INSPIRATIONEN Special: Christmas-Favorites von Winfried Dulisch

Liebe Jazz-Musikerin, lieber Jazz-Musiker,

alle Jahre wieder bekomme ich um den 15. Dezember herum einige großartige und unbedingt erwähnenswerte Weihnachtsplatten zugeschickt. Doch wir Musikjournalisten liefern unsere Xmas-Rezensionen spätestens Mitte November bei den Printmagazinen ab. In der Vorweihnachtszeit erzeugen die Druckmaschinen einen besonders hohen Termindruck. Das Online-Magazin jazz-fun.de bietet den Vorteil, dass wir eine Geschenkempfehlung noch am 24. Dezember bis kurz vor der Bescherung geben können. Und welcher Plattenladen ist dann geöffnet? Es bleibt jedoch genügend Zeit für einen Streaming-Download.

Außerdem ist vielen Xmas-Alben bereits nach wenigen Takten anzuhören, mit welcher Lieblosigkeit sie produziert wurden. Oft genug schon hatte Plattenlabel-Chef seinen Vertragspartnern den Job aufgedrückt, “mal schnell noch was für Weihnachten” aufzunehmen.

Dabei ist Weihnachtsmusik die beste Darstellungsmöglichkeit für Künstler, die das Talent zum Singen und Sagen – und vor allem auch zum Hinterfragen – der christlichen Friedensbotschaft haben. Ich stelle hier einige Inspirationsquellen vor und wünsche Dir viel Erfolg bei Deiner künstlerischen Auseinandersetzung mit weihnachtlichen Gefühlen.

Bleib in Schwingung!
Winfried Dulisch

Ein Xmas-Album kann Gefühle und Sehnsüchte verstärken. Andere Jazz-Musiker sehen ihre Aufgabe eher darin, die einmal im Jahr aufflammende Herzenswärme sanft abzucoolen. Die Organistin Barbara Dennerlein stellte sich beiden Anforderungen – und erfüllte uns noch einen dritten Geschenkwunsch: “Christmas Soul” eignet sich sogar für eine Sommernachts-Tanzparty. Mit ihrer behutsam köchelnden Hammond B-3 spielte sie das Album im Juli 2015 beim Acidjazz-Produzenten Nicola Conte in Bari an der sonnigen italienischen Adria ein. Zara McFarlane, die Londoner Sängerin mit Jamaica-Wurzeln, fand zu jedem hier verwendeten Funk-, Soul- und Fusion-Groove den angemessenen Tonfall.

Ella Fitzgerald Wishes You A Swinging Christmas” inspiriert dagegen immer noch jeden Sänger und Instrumentalisten, der auf einer retro-jazzigen Weihnachtsfeier die Tanzfläche füllen soll. Mit ”Jingle Bells”,  “Santa Claus Is Comin To Town”  “Frosty the Snowman”, “White Christmas” und anderen Ohrwürmern aus dem Great American Songbook stellte die Lady of Swing damit 1960 eine immer noch gültige Xmas-Repertoireliste für Barpianisten und Lounge-Musiker zusammen.

Die deutsch-französisch-dänische Arbeitsgemeinschaft Das Kapital zerfetzte 2017 in beinahe schon gotteslästerlicher Manier alle musikalischen Weihnachtswunschzettel. Auf “Das Kapital Loves Christmas” hinterfragten Daniel Erdmann (Sax), Edward Perraud (Drums) und Hasse Poulsen (Gitarre) unsere aktuell verfügbaren Hörgewohnheiten – vom Jump Blues hin zum Cool und Free Jazz. In “Stille Nacht” huldigt der flotte Dreier dem röhrenden Nebelhorn-Sound des Rock’n’Roll-Saxophonisten Earl Bostic. Und für alle Opfer von Weihnachtsmarkt-Zwangsbeschallungen dekonstruiert Das Kapital genussvoll Whams “Last Christmas”.

Die Interpreten eines konzertant unterkühlten Modern Jazz können sich an “A Dave Brubeck Christmas” (Concord) orientieren. Für dieses Weihnachtsalbum kreierte der Pianist 1996 mit cool-jazziger Distanziertheit sogar in “Silent Night“ und “O Tannenbaum“ rhythmische und harmonische Überraschungsmomente. Doch hörbar so richtig heimisch fühlte sich Dave Brubeck, als er nachdenklich verspielt über das Lieblingsweihnachtslied aller Jazz-Sänger – Mel Tormés “Christmas Song“ – meditierte.

