INSPIRATIONEN

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Hiermit empfehle ich Dir Klaviermusik, die von traditionellen Melodien und Geschichten aus Irland inspiriert wurde..

Anthony Capparelli (Piano)  Colin Urwin & Liz Weir (Storytelling)
Tales of the Glens (Philip Hammond)
CD: Divine Art   ddx 21125 (Naxos)

Der Saxophonist Rain Sultanov hat sich insprieren lassen von der Atmosphäre und von der Akustik einer Kirche in seiner Heimatstadt.

Rain Sultanov
Gorgiveness
Ozella

Bleib in Schwingung!

Winfried Dulisch

Rain Sultanov - Gorgiveness

Die lutherische Erlöserkirche in der Hauptstadt von Aserbaidschan, Baku, wurde 1899 eingeweiht. 1936 hörte diese evangelische Gemeinde auf zu existieren. Ihre Kirche blieb vermutlich deswegen unzerstört, weil einige Gemeindemitglieder dem Sowjetführer Josef Stalin versprochen hatten, bis an sein Lebensende für ihn zu beten. Im Jahr darauf ließ er sie dennoch erschießen. Mit dieser Vorgeschichte bot sich die unaufdringlich sanft nachhallende Erlöserkirche als der genau richtige Aufnahmeort für das Projekt “Forgiveness” (Vergebung) an.

Der 1965 in Baku geborenen Saxophonist Rain Sultanov hatte 2018 mit dem Organisten Isfar Sarabski das Duo-Album “Cycle” veröffentlicht. Im September 2021 spielte Vladimir Nesterenko die Orgel der Erlöserkirche. Zusätzlich erweitert der Cellist Aleksey Miltikh das Klangspektrum auf “Forgiveness”. Ein weiterer zumindest gleichwertiger Dialogpartner – eigentlich sogar ein musikalisch wesentlicher Meditationspartner – ist für den Saxophonisten der schon erwähnte Kirchenhall.

In dieser historisch aufgeladenen Umgebung darf Rain Sultanov die künstlerischen Ambitionen durchaus hoch ansetzen. Sein im Booklet gegebenes Versprechen, dass er die Musik zur “Heilung durch Umarmung und Umwandlung von Wut” nutzen will, kann er bei Live-Darbietungen garantiert einlösen. “Forgiveness” ist dagegen einfach nur ein angenehm durchhörbares Album, auf dem sein Saxophon viele Anregungen für friedlich dahinfließende Gedanken liefert – nicht mehr, und auf keinen Fall weniger.

Erscheinungstermin: 07.06.2024
Label: Ozella

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Philip Hammond - Klavierwerke "Tales of the Glens"

Anthony Capparelli (Piano)  Colin Urwin & Liz Weir (Storytelling)
Tales of the Glens (Philip Hammond)

Das Musikleben auf der irischen Insel beschränkt sich keineswegs auf das Absingen von Sauf- und Raufliedern in den Pubs und anderen Guinness-Abfüllstationen. Vor allem in Nordirland – mehr noch als in der Republik Irland – liefert die Storyteller-Szene ständig neue wie auch traditionelle Storys für die Kulturschaffenden. Irish-Folkies, celtic-rockige Punk-Bands und inzwischen auch einige Rapper und Hiphop-Kreative nutzen den Storytelling-Fundus für ihre eigenen Arbeiten.

Die irischen Jazz-Musiker fremdeln allerdings noch ein wenig mit dieser Inspirationsquelle – ähnlich wie ihre deutschen Kollegen mit ihrem Volkslied- und Märchenfundus. Im Vergleich zu den meisten Volksmärchen aus dem übrigen Europa schmeicheln sich die Werke der keltisch-irischen Erzähltradition dem Hörer schnell angenehm sanft ein. Deswegen wirken sie meist schon ab dem ersten Satz wie Kopfkino-Drehbücher und sind eigentlich in vielen Genres ideale Vorlagen für Musikstücke.

Der Singer/Songwriter Colin Urwin und die Buchautorin Liz Weir gehören seit Jahren zu den Top-of-the-Bill-Acts bei den Storyteller-Festivals in englischsprachigen Ländern. Das Duo war allein schon wegen der zwei höchst unterschiedlichen Erzählstimmen eine gute Wahl für jene fünf altüberlieferten “Tales from the Sea of Moyle”, von denen sich der irische Komponist Philip Hammond (*1951) zu einem Klavierwerk “for piano and storyteller” anregen ließ. Colin Urwin rezitiert mit eindringlich sanft sonorem  Bassbariton seinen Text. Überhaupt nicht im Stil einer langatmig betulichen Märchentante plaudert Liz Weir von den Fabelwesen auf der nordirischen Insel Rathlin, am Konzertflügel lässt Anthony Capparelli dazu quirlig ein paar Akzente aufblitzen.

Auf den 14 übrigen Tracks dieses Albums lädt der US-Pianist ohne Storyteller-Stichworte zum Hineintauchen in die keltische Fantasienwelt ein. Die dafür verwendeten traditionellen Melodien aus Irland wurden von Philip Hammond bearbeitet und von zwei irischen Altmeistern des 18. Jahrhunderts – dem Organisten  Edward Bunting und dem heute als National-Komponisten verehrten Harfenisten Turlough O'Carolan. Für dieses Repertoire schöpfte Anthony Capparelli seine  Ausdrucksmöglichkeiten von einfühlsam lyrisch bis aufwühlend dramatisch aus.

Erscheinungstermin: 17.05.2024
Label: Divine Art

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Text: Winfried Dulisch

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Kommentar von Dagobert Böhm |

Sehr super, wirklich köstlich lieber Jazek und lieber Winfried! So toll geschrieben! - Die meisten Jazzmagazine und überhaupt Musikmagazine würde ich mittlerweile als unlesbar bezeichnen - ob sie von KI geschrieben werden? Aber von Intelligenz kann man eigentlich garnicht reden... Jazz-Fun macht so wirklich Freude! Weiter so!!! Lieben Gruß, Dago 😀

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