den Klang, bleiben gleich, variieren nicht. Die Trommeln machen jetzt mit: durchlaufender Beat, kein Swing oder artverwandte Rhythmen. Klingt sogar ganz annehmbar, aber passiert da noch was? Nein, hier ändert sich nichts. Die stets gleichen Akkorde prasseln auf die Hörer ein. Es wird sich auch nichts mehr ändern, denn diese Musik beschwört den Gleichklang, die Lust an der Monotonie.

Dieser Klang hat viel von einschläfernder Drogenmusik, hin und weg. Dies ist im wörtlichem Sinn zu verstehen: Einige Nachbarn mit geschlossenen Augen dösen nicht, sondern sind in den Schlaf gefallen, eindeutig zuerkennen an dem auf die Brust gefallenen Kopf. Lauwarmer Beifall weckt sie wieder auf. Darin scheint auch die therapeutische Wirkung dieser Musik zu liegen. Wer Schlafprobleme hat oder emotional stark aufgedreht ist, der könnte durch diese nützliche Gebrauchsmusik gut klarkommen. Dies ist nicht ironisch gemeint.

Wer etwas mehr Abwechslung liebt, mit ein paar Akkorden nicht zufrieden ist, der ist hier verkehrt. So langsam wie das Stück angefangen hat, hört es auch nach 20 min (gefühlten 1,5 Stunden) wieder auf. Es gibt noch ein weiteres Stück.

Jetzt sind es ein paar ganz nett klingende Akkorde mehr – der Autor schwankt zwischen 3 oder 4. Es tönt ein wenig nach Country- und Westen, gespielt von einer engagierten Schülerformation auf dem Abschlussball. Ha, da ist ein neuer Akkord, auch einzelne Töne sind zu entdecken. Kommt jetzt Variation oder sogar ein Solo? Weit gefehlt, die Anfangssequenzen schallen erbarmungslos durch den Saal. Die Drummer schlagen jetzt etwas eifriger zu, aber nicht zu laut, bleiben brav im Takt, der einfach durchläuft. Es wird ruhiger, immer leiser bis fast zur Stille. Das Stück ist aus? Nein, dies ist nur eine Pause, jetzt fangen die mehr als vertrauten Akkorde wieder an. Es soll nicht verheimlicht werden, dass irgendwann auch mal einzelnen Single Notes gespielt werden, die bei Wohlwollen auch als kurze solistische Einlage bezeichnet werden könnten.

Diese Musik ist die ewige Wiederkehr des Gleichen. Hier ist noch weniger Variation auszumachen als in der Musik, die als minimalistisch charakterisiert wird. Dafür könnte sie vielleicht therapeutisch wirken: Nordische Wiegenlieder von Kim Myhr.

Text: Cosmo Scharmer

Kurzgeschichten über neun Konzerte des Jazzfestes Berlin 2018.
Die einzelnen Konzerte des Festivals in der Übersicht:

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