Weihnukka ist ein so genanntes Kofferwort aus Weihnachten und dem jüdischen Chanukka-Lichterfest. Eheleute, die ihre jeweils vertrauten jüdischen und christlichen Traditionen bewahren wollten, feierten im 19. Jahrhundert zusammen mit ihren Kindern Weihnukka – und begründeten damit eine gute deutsche Tradition, die von den Nazis zerstört wurde. 2019 zelebrierte die bayrische Volksmusikantin Andrea Pancur “Weihnukka” als ein Fest für Familien, deren Mitglieder sich zu verschiedenen Glaubensrichtungen bekennen. Mit alpenländischem Jodeln und osteuropäisch-jüdischen Klezmer-Melodien hinterließ die 2023 verstorbene Sängerin auch an alle Jazz-Musiker die Aufforderung, zeitgemäße Weihnukka-Musik zu komponieren und zu spielen.

Der bulgarische Frauenchor Angelite nahm 2003 für das Bremer Weltmusik-Label Jaro einen ganzjahrestauglichen Longseller auf. Jaro-Gründer Uli Balß wunderte sich in den ersten Jahren noch über die vielen Bestellungen aus Japan, wo dieses Album auch zur Sommerzeit verkauft wird. Asiaten können “Angels' Christmas” nun mal ohne unsere Weihnachtskitsch-Vorurteile unbeschwert genießen. Für europäische Ohren klingen "Ihr Kinderlein kommet" und "Stille Nacht" schon ein wenig herausfordernd, wenn sie im Tonfall der orthodoxen Liturgiemusik gesungen werden. Für Jazz-Musiker sind die teilweise in Viertelton-Schritten vorgetragenen sowie dynamisch hauchfein akzentuierten Acappella-Gesänge der Bulgarinnen immer noch eine üppig  sprudelnde Inspirationsquelle.

Im Irish-Folk-Regal stehen “The Wexford Carols”. Die Vorlagen für diese Produktion stammen aus irischen  Weihnachtslieder-Sammlungen der Jahre 1684 und 1728. Die Bewohner im damals von protestantischen Engländern besetzten Irland durften ihre katholischen Weihnachtsbräuche nur heimlich pflegen. Das Album trifft gut nachvollziehbar diesen gedrückten und gleichzetig aufmüpfmig optimistischen Tonfall jener Zeit. Die Dubliner Earlymusic-Diva Caitríona O'Leary, US-Country-Sängerin Rosanne Cash und Tom Jones als Grandseigneur mit Reibeisenstimmbändern machen hier neugierig auf weitere Beispiele glaubwürdiger Volksfrömmigkeit von der grünen Insel.

Der mit Grammys, Echos und anderen Preisen dekorierte Bassbariton Thomas Quasthoff verabschiedete sich 2012 aus gesundheitlichen Gründen vom Konzertbetrieb. Nie wieder Opernbühne. Nie wieder Jazzkeller. Die Deutsche Grammophon tat ihm nur einen halben Gefallen, als das Label 2014 “Mein Weihnachten” veröffentlichte. Thomas Quasthoff offenbarte damit unfreiwillig, dass er als Interpret von “White Christmas” und anderen Xmas-Schnulzen eine Fehlbesetzung war. Doch zum Glück darf seine anheimelnd warme und gleichzeitig kraftvoll durchdringende Stimme sich großartig entfalten, wenn er zwischen den US-Immergrüns weihnachtliche Texte von Bert Brecht und Rainer-Maria Rilke rezitiert. Sogar das Gebet “Von guten Mächten”, das der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer 1944 im NS-Gefängnis geschrieben hatte, klingt bei Thomas Quasthoff ermutigend. Wegen solcher Zwischentexte ist dieses Xmas-Album eine Inspirationsquelle für Musiker, die in Jazz&Lyrik-Projekte involviert sind – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Die afroamerikanische Blues- und Gospel-Sängerin Odetta nahm 1960 ihre ersten “Christmas Spirituals” auf. 1987 legte sie das gleiche Repertoire in einer betont zurückgenommenen, auf das kammermusikalisch Wesentliche reduzierten Neueinspielung vor. Odettas ausdrucksvolle Stimme betont gleichzeitig die zarten Zwischentöne. Damit ist sie für den Gebrauch auf Weihnachtsmärkten absolut ungeeignet. Gut so. Obwohl zahlreiche Lizenzpressungen dieser zwei Alben aufgelegt wurden, stehen sie aktuell bei keiner Plattenfrima im Katalog. Wer sich von Odetta inspirieren lassen möchte, muss also auf dem Secondhand-Markt suchen.

Ähnlich erging es dem Saxophonisten Christof Lauer. Im Frühjahr 2003 hatte er mit dem Bläser-Ensemble Norwegian Brass weihnachtliches Liedgut von deutscher und skandinavischer Herkunft eingespielt. Doch weder die Jazz- noch die Weltmusik-Fans schienen damals reif genug zu sein für seinen “Heaven”, der mit meditativer Andacht wie auch mit handwerklicher Präzision zum Strahlen gebracht worden war. Das Album ist heute als “Nicht mehr verfügbar” gelistet im Katalog von ACT – also ausgerechnet bei jenem Label, das inzwischen einen Großteil seines kommerziellen Erfolgs mehreren Xmas-Alben verdankt, die den Hauch von norwegisch cool anheimelnder Jule-Atmosphäre versprühen.

