Chris Kramer aus Dortmund gesteht: „Als aktiver Blues- und Jazz-Musiker hatte ich nie darüber nachgedacht, wie das Publikum zu meinen Gigs kommt. Seitdem ich Konzerte veranstalte, achte ich darauf, dass alle Zuhörer ungehindert die Eingänge benutzen können. Jeder Gast – ob eingeschränkt bewegungsfähig oder nicht – hat Anspruch auf einen Abend voller Freude. Und nach Konzerten ist jeder lächelnde Besucher eine emotionale Gage, die sich kein Musiker oder Veranstalter entgehen lassen sollte.“
Dieses Lächeln kann einem Rollstuhlfahrer schon vor dem Konzert vergehen. Was nutzt ihm die großartigste Performance auf der Bühne, wenn ein Star-Architekt für die Treppenhaus-Gestaltung eines Jazztempels nur die teuersten und besten Materialien verplant hatte – doch für einen Fahrstuhl fehlte das Geld?
… nächster Zwischenruf: Wir Jazzclub-Betreiber würden gerne den Ansprüchen aller Besucher gerecht werden. Aber die Politiker geben Steuergelder lieber für Opernhäuser und andere Hochkultur-Einrichtungen aus. – Na, na, denen geht es auch nicht mehr so dolle wie noch vor der Wirtschaftskrise. Doch im Vergleich zu den üppiger geförderten Häusern stehen Jazz-Initiativen, die sich als Teil einer freien Szene verstehen, am Ende der kulturpolitischen Nahrungskette.
Oft genug sind es Laien, die sich für die Jazzfreunde in ihrer Region um Programmplanung, Bühnentechnik, Werbung und überhaupt alles kümmern. Und sie halten ihren Club nicht nur am Laufen, sie bringen ihn sogar zum Swingen. Wer kann sich in solch einem Selbstausbeuter-Team noch um rollitaugliche Notausgänge kümmern? Und wer sorgt vor jeder Veranstaltung für genügend Behindertenparkplätze?
Nur ein Beispiel von vielen: Ein Hamburger Jazzclub nennt auf seiner Homepage zwei Behindertenparkplätze in 300 Meter Entfernung – einer davon kann täglich von 12 bis 22 Uhr genutzt werden. Der 500 Meter entfernte Parkplatz kann von 8 bis 18 Uhr genutzt werden und ist somit für Besucher von Konzerten, die um 20 Uhr beginnen, nutzlos. Die ehrliche Selbstauskunft zur Barrierefreiheit warnt: „Eine schmale Treppe führt in das im Kellergeschoss gelegene Birdland. In den Räumlichkeiten befinden sich mehrere kleine Stufen. Die Toiletten sind nicht barrierefrei.“.
Für diese Offenheit und Ehrlichkeit verdient der Hamburger Jazzclub Birdland einen Sonderapplaus.
In anderen – auch renommierten – Clubs kommt es durchaus vor, dass wir erst am Eingang erfahren: Ich darf rein, mein rollifahrender Freund muss draußen bleiben. Im Vergleich dazu widmen sich die meisten Opernhäuser diesem Problem vorbildlich.
Zum Beispiel die Semperoper in Dresden: „ Für Rollstuhlfahrer*innen sind bis zu elf Plätze im Zuschauerraum reserviert. Jeder Platz ist über den Fahrstuhl erreichbar. Geben Sie bei einer Kartenbestellung an, wenn ein Rollator benutzt wird und daher gut erreichbare Plätze benötigt werden.“
Für Besucher, die einen Assistenzhund benötigen, stellt die Semperoper spezielle Plätze zur Verfügung. Welcher Jazzclub bietet blinden Gästen, für die ein Abend mit Musik noch lebenswichtiger ist als für sehende Menschen, solch einen Service? Dabei würden Blindenhunde niemals drauflos bellen und sich vom Herrchen oder Frauchen losreißen, wenn der Drummer ein wildes Solo spielt.
Wie reagieren Jazzclub-Türsteher auf einen Diabetiker, der kein Konzert besuchen kann ohne seinen medizinischen Signalhund, der ihn vor Über- oder Unterzuckerung warnt. Epilepsie-Hunde signalisieren ihrem Halter und dessen Umfeld, dass in Kürze ein epileptischer Anfall zu erwarten ist. Und wie reagieren die Musiker, das Personal und Publikum, wenn in einem restlos ausverkauften Haus ein Gast plötzlich einen Krampfanfall oder eine lebensbedrohliche Panikattacke bekommt?
Zu den 13 Prozent der behinderten Mitbürger zählen auch jene, die vom Tourette-Syndrom betroffen sind. Wie lange kann ich einen an dieser Erkrankung des Nervensystems leidenden Sitznachbarn während eines Konzerts ertragen? Wie soll ich mich fühlen, wenn dieser Jazz-Liebhaber andauern rumzappelt, Grimassen zieht und mich ständig ohne jeglichen Anlass ein Arschloch nennt oder teilweise noch wüster beschimpft?
