Die Krankenkasse Barmer hatte bereits im Dezember 2021 in einer Online-Umfrage von Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren wissen wollen, ob sie sich einsam fühlen – 36,5 Prozent der Befragten antworteten: Ja. Sogar 41,2 Prozent jener Umfrageteilnehmer, die in Wohngemeinschaften leben, outeten sich als einsam – ein gefundenes Fressen für Heilsbringer wie Taylor Swift. Zehntausende von Swifties trösteten sich gegenseitig, knüpften Kontakte zu Gleichgesinnten aus aller Welt und nahmen gute Erinnerungen und Selfies mit auf den Heimweg, als im August 2024 das Wiener Konzert der unnahbaren und gleichzeitig allgegenwärtigen Milliardärin wegen einer Terrorwarnung abgesagt wurde.
Warum ist ein derartiges Trauer- und Trostspiel von keinem deutschen Jazz-Event überliefert? Warum bewegt – im wahrsten Sinne des Wortes – Taylor Swift die Massen? – Ganz einfach: Sie tanzt und singt. Und eines kann sie sogar noch besser: Taylor Swift lässt ein prall gefülltes Fußballstadion tanzen und singen.
Der Weckruf für unsere Jazz-Musiker hätte schon sein müssen, dass die Briten ihr Einsamkeitsministerium dem Department for Digital, Culture, Media and Sport angegliedert hatten. Denn im Kultur- und Medienbereich könnten die wirksamsten Heilmittel gegen die inzwischen als Volkskrankheit geltende Einsamkeit kreiert werden – welcher schöpferisch Tätige möchte da widersprechen? Die wohltuend heilsame Wirkung von Tanzen und Singen war bereits den afrikanischen Medizinmännern und anderen Jazz-Zutatenlieferanten bekannt und wurde von der Schulmedizin oft genug bestätigt.
Wann hast Du zum letzten Mal bei einem Jazz-Konzert getanzt? Oder gesungen? Oder sogar beides gleichzeitig erledigt? Vielleicht sogar mit einem Partner, der ebenfalls die Einsamkeitsgefühle wegtanzen und sie mit seinem Gesang der übrigen Welt offenbaren wollte?
Ich habe bei meinen letzten Jazz-Konzertbesuchen mehrfach diese Erfahrung gemacht: Auf der Bühne standen Branchen-Kollegen von Taylor Swift, die sich verschanzt hatten hinter Lautsprechern und anderen technischen Errungenschaften, die eigentlich der Kommunikation mit dem Pubikum – also auch: mit mir – dienen sollten. Doch wer bin ich eigentlich in solch einem Setting? – Viele Musiker – nicht nur bei Jazz-Darbietungen – signalisieren mit ihrem coolen Mienenspiel: Wir hier oben machen die Musik, du da unten darfst nach Dienstschluss am Tapeziertisch im Foyer unsere CDs kaufen und sie dir in einer einsamen Stunde zuhause anhören.
Vertreibt euer Digitaltonträger meine Einsamkeit? – Ich durfte als Jazz-Konzertbesucher viel zu oft bestenfalls hoffen, dass ich mit meinem Applaus ein wenig von jenen Schmerzen lindern konnte, die einen Musiker quälen, der mehrere Tage lang on the road und von seinen Liebsten daheim getrennt war.
Liebe Musikerinnen, liebe Musiker, können wir uns auf diesen Deal einigen? – Lasst mich doch einfach mal wieder für wenigsten ein paar Minuten so richtig unbeschwert zu mitreißend arrangierten Swing-Rhythmen abzappeln und mitgrölen und die ärgsten Symptome meines Wintertime-Blues vergessen! Dann beantwortet sich wie von selbst auch die immer wieder an uns gestellte Frage: Warum heißt dieses Online-Magazin, das du gerade liest, eigentlich jazz-fun.de?
Musik im Sinne von jazz-fun.de hilft zwar nicht gegen Schnupfen. Sie ist auch keine restlos befriedigende Alternative zum Skifahren. Und vor allem verhindert sie keine Corona- oder andere Infektionen, der tänzerische Körperkontakt und das lautstarke Hinausschleudern von Krankheitserregern fördern sogar das Ansteckungsrisiko. Doch vielleicht erspart uns eine neue Generation von Jazz-Virtuosen, die sich wieder auf die Tanz- und Unterhaltungsmusik-Wurzeln ihrer Kunst besinnen wollen, einen vom Steuerzahler finanzierten Einsamkeitsministersessel – und das nicht nur im Winter, wenn es schneit und die Einsamkeit am schwersten zu ertragen ist.
Bleib in Schwingung!
Winfried Dulisch
Text: Winfried Dulisch, Dezember 2024
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