ACT machte diesen Fehler wieder gut, indem es 2017 die Fremdproduktion “Nordic Christmas” neu auflegte. Tore Brunborg (Sax) und Kjetil Bjerkestrand (Orgel) ließen sich 1995 dafür vom Geist der legendären Avaldsnes Kirche (Insel Karmøy) nregen. Der nowegische Weltmusik-Produzent Erik Hillestad schnitt diese Meditationssitzung mit und veröffentlichte das Ergebnis anschließend auf seinem eigenen Label KKV (Kirkelig Kulturverksted – deutsch: Kirchliche Kulturwerkstatt).

Bugge Wesseltoft ging 1997 in das für Kammermusik bestens geignete Rainbow Studio, Oslo. Bei einigen Tracks saß die kleine Tochter auf seinem Schoß, als er dort das Solo-Album “It's Snowing On My Piano” einspielte. Neben Melodien, die in Skandinavien zum Julfest gesungen werden, animierten ihn angelsächsisches und deutsches Xmas-Liedgut zum nchdenklichen Improvisieren. Als der Pianist ein ähnliches Produkt für die das Weihnachtsgeschäft 2017 aufnahm, schien ihm die dafür notwendige Spielfreude zu fehlen. Aus Bob Dylans “Blowin’ In The Wind” oder Paul Simons “Bridge Over Troubled Water” hätte manch anderer Pianist mehr inspirierte Funken geschlagen als Bugge Wesseltoft auf “Everybody Loves Angels”.

Nils Landgrens "Christmas With My Friends" gehört für viele Jazz-Fans und auch für die weniger jazzaffinen Hörer inzwischen zum Weihnachtsbrauchtum. Seine bislang vorliegenden acht Alben strotzen vor Repertoire-Ideen. 2007 erledigte der schwedische Posaunist bei seinem Xmas-Debüt noch Pflichtübungen wie “Es ist ein Ros’ entsprungen”, “Stille Nacht” oder Mel Tormés  "Chestnuts Roasting on an Open Fire". Beim dritten Anlauf bewies er, dass John Lennons atheistisches Glaubensbekenntnis “Imagine” in jedes Weihnachtsprogramm gehört.

Als Nils Landgren auf der Volume IV sogar Louis Armstrongs “Wonderful World” sang, schien ihm das Repertoire ausgegangen zu sein. Mit Schuberts “Ave Maria” und José Felicianos “Feliz Navidad” holte der Schwede 2020 die Kastanien wieder aus dem knisternden Kaminfeuer. Sein “Christmas With My Friends VIII” fuhr 2023 endgültig auf der Ideallinie zwischen festlicher Besinnlichkeit und Xmas-Depressionen – mit “O Tannenbaum”, dem verrucht verspielten “Santa Baby” und Elvis Presleys Lieblingsweihnachtslied “Blue Christmas”.

Während Nils Landgren seine Xmas-Tracks oft nur wenige Tage vor dem eigentlichen Fest aufgenommen hat, musste Elvis Presley die Studiomusiker mit weihnachtlichem Gebäck und anderen Duftstoffen in Stimmung bringen, als er im September 1957 das “Christmas Album” einspielte. Quasi im Vorbeigehen etablierte sich der Ex-Rock’n’Roller mit diesem Longplayer als ein kommender Star in dem für weiße LP-Käufer reservierten Gospel-Plattenregal.

Rafael Fingerlos interpretierte 2017 in “Stille und Nacht” Kunstlieder von Schubert, Brahms und anderen Romantikern. Zum Schmankerl wird dieses Album durch seinen letzten Track: “Stille Nacht”. Das altbekannte Lied ist auf mindestens jeder zweiten Weihnachtplatte verewigt, allerdings immer nur in verstümmelter Form. Der Bariton präsentiert alle sechs Strophen dieses Textes, den der Salzburger Landpfarrer Joseph Mohr 1816 aus Freude über das Ende der Napoleonischen Kriege geschrieben hatte – unter anderem auch die Zeilen “Stille Nacht! Heilige Nacht! / Wo sich heut’ alle Macht / Väterlicher Liebe ergoß / Und als Bruder huldvoll umschloss / Jesus die Völker der Welt.” – Das erste Jazz-Album, auf dem diese Friedensbotschaft zu hören ist, wird eine besondere Würdigung erhalten als “Weihnachtsplatte des Jahres” auf Jazz-fun.de.

Text: Winfried Dulisch

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