Winfried Dulisch wünscht sich für die DFB-Elf ein frühes Ausscheiden bei der EM 2024.

Winfried Dulisch

Ein Land ohne Fußball ist ein armes Land. Ein Land, das sich einen Monat ohne Jazz- Konzerte leisten kann, ist noch ärmer.

Liebe Fußball-Fans,

der norwegische Musikverleger und Plattenproduzent Helge Westbye (Grappa, Simax und andere Labels) erzählte mir einst mit berechtigtem Stolz: „Wir Norweger haben eine der weltweit schlechtesten Fußballnationalmannschaften.“ Was in Deutschland eine nationale Identitätskrise auslösen könnte, erweist sich für Norwegen als kultureller Segen. „Im Sommer finden hier ständig irgendwelche Openair-Veranstaltungen statt – von Klassik und Volksmusik bis zu allen Jazz-Varianten“, schwärmt Helge Westbye.

Ähnlich gesegnet mit unterdurchschnittlichen Fußball-Stars, dafür aber mit einer lebendigen Jazz-Szene sind die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. Die Ferienhausplattform „Holidu“ analysierte in weiteren Ländern jene Google- Suchtrends, die auf Interesse an der EM 2024 hinweisen könnten. Nach Auswertung dieser Daten empfehlen die Tourismus-Profis als EM-freie Destination die Mittelmeer-Insel Malta oder das am Schwarzen Meer liegende Bulgarien. Deren Nationalkicker haben sich für eine Teilnahme an der EM 2024 ebenfalls nicht qualifiziert.

Doch in Spanien, England, Frankreich, Polen, Holland, Kroatien, Tschechien, Belgien, Dänemark, und anderen EM-Teilnehmerländern regiert König Fußball. Der öffentliche Diskurs wird einen Monat lang beflügelt oder gelähmt von den Arbeitsleistungen der Nationalkicker. Vor allem in Deutschland müssen Opernhäuser, Kinos, Diskotheken und alle Jazz-Konzertveranstalter bei ihren Planungen die Erfolge der DFB-Elf einkalkulieren. Denn der wichtigste Mitbewerber aller Kultur-Events heißt während einer Fußball-WM oder -EM: Public Viewing.

Rudelglotzen konkurriert inzwischen als Brauchtumsveranstaltung auf Augenhöhe mit Schützenfesten und Karnevalsumzügen – zumindest solange, wie Deutschland siegt. Die Musiker und Veranstalter haben kaum eine Chance gegen diese relativ kostengünstige Darbietung, bei der 22 Akteure 90 lang Minuten plus Nachspielzeit auf einem grünen Rasen hin- und herlaufen.

Liebe Musikerin, lieber Musiker,

in den vier Wochen Zwangspause während der EM 2024 wirst Du vielleicht ein neues Bühnenprogramm konzipieren. Es wird uns damit garantiert viel mehr inspirieren und mitreißen als das inzwischen bereits zum Sommermärchen 2.0 hochgejazzte Gekicke in den Fußballarenen.

Bleib anschließend in Schwingung für die WM 2026!

Winfried Dulisch

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