Was denkt ein Jazzclub-Betreiber, der an manchen Abenden weniger einnimmt als er für die Gage der auftretenden Musiker bezahlen muss, wenn er auf der Semperoper-Website dieses Angebot liest? –„Ab einem Behinderungsgrad von 80 Prozent kann gegen Vorlage des Schwerbehindertenausweises eine Karte mit 50 Prozent Ermäßigung gebucht werden. Enthält der Schwerbehindertenausweis den Nachweis für eine Begleitperson, gilt für diese der gleiche Preisvorteil.“
Die Bayerische Staatsoper lässt sich die kulturelle Teilhabe von Behinderten noch mehr kosten: „Rollstuhlfahrende erhalten kostenlosen Eintritt. Der Sitzplatz für eine Begleitperson ist zu 50 Prozent Ermäßigung erhältlich.“ Sehbehinderte, Kriegs-, Wehrdienst- oder KZ-Beschädigte sowie deren Begleitperson erhalten ebenfalls eine 50-prozentige Ermäßigung.
Weil der Operngenuss nicht erst mit dem Verlöschen der Saalbeleuchtung beginnt, gestand die Bayerische Staatsoper 2024 ein: „Unsere Website ist nicht vollständig mit den für uns geltenden Vorschriften zur Barrierefreiheit vereinbar.“
Eine Mängelliste für die Website-Gestaltung zählt auf: „An vielen Stellen ist das Kontrastverhältnis nicht ausreichend. Für Audio-Inhalte werden kein Transkript oder andere Textalternativen bereitgestellt. Anderssprachige Wörter und Absätze sind nicht ausgezeichnet. Die Website bietet keine Vorlesefunktion, Anpassung der Schriftgröße oder Schriftformatierungen. Es ist gibt keine Websiteversion in Leichter Sprache oder Deutscher Gebärdensprache. Die Website ist nicht ohne Maus nutzbar. PDF-Dateien sind nicht vollständig in einem barrierefreien Format abrufbar.“
Welcher Jazzclub-Betreiber hatte all diese Aspekte bedacht, als er den Auftrag für die Gestaltung seiner Website vergab?
Auch diesbezüglich sehen einige Spielstätten für neue Improvisationsmusik im Vergleich zu dem Münchner Musentempel Bayrischen Staatsoper alt aus. In der Bayrischen Staatsoper stehen zwei Räume, die als Ruheraum oder Schutzraum dienen können, sowie ein Hausarzt und Sanitätsraum zur Verfügung. Und wer jemals in einem dunklen Kellerclub herumirrte, der weiß, warum die Staatsoper darauf hinweist: „Im Gebäude gibt es eine große und deutliche Beschilderung und Wegweiser.“
Ein österreichischer Mitbewerber der Münchner muss auf seiner Website gestehen: „Die Wiener Staatsoper bietet aufgrund der historischen Bausubstanz leider keine idealen Voraussetzungen für Barrierefreiheit.“ Unter diesem Manko leiden auch viele Jazzclubs, die oft in Häusern betrieben werden, die noch ohne jegliches Bewusstsein für Barrierefreiheit erbaut wurden.
Doch die Wiener garantieren: „Alle unsere Plätze sind per Lift erreichbar. Barrierefreie Toiletten stehen zur Verfügung.“ Weil die Wiener Staatsoper nicht nur während der Vorstellungen ein Mekka für Kultur-Touristen ist, weist sie darauf hin: „Da unsere Führungen durch mehrere Stockwerke führen, können wir momentan leider keine barrierefreie Führung anbieten.“
In Amsterdam ist das Opernhaus keine solche Topadresse, dort spielt das Concertgebouw wegen seiner Klangqualität für Klassikfans die erste Geige. Auch viele Jazz-Größen aus den USA betrachten das Konzertgebäude als ihr europäisches Wohnzimmer. Und wie fühlt sich ein behinderter Musikliebhaber in diesem ehrwürdigen Saal?
Ausgerechnet in Amsterdam, wo eine Parkplatzsuche die Nerven extrem belastet, kann das Concertgebouw beruhigen: „In der Nähe des Haupteingangs befinden sich sieben Parkplätze für Menschen mit Behinderungen.“ Inhaber eines gültigen Europäischen Parkausweises für Behinderte können auf diesen Plätzen kostenlos parken.
Hörgeschädigte haben im Concertgebouw die Wahl zwischen zwei Hörhilfe-Systemen. „Sie können ein Infrarot-Headset benutzen, das den Ton von Sendern auf den Balkonen aufnimmt. Alternativ können Sie auch einen Empfänger verwenden, der den Ton an Ihr eigenes Hörgerät weiterleitet.“ Wäre das nicht ein Service, den auch die Jazzclubs ihrem zunehmend älter und schwerhörig werdendes Publikum anbieten könnten?
Nicht nur die Opernhausdirektionen, sondern auch alle Jazzclub-Manager wollen jedem Musikfreund die bestmögliche Teilhabe am Kulturleben gewährleisten. Deswegen wird jazz-fun.de regelmäßig in journalistischen Beiträgen über behindertengerechte Clubs berichten.
Besitzen Sie einen solchen Club oder arbeiten Sie dort? Haben Sie einen Club besucht, den Sie einem behinderten Jazzfan empfehlen können? – Dann freuen wir uns auf Ihre Informationen. Schreiben Sie an info@jazz-fun.de oder benutzen Sie das Kontaktformular.
Bleibt in Schwingung!
Winfried Dulisch
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