Winfried Dulisch fragt: Ist Jazzmusik ein wirksames Heilmittel gegen Einsamkeit?

Die Antwort lautet: Nein! Die Besucher von Jazz-Konzerten müssen woanders ihren Wintertime-Blues kurieren.

Ich habe Schnupfen. Ich habe mir beim Skifahren ein Bein gebrochen. Ich habe mich mit dem Corona-Virus infiziert. – Über jedes dieser Leiden können wir offen reden. Inzwischen dürfen wir uns endlich sogar zu unseren Depressionen und Burnout-Krisen bekennen. Doch es gibt immer noch dieses Tabuthema: Ich bin einsam – und das nicht nur zur Weihnachtszeit; nein, auch im Sommer, wenn die helle Sonne das Gemüt erwärmt.

Die deutsche Boulevard-Presse hielt es 2018 noch für eine typisch britische Spinnerei, als die Regierung in London ihre ”strategy for tackling loneliness” (Strategie zur Bekämpfung der Einsamkeit) vorlegte. Gleichzeitig ernannte die konservative Premierministerin Theresa May ihre Parteikollegin Miriam Jane Alice Davies zum Parliamentary Under-Secretary of State for Sport, Civil Society and Loneliness (Parlamentarische Staatssekretärin für Sport, Zivilgesellschaft und Einsamkeit). Davies wurde hierzulande als “Einsamkeitsministerin” teils belächelt, teils bewundert.

2021 richteten die als kreative Nachahmer bekannten Japaner ein ähnliches Ministerium ein. Im gleichen Jahr widmete sich die als “Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages” bekannte Schriftenreihe dem Thema und würdigte in einem Beitrag die 2016 ermorderdete Brexit-Gegnerin und britische Parlamentsabgeordnete Jo Cox. Auf deren Agenda hatte die Bekämpfung der Einsamkeit weit oben gestanden. Spätestens nach dem Tod der Labour-Abgeordneten erkannten britische Pop- und Jazz-Musiker, dass für dieses Thema nicht allein die Politiker zuständig sind, sondern dass die Einsamkeit in den Zuständigkeitsbereich eines jeden Kulturarbeiters gehört.

Ein Jahr nach dem Tod von Jo Cox riefen ihre Familie und Freunde die Briten dazu auf, mit Picknicks und anderen Openair-Events die auf Fotos meist warmherzig lächelnde Politikerin zu würdigen. Was muss noch passieren, damit derartige Nachbarschaftsfeste auch in Deutschland regelmäßig flächendeckend stattfinden? – Na ja, im Mai 2024 hatte die Bundesfamilienministerin Lisa Paus wenigstens schon mal ein von Wissenschaftlern erarbeitetes  “Einsamkeitsbarometer” vorgestellt und weitere Forschungsbemühungen zu diesem Thema angekündigt.

Die Krankenkasse Barmer hatte bereits im Dezember 2021 in einer Online-Umfrage von Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren wissen wollen, ob sie sich einsam fühlen – 36,5 Prozent der Befragten antworteten: Ja. Sogar 41,2 Prozent jener Umfrageteilnehmer, die in Wohngemeinschaften leben, outeten sich als einsam – ein gefundenes Fressen für Heilsbringer wie Taylor Swift. Zehntausende von Swifties trösteten sich gegenseitig, knüpften Kontakte zu Gleichgesinnten aus aller Welt und nahmen gute Erinnerungen und Selfies mit auf den Heimweg, als im August 2024 das Wiener Konzert der unnahbaren und gleichzeitig allgegenwärtigen Milliardärin wegen einer Terrorwarnung abgesagt wurde.

Warum ist ein derartiges Trauer- und Trostspiel von keinem deutschen Jazz-Event überliefert? Warum bewegt – im wahrsten Sinne des Wortes – Taylor Swift die Massen? – Ganz einfach: Sie tanzt und singt. Und eines kann sie sogar noch besser: Taylor Swift lässt ein prall gefülltes Fußballstadion tanzen und singen.

Der Weckruf für unsere Jazz-Musiker hätte schon sein müssen, dass die Briten ihr Einsamkeitsministerium dem Department for Digital, Culture, Media and Sport angegliedert hatten. Denn im Kultur- und Medienbereich könnten die wirksamsten Heilmittel gegen die inzwischen als Volkskrankheit geltende Einsamkeit kreiert werden – welcher schöpferisch Tätige möchte da widersprechen? Die wohltuend heilsame Wirkung von Tanzen und Singen war bereits den afrikanischen Medizinmännern und anderen Jazz-Zutatenlieferanten bekannt und wurde von der Schulmedizin oft genug bestätigt.

Wann hast Du zum letzten Mal bei einem Jazz-Konzert getanzt? Oder gesungen? Oder sogar beides gleichzeitig erledigt? Vielleicht sogar mit einem Partner, der ebenfalls die Einsamkeitsgefühle wegtanzen und sie mit seinem Gesang der übrigen Welt offenbaren wollte?

Ich habe bei meinen letzten Jazz-Konzertbesuchen mehrfach diese Erfahrung gemacht: Auf der Bühne standen Branchen-Kollegen von Taylor Swift, die sich verschanzt hatten hinter Lautsprechern und anderen technischen Errungenschaften, die eigentlich der Kommunikation mit dem Pubikum – also auch: mit mir – dienen sollten. Doch wer bin ich eigentlich in solch einem Setting? – Viele Musiker – nicht nur bei Jazz-Darbietungen – signalisieren mit ihrem coolen Mienenspiel: Wir hier oben machen die Musik, du da unten darfst nach Dienstschluss am Tapeziertisch im Foyer unsere CDs kaufen und sie dir in einer einsamen Stunde zuhause anhören.

Vertreibt euer Digitaltonträger meine Einsamkeit? – Ich durfte als Jazz-Konzertbesucher viel zu oft bestenfalls hoffen, dass ich mit meinem Applaus ein wenig von jenen Schmerzen lindern konnte, die einen Musiker quälen, der mehrere Tage lang on the road und von seinen Liebsten daheim getrennt war.

Liebe Musikerinnen, liebe Musiker, können wir uns auf diesen Deal einigen? – Lasst mich doch einfach mal wieder für wenigsten ein paar Minuten so richtig unbeschwert zu mitreißend arrangierten Swing-Rhythmen abzappeln und mitgrölen und die ärgsten Symptome meines Wintertime-Blues vergessen! Dann beantwortet sich wie von selbst auch die immer wieder an uns gestellte Frage: Warum heißt dieses Online-Magazin, das du gerade liest, eigentlich jazz-fun.de?

Musik im Sinne von jazz-fun.de hilft zwar nicht gegen Schnupfen. Sie ist auch keine restlos befriedigende Alternative zum Skifahren. Und vor allem verhindert sie keine Corona- oder andere Infektionen, der tänzerische Körperkontakt und das lautstarke Hinausschleudern von Krankheitserregern fördern sogar das Ansteckungsrisiko. Doch vielleicht erspart uns eine neue Generation von Jazz-Virtuosen, die sich wieder auf die Tanz- und Unterhaltungsmusik-Wurzeln ihrer Kunst besinnen wollen, einen vom Steuerzahler finanzierten Einsamkeitsministersessel – und das nicht nur im Winter, wenn es schneit und die Einsamkeit am schwersten zu ertragen ist.

Bleib in Schwingung!

Winfried Dulisch

Marching Band
Zur Eröffnung der Jazz Baltica 2019 kurierte eine Marching Band erst einmal den letzten Rest von Summertime Blues. Foto: Jacek Brun

Text: Winfried Dulisch, Dezember 2024

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